Beweise gegen Bin Laden: Geldtransfers bleiben die härteste Spur

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Bisher hat sich die US-Regierung hartnäckig geweigert, ihre Beweise gegen Osama Bin Laden zu veröffentlichen. Bekannt wurden jedoch zahlreiche indirekte Verbindungen zwischen den Tätern und dem vermeintlichen Drahtzieher der Terroranschläge. Die größte Bedeutung weisen die Ermittler offenbar diversen Geldtransfers zu.

Die Beweise sind noch nicht öffentlich, doch verurteilt ist er schon: Bin-Laden-Steckbrief einer US-Zeitung
REUTERS

Die Beweise sind noch nicht öffentlich, doch verurteilt ist er schon: Bin-Laden-Steckbrief einer US-Zeitung

Washington/London - Als der britische Premier Tony Blair am Donnerstag zu einer Sondersitzung im englischen Unterhaus erschien, war die Spannung groß. Denn auch unter den englischen Abgeordneten regte sich seit Tagen die Frage, was es denn nun mit den Beweisen gegen Osama Bin Laden auf sich habe, die so "erdrückend" seien, wie Blair am Dienstag meinte. Der britische Regierungschef müsste es eigentlich wissen, schließlich gelten die Briten als die am besten eingeweihten Nato-Partner, da sie bei den geplanten Militäreinsätzen in Afghanistan dabei sein sollen.

Trotzdem musste der Chef der Labour-Party die Interessierten bis auf einige Details über frühere Verbindungen der mutmaßlichen Attentäter zu Osama Bin Laden wieder einmal enttäuschen, da die Informationen aus den USA hoch sensibel seien. Jedoch sei "jeder, der die Geheimdienstunterlagen gelesen hat", fest von der Täterschaft Bin Ladens überzeugt, so Blair. Der Kreis dieser Eingeweihten ist noch klein.

Gleichwohl ergibt sich aus den bisher veröffentlichten Details ein großes und zugleich lückenhaftes Puzzle aus Spuren und Indizien:

Die Geldtransfers zu den Entführern: Die wichtigste und am besten nachzuvollziehende Spur sind die Geldflüsse zwischen den mutmaßlichen Attentätern und ihren Geldgebern, hinter denen die Ermittler wiederum Osama Bin Laden und seine Organisation al-Qaida ("Die Basis") vermuten. Empfänger und später auch Absender der Überweisungen soll der zeitweise in Hamburg studierende Mohammed Atta gewesen sein. Nach den bisherigen Erkenntnissen durch Recherchen bei Banken in den USA und dem Nahen Osten erhielt Atta größere Geldbeträge von einem gewissen Scheich Said, alias Mustafa Mohammed Ahmad aus Dubai.

Der Scheich ist für die Terrorermittler kein Unbekannter: Er soll Bin Ladens Finanzchef gewesen sein, während sich dieser im Sudan aufhielt. Besonders auffällig ist für die Fahnder, dass Ahmad kurz vor den Anschlägen rund 15.000 Dollar, deklariert als "Überschuss", von Atta und zwei weiteren Attentätern zurückerhielt. Die Ermittler vermuten, dass es sich hier um Restgeld handelt, dass die Terroristen nicht mehr brauchten. Auch weitere Geldflüsse wollen die Fahnder ermittelt haben.

Abgehörte Gespräche: Schon kurz nach den Anschlägen konnte der deutsche Auslandsgeheimdienst BND den Amerikanern ein interessantes Protokoll über den Ozean schicken. Die Lauscher aus Pullach hatten ein Gespräch zwischen zwei Bin-Laden-Anhängern aufgezeichnet, in dem sich beide über den gelungenen Plan für den Anschlag freuten und Details über die Täter preis gaben. So sprachen sie von insgesamt 30 Tätern. Weitere Mitschnitte sollen Ankündigungen für den Anschlag und Warnungen enthalten.

Angebliche Trainings in Afghanistan: Aus Geheimdienstquellen verschiedener Länder haben die US-Ermittler mittlerweile Hinweise bekommen, dass mindestens vier der mutmaßlichen Attentäter in den Trainingscamps von Osama Bin Laden in Afghanistan gewesen sein sollen. Woher diese Information stammt und vor allem, wie sie zu bewerten ist, blieb bisher offen. Tony Blair jedoch ging in seiner Erklärung vor dem Unterhaus noch weiter und sagte, es sei erwiesen sei, dass drei der Attentäter zu Bin Ladens al-Qaida gehörten.

Alte Spuren der CIA: Eine Information vom amerikanischen Auslandsgeheimdienst CIA scheint in der Beweisführung der USA eine immer größere Rolle einzunehmen. So beobachtete die CIA im Januar 2000 bereits zwei der 19 mutmaßlichen Terroristen, Chalid al-Midhar und Nawaf al-Hamsi, in Malaysia. Dort sollen sich die beiden mit einem Bin-Laden-Anhänger getroffen haben, der an dem Anschlag auf das US-Marineschiff "USS Cole" beteiligt war. Unklar bleibt bei dieser Information, warum die beiden späteren Terroristen nicht weiter von der CIA beobachtet wurden und später ungehindert in die USA einreisen konnten.

Das Muster der Anschläge: Eines der schwächsten Indizien ist das Verlaufmuster der Anschläge in New York und Washington. Denn die Fahnder haben Gemeinsamkeiten mit den Terror-Attacken in Afrika und im Jemen erkannt, die sie ebenfalls Bin Laden zurechnen. Auch die Sprengstoffanschläge auf die beiden US-Botschaften im Jahr 1998 fanden wie die Flugzeugangriffe am 11. September synchron statt. Außerdem, so scheint es, haben auch diesmal nur wenige Leute Einsicht in die Planung gehabt. Als drittes Indiz geben die US-Behörden an, dass es für die Anschläge kein Bekennerschreiben gab. Alle drei Erkenntnisse bringen die Ermittlungen zwar nicht weiter, sind jedoch ein weiterer Hinweis auf den Drahtzieher Osama Bin Laden.

Ob die Ermittler noch weitere Erkenntnisse haben, ist bisher unbekannt. Auch aus den Regierungen, die von den USA eingeweiht wurden, verlautete noch nichts Näheres. Insider gehen jedoch davon aus, dass die Dossiers der USA weitere Beweise für die genannten Punkte enthalten. Also Bankbelege für die Geldtransfers, Telefonprotokolle und Beweisfotos der Observationen - jedoch keine weiteren Verdachtsmomente.

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