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Neue Iran-Politik der USA: Saudis fürchten Amerikas Liebesentzug

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Saudischer König Abdullah, US-Präsident Obama (2009): Echte Liebe zwischen Washington und Riad gab es nie Zur Großansicht
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Saudischer König Abdullah, US-Präsident Obama (2009): Echte Liebe zwischen Washington und Riad gab es nie

Die USA und Iran sprechen wieder miteinander - ein Affront für Saudi-Arabien. Nun reist auch noch US-Außenminister Kerry persönlich zu den Atomgesprächen nach Genf. Die Sorge der Scheichs um ihre Vormachtstellung im Nahen Osten wächst.

In Saudi-Arabien ist das bisherige Weltbild ins Wanken geraten: Das sunnitische Königreich fühlt sich von seinem schiitischen Rivalen im nahegelegenen Iran zunehmend bedroht. Zum einen, weil dort trotz aller gegenteiligen Beteuerungen mutmaßlich an der Atombombe weitergebastelt wird. Zum anderen haben die Mullahs in Teheran ihr Land auch mit konventionellen Waffen aufgerüstet.

Und nun, zur Überraschung der Regierung in Riad, scheinen ausgerechnet die USA mit dem Erzfeind in Teheran zu flirten. So deutet sich in den Verhandlungen über den Atomstreit Bewegung an. US-Außenminister John Kerry reiste am Freitag höchstselbst nach Genf, wo die fünf Uno-Vetomächte und Deutschland mit der Islamischen Republik verhandeln. Auch aus Berlin und Paris haben sich mit den Außenministern Guido Westerwelle und Kollege Laurent Fabius ranghohe Teilnehmer angekündigt. Französische Diplomaten orakeln von einem "wichtigen Schritt", der sich anbahne.

Allein schon die Aufmerksamkeit des amerikanischen Freundes für die Mullahs kommt aus saudi-arabischer Sicht einem Ehebruch gleich.

Für die Scheichs ist dies allerdings nicht nur eine Frage des Stolzes. Sollte die aktuelle gegenseitige Charme-Offensive zwischen Iran und USA sich am Ende zu einer echten Annäherung entwickeln, so fürchtet man in Riad, könnte dies langfristig das Ende der Vormachtstellung Saudi-Arabiens im Nahen Osten bedeuten.

Nicht mehr das saudische Königshaus würde als wichtigster Ansprechpartner der USA in der Region gelten: Diese Rolle würde neu aufgeteilt werden zwischen Ankara, Jerusalem und Teheran. Der saudische Geheimdienstchef Prinz Bandar Bin Sultan, ein eingefleischter Anti-Iran-Falke, droht deshalb bereits: "Größere Veränderungen" stünden in der strategischen Partnerschaft zwischen seinem Land und den Amerikanern bevor.

Kurz darauf verzichtete auch der saudische Außenminister Saud al-Faisal - nach jahrelangen diplomatischen Bemühungen darum - lautstark auf den ihm endlich eingeräumten Sitz im Uno-Sicherheitsrat. Die Begründung: Das internationale Gremium sei unfähig, seiner Aufgabe gerecht zu werden. Obwohl an die Vereinten Nationen gerichtet, bestand für Beobachter kein Zweifel, wem der Vorwurf eigentlich galt: Es ging um Syrien, und versagt haben in den Augen Riads die USA.

Doch wie könnten sich solche "Veränderungen" in den saudisch-amerikanischen Beziehungen auswirken? Riad will sich im Falle der Annäherung Amerikas an Iran offenbar mit Ägypten, Jordanien, Jemen - derzeit einer der wichtigsten neuen Qaida-Stützpunkte - und anderen Golf-Staaten zu einer Art Gegen-Allianz zusammenschließen. Gleichzeitig will sich die Regierung in dem Fall wirtschaftlich und militärstrategisch China zuwenden. Und sollte Iran am Ende womöglich gar mit Billigung der Amerikaner nuklearfähig werden, könnte Riad sich womöglich auch selbst die Atombombe leisten.

Echte Liebe zwischen Washington und Riad gab es nie

Für viele ist das eine gespenstische Vorstellung, bedenkt man vor allem, dass Saudi-Arabien nach wie vor als weltgrößter Erdöllieferant gilt und nach wie vor Kämpfer und Prediger der radikalsten und gewalttätigsten islamischen Bewegungen unterstützt. Nicht zufällig stammten 15 der 19 mutmaßlichen Attentäter vom 11. September 2001, wie auch ihr Anführer Osama Bin Laden, aus Saudi-Arabien.

Eine echte Liebe zwischen Washington und Riad gab es nie, von Anfang an war es von beiden Seiten eine Zweckehe, die in den dreißiger Jahren geschlossen wurde, als die Ölförderung im Königreich begann. Saudi-Arabien wurde zu einem "wichtigen Freund" der USA erkoren, und Amerika stand der absoluten Monarchie im Wüstenland über Jahrzehnte hindurch mit Worten und Waffen treu bei.

Die neue Politik der Amerikaner, die Saudi-Arabien so zu beunruhigen scheint, lässt sich vielleicht weniger durch eine Änderung in der iranischen Politik erklären als durch die harten Realitäten, mit denen die Regierung von Präsident Barack Obama sich heute abfinden muss. Nach den kostspieligen Kriegen in Irak und Afghanistan, die nicht den erwünschten Erfolg gebracht haben, ist der außenpolitische Gestaltungsspielraum der USA im Nahen Osten deutlich geschrumpft. Dazu kommt, dass die ständig am Rande der Insolvenz lavierenden Vereinigten Staaten sich vorerst weder finanziell noch politisch weitere kriegerische Interventionen leisten können - nicht in Syrien und nicht in Iran.

Neuer Sparkurs der USA im Nahen Osten

Dementsprechend ist die Regierung Obamas offensichtlich dabei, ihre Politik in der Region neu zu gestalten. Nur noch zwei große Ziele werden derzeit verfolgt: die Sicherung Israels und die Verhandlungen über das iranische Atomprogramm, letzteres auch ohne die Zustimmung Jerusalems. Dafür, berichten westliche Diplomaten, habe Washington auch die Palästinenser-Frage jüngst in der Prioritätenliste wieder einmal nach unten gesetzt.

Der neue Sparkurs im Nahen Osten ist aus US-Sicht zumindest kurzfristig verständlich. So es Washington gelingt, gute Beziehungen mit der Türkei, Israel und Iran gleichzeitig zu unterhalten, können die Amerikaner einen großen Teil ihrer geopolitischen Interessen - sprich Öl - vorerst decken.

Nur werden die Spannungen, die weiterhin in der Region brodeln, dadurch nicht gelöst: weder in Syrien noch in Libyen, Ägypten oder Irak, weder zwischen Sunniten und Schiiten noch zwischen Israel und seinen Nachbarn oder zwischen al-Qaida und wohl allen durch die Terroristen angefeindeten ethnisch-religiösen Gruppen und Staaten.

Der taktische Rückzug der Amerikaner hinterlässt in der Region ein Machtvakuum, das zu füllen es an lokalen Anwärtern nicht fehlt - unter anderem auch durch die neuen Pläne in Riad. Für die Region heißt das wohl nichts anderes als weitere Destabilisierung.

Mit Material von Reuters

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insgesamt 49 Beiträge
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1. Schade nur, dass die so viel Öl haben...
BettyB. 08.11.2013
Die Herrschaftsform ist schon seltsam und ohne Öl würden selbst die US-Amerikaner die Saudis vielleicht nicht mer unterstützen. Verbliebe noch Merkel als Kriegswaffenlieferantin, doch auf die ist wohl Verlass..
2. optional
xxbigj 08.11.2013
Saudi-Arabien hat von uns deutschen für Milliarden Kriegsgerät gekauft und kauft mit unterstüzung der Bunderegierung Merkel 30 U-Boote. Und die fühlen sich bedroht? Lächerlich!
3. Unglaublich
testi 08.11.2013
da sprechen politische/militärische gegner wieder miteinander und die Saudis empfinden das als Affront. Es ist doch gut wenn man miteinander spricht. Man stelle sich einmal vor, die Amis würden die Saudis auffordern Frauen Auto fahren zu lassen... Das wäre ein wahrer Affront. :)
4. .
ScaryJow 08.11.2013
Im Vergleich zu den salafistischen Saudis sind die Mullahs im Iran ja geradezu harmlos. Und von der Bevölkerung will ich gar nicht erst sprechen. Da liegen Welt zwischen. Ich glaube es gibt kein Land, dass kulturell weiter vom Westen entfernt ist als Saudiarabien. Diese Umorientierung, sollte sie denn kommen, wäre nur zu begrüßen.
5. Eines Tages...
Larry 08.11.2013
wird die Rolle Saudi Arabiens in der Nahost US-Politik seit September 2001 richtig wahrgenommen. 15 der 19 World-Trade-Center Stürmer kamen aus Saudi Arabien, doch alle Saudis , die sich nach 9.11 noch auf US-Territorium befanden, wurden trotz Flugsperre nach Ryiad geflogen und im offiziellen CIA-Bericht alle Passagen über der Saud-Familie geschwärzt. Dann wurde Saddam Hussein aus dem Amt gejagt und in Achmadinejad ein neuen Feind gefunden. Nicht nur die AIPAC hat in Washington viel zu sagen, die Öl-Saudis sind noch mächtiger.
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