Bhutan Im Land des Bruttosozialglücks

Ist eine Demokratie demokratisch, wenn sie keiner will? Die Frage stellt sich gerade in Bhutan. Im kleinen Himalaya-Reich, in dem es erst seit wenigen Jahren Fernsehen gibt und dessen Staatsziel Bruttosozialglück heißt, wird am Montag erstmals gewählt - gegen den Willen des Volkes.


Thimphu - Aber wenn's der König will - dann geht man sogar zur Wahl. Denn Anordnungen, die vom König kommen, die werden befolgt. So ist das schon seit einem Jahrhundert in Bhutan. Doch die Überraschung war groß, als der Edle Herrscher des Drachenvolkes das Wort an seine Untertanen richtete. Die Zeit der absoluten Monarchie ist zu Ende, so verkündete der König, und die Macht soll dem Volk gehören.

Das war vor etwa zwei Jahren. Und nun steht das kleine, friedliche Reich, das sich in einer abgeschiedenen Region des Himalaya vor den Wirren der Außenwelt versteckt, vor der ersten Parlamentswahl in seiner Geschichte. Am Montag wählen die Einwohner des kleinen Lands zwischen China und Indien erstmals ihr eigenes Unterhaus. Das Oberhaus wurde bereits Ende des vergangenen Jahres zum ersten Mal gewählt.

Doch so richtig froh ist das Volk nicht über die geschenkte Demokratie. "Es ist der König, der uns aufgerufen hat, diese Politiker zu wählen, also werden wir auch zur Wahl gehen. Aber lieber hätte ich einen König", erklärt Lham, eine 56-jährige Dorfbewohnerin. Die Bäuerin, die nur einen Namen benutzt, spricht aus, was wohl die überwiegende Mehrheit ihrer Landsleute denkt.

Selbst die Politiker fühlen sich nicht so recht wohl in ihrer Haut, spricht man sie auf die größere Rolle an, die sie demnächst spielen sollen. "Wenn man heute eine Volksabstimmung abhalten würde, dann würde Bhutan die Demokratie ablehnen", erklärte Khandu Wangchuk, ein früherer Außenminister Bhutans, der sich in der Stadt Paro um ein Mandat bewirbt. "Aber es ist zwecklos, sich die Demokratie wegzuwünschen."

Land der Gegensätze

Bhutan mit seinen gerade einmal 670.000 Einwohnern liegt wie ein Mini-Sandwich zwischen den beiden Riesen Indien und China. Es ist ein Land voller Gegensätze. In der Hauptstadt Thimphu findet man Nachtclubs mit Technomusik, aber Rauchen ist verboten. Fernsehen gibt es erst seit 1999. Das Land öffnet sich nur ganz vorsichtig dem Fremdenverkehr, um den Gefahren des Massentourismus zu entgehen. Hotel- und Transportkapazitäten sind knapp und teuer. Weniger als 20.000 Urlauber besuchten im vergangenen Jahr das Königreich.

Erklärte Staatsphilosophie ist das "Bruttosozialglück", das ein Gleichgewicht zwischen materiellem Fortschritt und spirituellem Wohlergehen anstrebt. Diese Lehre wird von den bhutanischen Politikern wie ein Dogma ständig rezitiert. Laut der Chefin von Bhutans Planungskommission, Karma Tshiteem, wurden ausgehend von einer Pilotumfrage unter 1000 Einwohnern einige Parameter des Glücklichseins identifiziert. Danach sind Wohlbefinden, Gesundheit, Bildung, Staatsführung, der Lebensstandard und ökologische Vielfalt besonders wichtig. 68 Prozent der Befragten bezeichneten sich in der Umfrage schon als glücklich. Mit dem Index solle auch überprüft werden, ob Pläne, Politik und Programme der Regierung dem Bruttonationalglück zuträglich seien, sagte Phuntsho Ratan vom Zentrum für Buthan-Studien, der die Studie leitete. "Als buddhistischer Staat legen wir besonderen Wert auf spirituelles Wohlsein", betonte er. Die Idee der Glücksmessung stammt ebenfalls vom ehemaligen König Jigme Singye Wangchuck.

Vor zwei Jahren übergab der inzwischen 52-Jährige den Drachenthron an seinen Sohn Jigme Khesar Namgyal Wangchuk. Zusammen haben die beiden Drachenkönige ihre eigene Entmachtung und einen friedlichen Übergang zur Demokratie bewirkt. Und ein Zurück soll es nicht geben. "Im Schoß einer starken und friedlichen Monarchie haben wir damit begonnen, die Hoffnung auf eine lebhafte Demokratie reifen zu lassen", sagte der 28-jährige König vor kurzem in einer Rede. "Es ist dieses Bestreben, das wir nunmehr als unsere oberste Priorität betrachten: den Erfolg der Demokratie."

"Wir sind kein Paradies"

Doch Bhutan ist kein royalistischer Garten Eden. Die Wirklichkeit ist rau: ein Fünftel der Bevölkerung lebt in Armut, die Jugendarbeitslosigkeit ist stark gestiegen. Korruption ist schon jetzt ein Problem und wird - so ist hinter vorgehaltener Hand vielerorts zu hören - ein noch größeres, wenn erst einmal die gewählten Politiker am Ruder sind. Ein Problem sind auch die rund 100.000 Mitglieder der nepalesischen Minderheit, die in Flüchtlingslagern in Nepal leben. Sie sind Anhänger des Hinduismus und haben Bhutan Anfang der neunziger Jahre verlassen, als Bhutan die buddhistische Kultur förderte. "Wir sind kein Paradies", erklärt denn auch der frühere Bildungsbeamte Nim Dem, der in der Kleinstadt Haa für einen Parlamentssitz kandidiert.

DER SPIEGEL

Wie die Politiker all diese Probleme angehen werden, ist unklar. Die politischen Unterschiede zwischen den beiden größten Parteien, der Volksdemokratischen Partei und der Bhutanischen Partei für Frieden und Wohlstand, verschwimmen. Beide loben den König und versprechen, die Tradition zu wahren und den Wohlstand zu fördern.

Die Volksdemokratische Partei ist Änderungen gegenüber aufgeschlossener, wird aber vom Onkel des Königs geführt, was es wiederum unwahrscheinlich macht, dass sie größere Reformen in Angriff nehmen wird.

Verglichen mit den Problemen in anderen Teilen des Himalaya, in Nepal und Tibet beispielsweise, erscheinen diejenigen in Bhutan aber gering. In Nepal wird die einst mächtige Königsfamilie inzwischen verachtet, die Politiker gelten als korrupt. Maoistische Rebellen führten jahrelang einen blutigen Guerillakrieg, der bislang 13.000 Menschen das Leben gekostet hat. Und diese gar nicht so weit vor der eigenen Haustür aufgetauchten Unruhen waren es, die den König von Bhutan, zumindest teilweise, dazu bewogen haben, die Demokratie einzuführen. Warum warten, so fragte er seine Untertanen, bis das Königreich von Problemen in die Ecke gedrängt wird?

Tim Sullivan, AP (mit Material von AFP)



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