Aus Atlanta, Georgia, berichtet Marc Pitzke
Newt Gingrich, der Verlierer, gibt den Sieger. Dabei hat er nur seinen Heimatstaat Georgia gewonnen an diesem Super Tuesday, überall sonst landet er auf dem dritten oder vierten Platz. Doch das bremst ihn nicht, im Gegenteil.
"Da hoppeln viele Hasen übers Feld", mokiert sich der 68-jährige Republikaner über die Rivalen im US-Vorwahlkampf, als er in der Nacht zum Dienstag in einem Hotel vor die grölenden Fans tritt. "Ich bin die Schildkröte."
Will heißen: Langsam, aber sicher strebt er dem Ziel entgegen. "Morgen früh ziehen wir weiter nach Alabama", posaunt Gingrich. "Wir ziehen weiter nach Mississippi. Wir ziehen weiter nach Kansas." Gattin Callista himmelt ihn an. Sie nennt ihn den "nächsten Präsidenten der USA".
Super Tuesday, der Mammut-Vorwahltag in den USA, wird zum Grusel-Dienstag. Denn nach diesem einzigen, mageren Achtungssieg wird Newt Gingrich natürlich kaum mehr der Präsidentschaftskandidat seiner Partei werden. Geschweige denn der Präsident der USA.
Trotzdem macht er weiter, und auch Rick Santorum und Ron Paul geben nicht auf. Immer noch nicht. Jetzt erst recht nicht. Obwohl auch sie kaum noch eine Chance haben gegen Mitt Romney - den unvermeidbaren, ungeliebten Kandidaten.
Dabei sollte der Super Tuesday doch eigentlich alles klären. Sollte alle Zweifel beseitigen, Romney ein für allemal zum Kronprinzen küren und das lästige Krakeelen vom rechten Flügel beenden. Stattdessen hat dieser größte Vorwahltermin der Saison - an dem zehn US-Bundesstaaten über die Republikaner-Kandidaten abstimmten, so viele wie an keinem anderem Wahltag - alles nur noch viel schlimmer gemacht.
SPIEGEL ONLINE zieht fünf Lehren aus dieser wilden Nacht:
(die Ereignisse im Minutenprotokoll finden Sie hier).
1. An Romney geht kein Weg vorbei
"We want Mitt! We want Mitt!", skandierten seine Anhänger, als sich der Ex-Gouverneur in seinem Heimatstaat Massachusetts schließlich vor die TV-Kameras wagte. Wir wollen Mitt: ein Schlachtruf aber, der nicht für alle gilt.
Romney bleibt bei vielen Republikanern weiter höchst unbeliebt - selbst nach neun Wochen Wahlkampf und Abermillionen Dollar, die sein Team in flächendeckende TV-Spots investiert hat. Den Wechselwählerstaat Ohio, den Top-Preis der Nacht, gewinnt er nur mit denkbar knappem Vorsprung vor Rick Santorum, nach einer Zitterpartie weit bis nach Mitternacht.
Fest steht zwar, dass ihm die Kandidatur rechnerisch wohl nicht mehr zu nehmen ist - Romneys Delegiertenvorsprung ist kaum mehr einzuholen, so lange sich die Rivalen die Stimmen gegenseitig wegnehmen. Doch diese Pyrrhussiege haben hohe Symbolkraft: Tea-Party-Konsorten, Evangelikale und Rechtskonservative wollen sich nicht mit ihm anfreunden - ein böses Omen für den Sommer.
2. Geld schafft Zombie-Kandidaten
Kaum waren die Wahllokale in Georgia dicht, verbrämte Newt Gingrich das Ergebnis zur "März-Bewegung" - und wiederholte seinen neuesten Wahlslogan: Als Präsident werde er die Benzinpreise senken - von bis zu vier Dollar auf 2,50 Dollar pro Gallone. "USA! USA!", jubelten seine Fans da beseelt und schwenkten Pappschilder mit aufgedruckten Tanksäulen.
Auch Rick Santorum griff wieder mal tief in die Phantasiekiste: "Wir sind bereit, im ganzen Land zu gewinnen", rief er, nachdem er in sechs von zehn Staaten verloren hatte. Sonst drohe eine weitere Schreckensherrschaft unter Barack Obama: "Dies ist der Anfang vom Ende der Freiheit."
Solch paranoide Wahnvorstellungen sind nichts Neues: auch Santorum, Gingrich und der Radikalliberale Ron Paul pflegen sie gerne. In normalen Wahlkämpfen wären sie aber längst verstummt. Dass sie sich diesmal so lange ohne Widerspruch halten, liegt am System.
Denn diese Zombie-Kandidaturen werden nur von ein paar Multimillionären am Leben gehalten. Die finanzieren die "Super-Pacs", diskrete Lobbygruppen, die unbegrenzt in die Politik eingreifen können - im Namen eines Kandidaten ihrer ganz persönlichen Wahl.
Gringrichs Hauptsponsor ist der Casinomogul Sheldon Adelson aus Las Vegas, Santorums Top-Mäzen der erzkonservative Geschäftsmann Foster Friess aus Wyoming. Die sehen sich in ihren Investitionen weiter bestätigt. Santorum will zu den nächsten Vorwahlen nun mindestens eine Million Dollar für TV-Werbung ausgeben.
3. Die Republikanische Partei zerbricht
Barbara Bush, die frühere First Lady, mischt sich nur noch selten in die Politik ein. Doch jetzt reicht es selbst ihr: Das Rennen ihrer Partei sei "der schlimmste Wahlkampf, den ich in meinem Leben je erlebt habe".
Das will etwas heißen von einer Frau, die allein in ihrer Familie vier Präsidentschaftswahlkämpfe durchlitten hat - zwei mit Ehemann George Bush, zwei mit Sohnemann George W. Bush. Doch die waren offenbar nichts im Vergleich zur jetzigen Schlammschlacht, in der, so klagte Bush, "Kompromiss ein schmutziges Wort" sei.
Bush sprach aus, was viele denken: Der Hahnenkampf um die Spitze schadet der ganzen Partei. Diese zerbricht in zwei immer unversöhnlichere Flügel - die eher modernen, zukunftsgewandten Republikaner, für die Romney steht, und die rückwärtsgerichteten Republikaner, für die Santorum und Alt-Krieger Gingrich stehen.
Letztere versuchen, die alten Kulturkämpfe wiederzubeleben. Abtreibung, Empfängnisverhütung, Religion in der Politik: Reizthemen vergangener Jahrzehnte, längst abgehakt - und doch wieder in die Schlagzeilen gezwungen von Santorum, Gingrich und ihren Lautsprechern wie Radiotalker Rush Limbaugh.
Vor vier Jahren noch lag Romney für die Republikaner zu weit rechts. Heute ist ihnen derselbe Romney zu moderat. Geändert hat sich nicht er, sondern die Basis, die scharf nach rechts geschwenkt ist - und sich damit alle Aussichten verspielt in einer Wahl, die ja von der breiten Mitte entschieden wird.
Die kryptische Andeutung Sarah Palins, sie könnte nun bei einem "offenen Parteitag" notfalls als Ersatzkandidatin zur Verfügung stehen, tun die meisten Kommentatoren hier jedoch zunächst als typische Aufplusterei ab.
4. Obama kann sich freuen
So viele Verlierer! Gibt es auch einen Sieger? Ja, weiß Lawrence O'Donnell, Anchorman und Kommentator des Kabelsenders MSNBC: "Präsident Obama ist eindeutig der Gewinner."
In der Tat bringt dieser Super Tuesday nur gute Nachrichten für Obama. Die Republikaner zerfleischen sich. Sein Hauptgegner Romney bleibt abgelenkt von den Scharmützeln. Keiner redet bisher von Obamas Achillesferse, von Plattheiten mal abgesehen - der US-Wirtschaft.
Das Duell zwischen Obama und Hillary Clinton vor vier Jahren, nicht minder brutal, förderte die Reputation beider. Anders nun die Vorwahlen der Republikaner: Je länger sie sich hinziehen, desto tiefer sinken Romneys Popularitätsquoten. "Korrosiver Effekt" heißt das hier. Obamas Beliebtheit dagegen wächst.
Der Präsident hatte am Dienstag bei einer clever inszenierten Pressekonferenz im Weißen Haus eine Botschaft für Romney: "Viel Glück heute."
5. Die spinnen in Ohio
Selbst Mitt Romneys Strategen waren pessimistisch. Ein verlässliches Ergebnis aus Ohio, seufzten sie, werde wohl erst gegen 23.30 Uhr Ortszeit kommen. Es dauerte dann sogar noch länger - bis 01.30 Uhr.
Insider überraschte das freilich nicht. Ohio ist berüchtigt für seine knappen, endlosen, seltsamen und oft umstrittenen Wahlen. Beide US-Präsidentschaftswahlen von 2000 und 2004 waren dort von Skandalen geprägt - kaputte Wahlmaschinen, verschwundene Stimmen, lange Wahlnächte, deren Ergebnisse oft noch einmal nachgezählt werden mussten.
Auch diesmal darf bis zum Schluss gebangt werden. Sollte Romneys Vorsprung in Ohio in der Endauszählung kleiner ausfallen als 0,25 Prozent, gibt es einen automatischen Recount.
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