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Bin Laden auf der Spur: Die Terror-Tracker

Aus Washington berichtet Yassin Musharbash

2. Teil: Katalogprodukte für 500.000 Dollar

Aber IntelCenter, dessen Adresse selbstredend auch geheim ist, arbeitet der Welt der Geheimdienste und Militärs passgenauer zu - jedenfalls nach dem, was man sehen darf und hören kann.

Venzkes Katalog illustriert das. Er enthält Dienstleistungen, die er nur Regierungsbehörden anbietet. Etwa das "24/7-Unterstützung bei Geiselkrisen-Paket". Kosten: bis zu über 500.000 Dollar pro Jahr. Venzke: "Wir sind bei fast jeder Geiselnahme involviert."

IntelCenter hat, mehr als Site, den Charakter einer verlängerten Werkbank. "Was wir tun, könnten die Behörden vielleicht selbst", sagt Venzke. "Aber wir haben auf manchen Spezialgebieten mehr Erfahrung und sind billiger." Er habe massiv in Infrastruktur investiert, um auf einem Niveau mit den Diensten zu arbeiten, erklärt er. Bis hin zu doppelter Stromversorgung. Manche Kunden wollen Rohdaten, andere Analysen - IntelCenter liefert beides, gerne schon im Format der Standard-Software "Analyst's Notebook".

Venzke ist stolz auf seinen Professionalismus. Von Rita Katz ist überliefert, dass sie einmal auf eigene Faust ausländische Behörden angerufen hat, weil sie meinte, jemand plane da etwas und US-Behörden nicht weiterhelfen wollten. Sie agiert mal als private Terroristenjägerin, mal als Expertin, mal als Vertragspartnerin. Venzke würde nie mit Leuten über so etwas sprechen, die er nicht kennt. Er ist immer Vertragspartner.

Verschwörungstheorien über Bin-Laden-Videos

Für Site hat er, vielleicht deshalb, kein Lob übrig: "Was die machen, ist nicht annähernd unsere Klasse." Rita Katz kontert: "Unsere Informationen sind von höchster Qualität und unerreichter Genauigkeit." Zur Arbeit anderer wollte sie sich nicht äußern.

Wahrscheinlich ist es eine gesunde Konkurrenz, die da herrscht. Durch Kritik wird ein Teil dessen sichtbarer, was Site und IntelCenter tun. Der geheime, verborgene Teil freilich nicht. Am Ende leben beide von ihrer Arbeit für Behörden und Firmen besser als von dem, was sie mit den Medien teilen.

Sicher, im Vergleich zu anderen Privatunternehmen, die CIA, Pentagon und Co. zuarbeiten, sind Site und IntelCenter geradezu transparent, winzig und lächerlich unbedeutend. "Über unseren Einfluss habe ich mir nie Gedanken gemacht", sagt Josh Devon mit absoluter Arglosigkeit. "Ich versuche nur, gute Arbeit zu machen."

Aber beide Firmen sind dennoch Teil eines Informationsoligarchats, das in der westlichen Hemisphäre kaum jemand kontrollieren kann. Und so wird es auch künftig Verschwörungstheorien geben, dass Site und IntelCenter die Bin-Laden-Videos selber drehen.

Und Katz, Venzke und Devon werden weiterhin Witze reißen: "Jaja, hier ist die Mossad-Zentrale, genau!"

Aber dann macht es wieder irgendwo Ping, oder ein Pager brummt, weil ein Dschihadist sich meldet. Und sie werden wieder weiterwühlen. Und die Jagd beginnt von vorne.

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Terror-Tracker
IntelCenter
"Selbst wenn ich hundert Angestellte hätte, wäre es nicht genug", sagt IntelCenter-Gründer und Geschäftsführer Ben Venzke.

IntelCenter bietet außer der Überwachung der Aktivitäten von Online-Dschihadisten eine weite Palette von Analyseprodukten an. Sie reicht von der grafischen Darstellung der Kennverhältnisse bekannter Terroristen bis zur Analyse der "Beeinflussung von dschihadistischen Gruppen durch Qaida-Kommuniqués". Letzterer Service kann 250.000 Dollar jährlich kosten.

Einige Angebote sind so passgenau auf bestimmte Dienste zugeschnitten, das sie nicht im Katalog auftauchen. "Je genauer wir wissen, was sie (die Kunden - d. Red.) tun, desto mehr können wir helfen", sagt Venzke.

Anders als Site berichtet IntelCenter indes auch über nichtislamistische "Rebellen- und Terrorgruppen", etwa die kolumbianische Farc. Auch Venzke hat Kunden in Regierungsapparaten weltweit. Nach eigenen Angaben hat Venzke rund ein Dutzend fester Angestellter und arbeitet zusätzlich mit "menschlichen Quellen" zusammen.

Ebenfalls im Unterschied zu SITE deckt das IntelCenter kaum das "Hintergrundrauschen" auf Qaida-nahen Webseiten ab, also die Debatten von Qaida-Sympathisanten. Venzke dazu: "Ich habe weder Zeit noch Energie, das abzudecken. Wir konzentrieren uns auf die Leute, die Bomben legen - nicht die, die davon reden."
Site
"Meine Motivation", sagt Site-Gründerin Rita Katz, "ist es, hochwertige, akkurate und schwierig zu findende Informationen zugänglich zu machen, die es dem Westen ermöglichen, den Terror besser zu bekämpfen."

Site steht für "Search for International Terrorist Entities", also die "Suche nach internationalen Terrorgruppen".

Tatsächlich ist das Unternehmen, das bis vor knapp mehr als einem Jahr noch eine Non-Profit-Organisation war, praktisch ausschließlich auf dschihadistische Gruppierungen fixiert. Zu den Kunden zählen internationale Sicherheits- und Polizeibehörden, Firmen und Medien. Hauptprodukte sind E-Mail-Newsletter zu terrorelevanten Themen, aber auch, auf Anfrage, spezielle Analysen und Recherchen - wenn gewünscht sogar zu einzelnen Cyber-Dschihadisten.

Site-Gründerin Katz hat ihre bewegte Lebensgeschichte, die im Irak begann und sie nach der Hinrichtung ihres Vaters über Israel in die USA führte, 2003 als Buch veröffentlicht. In einem Porträt schrieb der "New Yorker" über sie, sie wirke, als sei sie dafür geschaffen worden, Terroristen zu jagen.

Kritiker monieren, dass Katz und das Site-Institut zu leidenschaftlich und zu wenig neutral seien.

Neuerdings versucht Site, seine Analysekapazitäten durch die Mitarbeit renommierter Experten zu steigern. So verfassen mittlerweile die anerkannten Fachmänner Bruce Hofmann und Rohan Gunaratna Beiträge für die Newsletter.
Methoden
Ein Teil der Methoden, die bei Site und IntelCenter zum Einsatz kommen, liegt entweder auf der Hand oder ist von Mitarbeitern öffentlich thematisiert worden. Rita Katz von Site etwa spricht offen von "Infiltration", womit gemeint ist, dass sie und ihre Mitarbeiter sich als Cyber-Dschihadisten ausgeben und Qaida-nahe Chatrooms und Diskussionsforen penetrieren.

Durch aktive Teilnahme am Geschehen erwerben sie sich Glaubwürdigkeit, was sie in Kontakt mit anderen bringt, die mehr wissen als der Durchschnittsnutzer. In mindestens einem Fall hat ein Site-Mitarbeiter technische Hilfe geleistet, um weiter am Ball bleiben zu können. So jedenfalls der "New Yorker".

Da IntelCenter praktisch in der Lage ist, dasselbe Material anzubieten wie Site, arbeitet man dort vermutlich mit ähnlichen Methoden. Allerdings scheint IntelCenter mehr Gewicht auf technische Ansätze zu legen, so jedenfalls Kenner der Branche. Von hier an ist freilich alles Spekulation - weder IntelCenter noch Site haben mit SPIEGEL ONLINE über spezifische Praktiken gesprochen.

Technische Ansätze fangen grundsätzlich beim simplen Einmaleins der Online-Ausforschung an: IP-Adressen verfolgen, Server-Standorte lokalisieren. Es ist aber auch denkbar, dass kommerzielle Software zum Einsatz gebracht wird, mit der sich etwa "Online-Durchsuchungen" durchführen lassen.

Schließlich darf man nicht vergessen, dass Site und IntelCenter mit einigen der potentesten Geheimdienste der Welt kooperieren. Es ist vorstellbar, dass diese den beiden Ansätze zur Verfügung stellen, wenn es bestimmte Rahmenabkommen gibt.

Beide Firmen arbeiten auch Strafverfolgungsbehörden zu, Site dem Anschein nach aber intensiver. Dort betrachtet man es auch als Ziel, Terroristen aus dem Verkehr zu ziehen. IntelCenter-Chef Venzke sagt: "Wenn wir Informationen haben, die auf einen Anschlagsplan hinweisen, würden wir, als Mitglieder der Counterterrorism-Gemeinde, diese den angemessenen Regierungsbehörden zukommen lassen, wenn wir diese Info mit ihnen teilen können."
Lob und Kritik
Obwohl zu den Kunden von Site und IntelCenter Regierungsbehörden in vielen Ländern der westlichen Welt gehören dürften, gibt es auch aus diesen Kreisen kritische Stimmen.

"Es ist eine Schande", sagt zum Beispiel ein hochrangiger deutscher Sicherheitsbeamter. "Man muss sich als Sicherheitsbehörde selbst ein Bild von dem Material machen und seine Unabhängigkeit bewahren."

Gar für "skandalös" hält ein anderer europäischer Sicherheitsexperte die Tatsache, dass Nachrichtendienste Abonnenments bei beiden Firmen haben. Auf diese Weise würden die Behörden deren Vorsprung nie aus eigener Kraft aufholen.

Ein weiterer verantwortlicher europäischer Sicherheitsbeamter, der selbst Kunde bei beiden Firmen ist, sieht das entspannter: Man müsse Venzke und Katz letztlich als "Quellen" ansehen, die man bezahle.

Ein US-Regierungsbeamter, der mit Terrorabwehr zu tun hat, aber namentlich nicht genannt werden möchte, lobt die Services von Site und IntelCenter indes: "Das ist gutes Zeug", sagte er SPIEGEL ONLINE.

Beide Institute nehmen für sich in Anspruch, neutral und objektiv zu berichten und sich dadurch von anderen Terror-Trackern zu unterscheiden. Venzke und Devon betonten im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, wie fasziniert sie von der islamischen Welt in der islamischen Kultur seien.

Insider kritisieren allerdings gelegentlich die Auswahl, die vor allem Site trifft. So versende Site zum Beispiel Übersetzungen von Bombenanleitungen, prüfe aber zuvor nicht, ob diese auch funktionieren würden. Und auch mutmaßlich unschuldige Personen seien auf diese Weise schon ins Visier der Behörden geraten.
"Die Panne"
Im September 2007 kam es zu einer Panne, die Beobachtern unfreiwillig einen tiefen Einblick in die Arbeit von Site und die Verflechtung mit den US-Behörden bot: Am 6. September kündigte al-Sahab, al-Qaidas Medienproduktionsfirma, an, dass bald eine Rede Bin Ladens veröffentlicht werde.

Obwohl der Titel der Rede von al-Sahab nicht genannt wurde, nannte ihn Site auf ihrer Web-Site - ein klarer Hinweis auf Insider-Kenntnisse. Am 7. September berichtete CNN plötzlich, dass dass der US-Regierung das Bin-Laden-Tape bereits vorläge - zu einem Zeitpunkt also, als al-Qaida es noch nicht veröffentlicht hatte. Kurz darauf berichtete die "Washington Post", dass Site-Chefin Rita Katz das Tape gefunden und dem Weißen Haus hatte zukommen lassen.

Die Beamten dort hielten sich jedoch offenbar nicht an die vereinbarte Vertraulichkeit. Jedenfalls wurde das noch geheime Band vielfach heruntergeladen und landete schließlich bei den Medien. Rita Katz erklärte später, durch diese Panne habe sie einen wichtigen Zugang zu Qaida-Informationen verloren. "Ich habe den falschen Leuten vertraut", sagte sie SPIEGEL ONLIINE.

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE war Katz allerdings möglicherweise nicht die einzige Terror-Trackerin, die das Band vorab hatte: Tage vor der Panne kursierte das Band anscheinend bereits in verschiedenen Behörden. Das wiederum könnte bedeuten, dass andere Vertrauenspersonen in der Regierung sehr wohl verschwiegen reagierten, nicht aber die, die Katz informierte.

Al-Qaida reagierte auf die Panne mit einer neuen Sicherheitskampagne im Internet. Seither hat es keine Vorabveröffentlichungen mehr gegeben. Und sämtliche wichtige Videos sind mehrfach passwortgeschützt - zum Teil mit langen alphanummerischen Zeichenketten.
Das Risiko
Site und IntelCenter sind, wie die gesamte Branche, Kriegsgewinnler: Ohne den 9. September 2001 könnten Katz, Venzke und Devon von dieser Arbeit wahrscheinlich nicht leben. Die Kehrseite ist freilich das Risiko, das damit einhergeht, al-Qaida und Co. nachzusteigen. Alle drei sind schon bedroht worden, wenigstens im Internet.

Im April eröffnete ein Cyber-Dschihadist in einem prominenten, Qaida-nahen Forum einen Thread, in dem er vorschlug, die Terror-Tracker zu observieren. Aus Site machte er "Parasite"; aus Ben Venzke, dessen Foto er veröffentlichte, machte er "Fence", was so viel wie Dieb heißt. Es gibt eine gewisse Empörung unter Qaida-Fans, dass Firmen ein Geschäft daraus machen, "ihr" Material an die westlichen Behörden und Medien zu verbreiten. Aber es gibt auch ab und an Diskussionen, in denen Cyber-Dschihadisten sagen: Das nutzt uns nur. Sollen sie doch!

"Etlichen Terrorgruppen bin ich natürlich ein Begriff", sagt Venzke. Aber das sei eben so. "Du ergreifst die entsprechenden Maßnahmen und gehst wieder an die Arbeit."

Bei Site klingen die Antworten ähnlich. Hier werden aus Vorsicht zudem alle Abonnenten genau gecheckt - auch Dschihadisten haben schon versucht, sich anzumelden.
Andere Terror-Tracker
Außer einigen unabhängigen und nichtkommerziellen Terror-Trackern und "Hacktivists", die terrornahe Web-Sites manchmal hacken oder zerstören, sind vor allem zwei weitere Institutionen zu nennen.

In New York hat sich vor wenigen Monaten die "Nefa"-Foundation etabliert, wobei die Abkürzung für "Nine/Eleven - Finding Answers" steht. Einer der Nefa-Analysten ist Evan Kohlmann, ein Schulfreund von Site-Mitgründer Josh Devon.

Nefa unterscheide sich von Site und IntelCenter dadurch, dass die Aufgabe die "Unterrichtung der Öffentlichkeit und die Funktion als privater Wachhund" sei, sagte Kohlmann SPIEGEL ONLINE. Nefa beobachtet und analysiert Terrorgruppen im Internet, veröffentlicht aber zum Beispiel auch gerade freigegebene amtliche Dokumente sowie Unterlagen, die Nefa zugespielt wurden. Ziel sei es nicht, Geld zu verdienen, sondern "ein zweites 9/11 zu verhindern", so Kohlmann.

Als vierte Institution muss man Laura Mansfield nennen. Hinter diesem Pseudonym verbirgt sich, angeblich, eine 50-jährige Webdesignerin mit Arabischkenntnissen. Wer auch immer "Laura Mansfield" ist, für einen Ein-Personen-Betrieb mischt sie auf beeindruckende Weise mit.

Mansfield liefert schnelle Übersetzungen von Terrorpropaganda. Sie wird auch gelegentlich in der Presse zitiert, scheint aber nicht so eng mit Behörden zusammenzuarbeiten.
Fotostrecke
Terror-Tracker: Auf Tuchfühlung mit al-Qaida und Co.


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