Bin Laden auf der Spur Die Terror-Tracker

Geheime Adressen, öffentlichkeitsscheue Kundschaft, vertrauliche Methoden: Die US-Firmen Site und IntelCenter sind tiefer in die Welt des Cyber-Dschihadismus eingedrungen als die meisten Medien und Geheimdienste, denen sie zuliefern. Entsprechend groß ist ihr Einfluss.

Aus Washington berichtet Yassin Musharbash


Washington - Als al-Qaida gegründet wurde, war Josh Devon neun Jahre alt. Ben Venzke war immerhin schon 15. Damals, 1988, interessierten sich Devon und Venzke genau so wenig für das Terrornetzwerk wie Osama Bin Laden sich für sie.

Heute, 20 Jahre später, ist das anders: Venzke und Devon haben aus ihrer Faszination für den Terrorismus einen Job gemacht - und al-Qaida beobachtet die Arbeit der beiden genau.

Ben Venzke und Josh Devon sind zwei der exponiertesten "Terror Tracker" weltweit. Damit bezeichnet man in den USA und zunehmend auch außerhalb der Staaten die Gemeinde derer, die ihren Tage damit verbringen, Spuren zu deuten, die al-Qaida und verwandte Organisationen hinterlassen - vor allem im Internet. Die beiden Amerikaner sind so etwas wie digitale Fährtenleser im Zeitalter des globalisierten Terrorismus.

IntelCenter und Site Intelgroup: So heißen die Firmen, die Venzke und Devon gegründet haben. Innerhalb der überschaubaren Szene von Terrorfachleuten haben sie einen Ruf wie Donnerhall. Doch außerhalb sind sie kaum bekannt.

Zu Unrecht.

Denn beide Unternehmen üben großen Einfluss aus, weltweit und rund um die Uhr. Nachrichtenagenturen, Geheimdienste und Polizeibehörden aus der gesamten westlichen Welt sind Kunden bei Devon und Venzke. Per E-Mail, Telefon oder Fax, direkt auf Palm oder Handy liefern Site und IntelCenter ihre Ware: Informationen.

Praktisch jede im Internet veröffentlichte Ansprache von Osama Bin Laden, um nur ein Beispiel zu nennen, wird zuerst von Site und IntelCenter öffentlich gemacht. Sie finden sie im Gewirr der Qaida-nahen Web-Sites, senden in Sekunden erste Screenshots an ihre Abonnenten, fassen die Reden innerhalb von Minuten zusammen und verschicken innerhalb von Stunden die Übersetzung, schließlich Analysen.

Da kaum Nachrichtenagenturen, Zeitungen oder Magazine in der Lage sind, diese Informationen selbst zu beschaffen oder zu prüfen, landen die Übersetzungen oft eins zu eins in den Medien. Und nicht nur dort, sondern auch auf den Schreibtischen von Analysten bei Geheimdiensten in den USA und Europa: Bin Laden frei Haus, aber aus zweiter Hand.

"Wir gingen dahin, wo die Dschihadisten hingingen"

Ein heißer Tag im Juni, irgendwo an der US-Ostküste. In einem unscheinbaren Bürogebäude liegt die Zentrale der Site Intelgroup. Ein Firmenschild gibt es nicht.

Helle Teppiche, helle Schreibtische, die Klimaanlage surrt, ein Wasserspender gluckert: Auf den ersten Blick deutet nichts auf das brisante Geschäftsfeld hin. Josh Devon, mit einem Starbucks-Eistee in der Hand, bittet in den mit Landkarten behängten Konferenzraum. FBI-Beamte nehmen hier Platz, wenn Devon sie brieft. Der 29-Jährige trägt ein weißes Hemd und einen Dreitagebart. Als er Site zusammen mit Rita Katz gründete, war er gerade 23 Jahre alt.

"Wir folgten den Dschihadisten einfach", beschreibt er die Idee hinter Site. "Wir gingen dahin, wo sie hingingen." Er meint: online.

Als er und Katz sich zusammentaten, war Devon noch Student der Middle Eastern Studies und seine Partnerin schon eine Legende. Praktisch im Alleingang hatte sie ab Ende der Neunziger Finanzierungswege von Islamisten aufgedeckt. Katz, die als Jüdin im Irak geboren wurde und Arabisch spricht, unterwanderte die Szene als Muslimin verkleidet und mit Aufnahmegerät. Ihre Erkenntnisse leitete sie den Behörden weiter. Es gab Verfahren, Organisationen wurden verboten.

Und dann kam der 11. September 2001.

Und Rita Katz und Josh Devon waren unter den ersten, die kurz darauf merkten: Al-Qaida und Co. schaffen eine Online-Präsenz. Sie gründeten Site, was für "Search for International Terrorist Entities" steht, und surften hinterher. Zu ihren ersten Abonnenten zählte ein US-Magazin. Es folgten Behörden in der Schweiz und Hinterbliebene von Opfern des Terroranschlags am 11. September 2001 - Site war im Geschäft.

Im Büro ein Dankschreiben vom FBI-Chef

Heute ist aus dem gemeinnützigen Unternehmen eine Firma geworden. Aber Devon und Katz muss man sich nicht wie Geschäftsleute, sondern wie Überzeugungstäter vorstellen. Offline sind sie nur, wenn sie zwischen Büro und Wohnung pendeln. "Was ich tue, ist wichtig", antwortet Katz, die am Besuchstag nicht in der Site-Zentrale ist, in einem später geführten E-Mail-Interview. "Es ist eine Mission." Devon sagt: "Terror-Tracking macht süchtig, besonders wenn man größere Erfolge hat."

Und Erfolge hat Site. In Katz' Büro hängt nicht grundlos ein Dankschreiben von FBI-Chef Robert S. Muller III. Auch außerhalb der USA hat ihre Arbeit schon zu Festnahmen geführt. Zum Beispiel von abreisefertigen Selbstmordattentätern, die in Chatrooms, die Site penetriert hat, Abschiedsbriefe hinterließen.

Site redet nicht gern über Methoden. Aber es ist auch so klar, wo die Expertise liegt: Katz und ihre Mitarbeiter surfen im Netz, als wären sie Cyber-Dschihadisten. "Es ist ein bisschen wie das, was ich früher getan habe, weil man wie damals aufpassen muss, seine Identität nicht preiszugeben", sagt sie.

Infiltration und Penetration

In den vergangenen Jahren haben Qaida-Ehrenamtliche eine stabile Online-Infrastruktur geschaffen. Tragende Säulen sind eine Handvoll arabischsprachige Diskussionsforen. Dort debattieren Terrorfans. Aber vor allem ermöglichen die Administratoren es Terrororganisationen, Reden, Videos und Bekennerschreiben einzustellen.

Die Foren sind passwortgeschützt - doch das ist nur die erste Hürde. Wer mehr Informationen will, als man durch Mitlesen erhält, der muss sich in der informellen Hierarchie hocharbeiten: Er muss glaubhaft vermitteln, in der angemessenen Sprache, mit dem passenden Ton, dass er ein wahrer Dschihadist ist. Er muss das Vertrauen der wichtigeren Nutzer erringen, schließlich das der Administratoren. So wird man ein Teil von Cyber-Netzwerken, die nah dran sind an al-Qaida und Co. Die über Rohmaterial von Terrorvideos verfügen, Geldflüsse koordinieren und die wahren E-Mail-Adressen der Forum-Nutzer kennen.

Site, das darf man unterstellen, arbeitet so. Und die Firma lebt davon, dass sie früher dran war als die Behörden. Der Vorsprung, so ein europäischer Geheimdienstler, beträgt vier bis fünf Jahre.

Für Regierungsbehörden arbeitet SITE stets vertraulich und zum Teil auf der Basis konkreter Aufträge. Zu den öffentlichen Produkten zählen Newsletter über Taliban-Aktivitäten, die Lage im Irak und mit den neusten Nachrichten aus Dschihadisten-Chatrooms. Site gibt außer offiziellen Informationen von Terrororganisationen auch die "Atmosphäre" in der Szene wider.

Beeinflussen Site und IntelCenter die Nachrichtendienste?

Mehrmals im Monat wird Site von "New York Times" und "Washington Post" zitiert. Noch häufiger taucht Site indirekt und ungenannt in Zeitungsmeldungen weltweit auf, auch wenn Site heute weniger die Öffentlichkeit sucht als in den vergangenen Jahren.

Und vermutlich stammen einige Meldungen, die befreundete Geheimdienste austauschen, ebenfalls aus dem SITE-Fundus. "Im schlimmsten Fall", moniert der renommierte Terrorexperte Magnus Ranstorp vom Swedish National Defence College, "ist das eine Echokammer." Wenn nämlich dieselbe Meldung, weil Dienste einander die Quellen nicht nennen, zu ihrer eigenen Bestätigung wird.

Natürlich verfolgt jeder Nachrichtendienst, der etwas auf sich hält, Cyber-Dschihadisten auch selbst. Aber Site und IntelCenter sind oft schneller - und ihre Produkte gehen auch an solche Abteilungen, die das nicht können.

Ranstorp sieht noch mehr Probleme: Site und Co. kommerzialisierten das Nachrichtendienstwesen, meint er. Und sie beeinflussten die Analysten mit ihren Meldungen. Vor allem aber sagt er: "Ich wünschte, es gäbe mehr solcher Einrichtungen. Dann gäbe es mehr Wettbewerb."

Tatsächlich gibt es nur einen ernsthaften Wettbewerber: Ben Venzke.

Ende Juli hatte er seinen letzten Scoop: Mitarbeiter des IntelCenter fanden als erste ein Video im Netz, in dem die Islamische Partei Turkistan mit Terror während der Olympischen Spiele drohte.

Um 21.07 Uhr meldete IntelCenter seinen Abonnenten per "Flash"-Mitteilung den Fund. Um 21.46 Uhr folgten übersetzte Kernpassagen. Um 22.39 Uhr Standbilder. Gleichzeitig griff die erste Agentur die Meldung auf. Am folgenden Tag analysierte Venzke die Glaubwürdigkeit der Truppe; später schickte er Informationen aus einem früheren Video.

"Das Leben sollte sich um Filme und Musik drehen"

Ben Venzke sieht zwar nicht mehr ganz so jung aus wie Josh Devon. Aber auch nicht gerade wie einer, der regelmäßig US-Spezialeinheiten mit Aufklärungsmaterial versorgt. "Das hier", sagt Venzke gut gelaunt im legeren schwarzen Hemd, "ist mein zweites Wohnzimmer." Die Kellnerin im Café des Hotels Four Seasons erkennt ihn sofort und bringt Tee.

Ist es typisch amerikanisch, hat es mit dem Thema Terrorismus zu tun, oder ist es Zufall? Jedenfalls war Venzke noch jünger als Devon, als er vor 19 Jahren IntelCenter gründete: 16. Später studierte er Journalismus, schrieb für den "Boston Globe" und das Geheimdienstfachblatt "Jane's".

"Ich habe nie geglaubt, dass Nachrichten das ganze Bild zeigen", sagt Venzke. Er habe verstehen wollen, "wie die Dinge wirklich laufen".

"Damit eine Gesellschaft funktioniert, müssen die Menschen glauben können, dass sie sicher sind", lautet sein Credo. "Das Leben sollte sich um Filme und Musik drehen, nicht um die Sorge, dass ein Gebäude zusammenkracht."

IntelCenter hat viel mit Site gemeinsam, aber es gibt große Unterschiede. Beide sind in der Lage, jedes wichtige Qaida-Kommuniqué zu finden, manchmal sogar vor der Veröffentlichung. Beide können in kurzer Zeit ziemlich akkurate Übersetzungen von Terrormaterial versenden, egal ob Videos, Reden oder Bekennerschreiben. Beide arbeiten für ähnliche Kundschaft.



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