Bin-Laden-Flucht "Amerikas schlimmster Fehler"

Zwischen Geheimdienstlern und US-Militärs ist offenbar ein heftiger Konflikt entbrannt. Sicherheitsbeamte werfen dem Militär vor, sie hätten Bin Laden entwischen lassen. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld dagegen verteidigt seine Generäle.


Terrorchef Bin Laden konnte angeblich aus Tora Bora fliehen
AFP

Terrorchef Bin Laden konnte angeblich aus Tora Bora fliehen

Washington - Verteidigungsminister Rumsfeld wies Vorwürfe zurück, die Taktik der Militärs sei fehlerhaft gewesen. Es habe niemals solide Beweise dafür gegeben, dass Bin Laden sich in Tora Bora aufgehalten habe. Der Afghanistan-Oberbefehlshaber Tommy Franks habe "sehr wirkungsvolle Bemühungen" befehligt. Auch Generalstabschef Richard Myers nahm Franks in Schutz: "Ich glaube nicht, dass es ein Versagen war."

Bin Laden soll innerhalb der ersten zehn Kampftage in Afghanistan aus dem Höhlensystem Tora Bora geflohen sein, hatte die "Washington Post" unter Berufung auf Geheimdienstkreise berichtet. Hätten die alliierten Bodentruppen früher nach Bin Laden gesucht, dann hätte seine Flucht wahrscheinlich verhindert werden können, kritisieren Experten dem Blatt zufolge den US-Einsatz. Es sei der größte Fehler in dem Feldzug gewesen, dass US-Bodentruppen nicht verpflichtet wurden, ihn zu jagen, so die Experten.

Ein amerikanischer Anti-Terror-Spezialist bezeichnete es als Fehler, dass US-Bodentruppen nicht früher um Tora Bora gekämpft hätten. Geheimdienst und US-Militärs kritisieren vor allem den amerikanischen Oberbefehlshaber Tommy Franks. Er habe die Interessen der mutmaßlichen afghanischen Alliierten falsch eingeschätzt und die Chance verstreichen lassen, die al-Qaida-Führer festzunehmen oder zu töten. Ohne hochrangigen Offizier vor Ort habe er die Situation in Afghanistan falsch eingeschätzt. Franks hatte die Kämpfe von Tampa in Florida aus geleitet. "Niemand hat einen Überblick gehabt", zitiert das Blatt einen Vertreter aus dem Verteidigungsministerium.

Halfen korrupte Afghanen al-Qaida-Kämpfern?

Kämpfe um Tora Bora: Damals war Bin Laden wahrscheinlich schon über alle Berge
AP

Kämpfe um Tora Bora: Damals war Bin Laden wahrscheinlich schon über alle Berge

Die Zusammenarbeit mit afghanischen Verbündeten habe nicht richtig funktioniert. Korrupte Afghanen hätten das Höhlensystem nicht richtig abgeriegelt und al-Qaida-Kämpfern zur Flucht verholfen. Inhaftierte, die von US-Militärs verhört wurden, hätten gesagt, dass Bin Laden in den Höhlen war. Sie hätten um den 3. Dezember noch eine Nachricht vom Terrorchef erhalten, berichteten sie übereinstimmend. Von den al-Qaida-Führern, die getötet werden sollten, seien die meisten noch am Leben, zitiert die Zeitung einen Insider.

Die US-Armee hatte Tora Bora ab dem 30. November zunächst nur aus der Luft angegriffen, während afghanische Kämpfer in das Tunnelsystem eingedrungen waren. Erst Wochen später kämpften auch US-Spezialeinheiten am Boden um Tora Bora.

Ein Sprecher von General Franks bestreitet allerdings, dass Bin Laden aus der Festung fliehen konnte. "Wir haben nichts, was uns überzeugen könnte, dass Osama Bin Laden zu irgendeinem Zeitpunkt in Tora Bora war", so der Sprecher. Auch US-Präsident George W. Bush hat bisher noch nicht offiziell die Flucht Bin Ladens aus Tora Bora bestätigt. Für ihn ist es ohnehin nicht entscheidend, ob Bin Laden tot ist oder nicht. "Terror ist mehr als eine Person. Ich bin wirklich nicht beunruhigt über ihn."



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