Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Bin-Laden-Nachfolge: Dr. Aiman übernimmt das Kommando

Von Yassin Musharbash

Nun ist es offiziell: Aiman al-Sawahiri ist al-Qaidas neuer Anführer. Der dröge Chirurg aus Ägypten wird Osama Bin Laden kaum ersetzen können. Aber das Terrornetzwerk hat offenbar eine neue Strategie im Sinn.

Berlin - Nüchterner geht es nicht: "Die allgemeine Führung der Organisation al-Qaida verkündet hiermit, dass - nach Abschluss der internen Beratungen - Aiman al-Sawahiri die Führung der Organisation übernommen hat." Anderthalb Monate nach dem Tod Osama Bin Ladens hat das Terrornetzwerk damit wieder einen offiziellen "Amir" oder Anführer.

Die formale Ernennung des um 1952 geborenen Chirurgen aus Ägypten ist alles andere als eine Überraschung: Er war seit der Gründung al-Qaidas der Stellvertreter Bin Ladens, und die internen Statuten sahen stets vor, dass der Vize bei Tod oder Gefangennahme des Chefs übernimmt. Einzige Hürde ist eine Abstimmung unter den Mitgliedern der "allgemeinen Führung".

Dass die mutmaßlich rund zehn Personen, die dieses exklusive Gremium bilden, sich persönlich getroffen haben, um Sawahiri auf den Schild zu heben, ist unwahrscheinlich; wahrscheinlich stimmten sie entweder im Internet ab oder ließen ihre Kuriere einander treffen. Dieses Gremium meldet sich nur selten zu Wort. Nun verkündete es erst Bin Ladens Tod und dann seinen Nachfolger - die "allgemeine Führung" hat damit ihre zentrale Rolle innerhalb des Netzwerks für alle sichtbar bekräftigt; unter Bin Laden war diese weniger deutlich erkennbar.

Es verbirgt sich hier ein Hinweis darauf, dass al-Qaida weniger zerrüttet ist, als es von Außen den Anschein hat.

In jedem Fall beendet der am Donnerstagmorgen verkündete Beschluss die Debatte um die Bin-Laden-Nachfolge. Das insgesamt dreiseitige Dokument, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, ist aller Wahrscheinlichkeit nach echt. Es erschien auf den handverlesenen, von al-Qaida autorisierten Web-Seiten; der Inhalt, die Sprache und die Form geben keinen Anlass zum Zweifel.

Interessanter als die Ernennung an sich ist die Frage, was sie bedeutet. Wird al-Qaida sich unter Aiman al-Sawahiri neu ausrichten? Und wird ihm als neuem Amir derselbe Grad an Gehorsam entgegengebracht werden wie seinem Vorgänger?

Respekt - aber keine Verehrung

Aiman al-Sawahiri genießt innerhalb von al-Qaida und im erweiterten Kreis der Ehrenamtlichen und aktiven Sympathisanten großen Respekt - vor allem, weil er einfach schon so lange dabei ist. Er radikalisierte sich bereits als Jugendlicher, er geriet in den Sog militanter Organisationen, die die ägyptische Regierung stürzen wollten, und formte angeblich bereits als 16-Jähriger seine erste eigene Zelle. Zeitweise war er in Ägypten inhaftiert.

Genau wie Bin Laden brachte ihn der Kampf der Afghanen gegen die sowjetischen Invasoren an den Hindukusch, genau wie der Saudi-Araber ging er danach nicht wieder dauerhaft in sein Heimatland zurück, sondern verfolgte gemeinsam mit ihm ein neues Projekt, das auf einer neuen Idee beruhte: Al-Qaida, ein Zusammenschluss von Dschihadisten aus zahlreichen Ländern, sollte den Kampf gegen die Ungläubigen und vom Glauben Abgefallenen in alle Welt tragen. Nicht länger sollten Ägypter alleine gegen das übermächtige ägyptische Regime kämpfen, die Libyer gegen das libysche, die Syrer gegen das syrische - stattdessen sollte die vermeintliche Schutzmacht der "gottlosen" Präsidenten und Könige attackiert werden - die USA. Und zwar wo auch immer es möglich war, und egal mit welchen Methoden.

Dieser ideologische Schirm stellte sich als tragfähig heraus, und vom ersten spektakulären Qaida-Anschlag auf US-Botschaften in Afrika 1998 bis zum 11. September 2001 ließen sich der Aufstieg der Idee und der dahinterstehenden Organisationen nachverfolgen. Aiman al-Sawahiri war von Anfang an dabei - als der zweite Mann hinter Bin Laden. Er brachte dabei auch Opfer. Seine Ehefrau Azza etwa starb kurz nach dem 11. September 2001 bei einem US-Luftangriff.

Doch Respekt ist eine Sache, Verehrung eine andere: Sawahiri, meistens "Scheich Doktor Aiman" genannt, ist ein schlechter Redner, er ist streitsüchtig und besserwisserisch, er hat, anders als Bin Laden, keinerlei Ausstrahlung.

Will al-Qaida mehr Einzeltäter statt Zellen?

Die Frage wird nun sein, wie die Mitglieder und Anhänger sich mit dem neuen "Amir" arrangieren werden. Niemand wird ihm die Führung streitig machen. Aber es ist denkbar, dass zum Beispiel die Qaida-Filiale auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) ein distanzierteres Verhältnis zu ihm pflegen wird als zu Bin Laden. Es bestehen langjährige Animositäten zwischen dem ägyptischen Kontingent al-Qaidas und den Kadern aus Saudi-Arabien und dem Jemen. Eine Meuterei wird es nicht geben; vielleicht aber eine weniger bereitwillige Umsetzung von Direktiven aus der Zentrale.

Die zweite Frage freilich ist: Wie könnten denn die Direktiven Sawahiris aussehen? Wird er versuchen, al-Qaida neu auszurichten?

Grundsätzlich folgt Sawahiri derselben Strategie wie Osama Bin Laden. Allerdings gibt es vage Anzeichen dafür, dass das Terrornetzwerk eine neue Strategie erproben möchte. Diese Indizien fallen mit der Machtübernahme Sawahiris zusammen, sie müssen aber nicht alleine auf seiner Entscheidung beruhen.

Auffallend ist jedoch, dass sich sowohl in dem aktuellen Qaida-Kommuniqué der allgemeinen Führung als auch in einem opulenten Qaida-Propagandavideo von vor einigen Wochen Aufforderungen an Nicht-Mitglieder finden, als Einzeltäter Terrorakte zu begehen.

Al-Qaida und die arabische Revolte

In dem Video beispielsweise, das fast zwei Stunden dauert, werden den Zuschauern Dutzende Beispiele von solchen Einzeltätern vorgeführt, teilweise aus dem 19. Jahrhundert. Ein Mann, ein Anschlag: Das war bisher nicht al-Qaidas offizielle Linie. Das Terrornetzwerk begrüßte zwar die Kooperation mit Freiwilligen und ehrenamtlichen Helfern aller Art, bestand aber stets auf eine Art terroristisches Reinheitsgebot: Nur wo auch al-Qaida drin war, sollte al-Qaida draufstehen.

Die neuen Publikationen aber können auch so verstanden werden, dass al-Qaida den Segen erteilt, in ihrem Namen als Einzeltäter tätig zu werden. Generell sei es zwar besser, den Kontakt zu al-Qaida herzustellen, sagt in dem Propagandafilm etwa der Chefideologe Abu Jahja al-Libi, aber wenn das nicht möglich sei, sei Eigeninitiative gefragt. Einzeltäter statt Zellen: Es ist womöglich die Sorge, dass Gruppen leichter zu entdecken sind, die hinter dieser Idee steht.

In dem am Donnerstag veröffentlichten Dokument gibt es eine Passage, die dazu passt: Al-Qaida strecke die Hand all jenen gegenüber aus, die ebenfalls "für den Sieg des Islams arbeiteten" - im Qaida-Sprech bedeutet das: Terroranschläge planen. Es sei egal, ob sie dies "innerhalb oder außerhalb bestehender Organisationen" täten.

Noch in einem zweiten Punkt hat al-Qaida eine Positionsbestimmung vorgenommen: Anfangs hatte das Terrornetzwerk zu den Revolten in den arabischen Ländern wenig Stimmiges zu sagen; es hinkte hinterher, die Mitteilungen waren überholt und klangen geradezu verzweifelt angesichts der Abwesenheit jedweder islamistischer Agitationen auf den Plätzen von Kairo, Tunis oder Damaskus.

Sawahiri braucht einen spektakulären Anschlag

Als aber Sawahiri in der vergangene Woche - noch ohne sich als "Amir" zu bezeichnen - ein eigenes Video veröffentlichte, stellte er das erste Mal den Versuch einer Strategie im Angesicht der Aufstände vor: Al-Qaida unterstütze das Aufbegehren gegen die "gottlosen" Regime; aber diese Gesellschaften müssten anschließend in gottgefällige Gemeinwesen transformiert werden.

In dem Kommuniqué vom Donnerstag gibt es ein Echo dieser Position: Die Revolutionen seien unvollständig, wenn anschließend nicht die Scharia, die islamische Rechtsordnung, eingeführt werde.

Sawahiri übernimmt die Führung in jedem Fall zu einem schwierigen Zeitpunkt: Der Verfolgungsdruck ist enorm, CIA-Drohnen surren nicht mehr nur über Pakistan, sondern auch über dem Jemen, um Qaida-Kader auszuschalten. Seit Jahren ist dem Netzwerk kein spektakulärer Anschlag im Westen mehr gelungen, stattdessen wurden etliche Kader getötet oder festgenommen.

Ehemalige Kampfgefährten halten Sawahiri für intelligenter und strategischer als Bin Laden. Auch Geheimdienste vermuten, dass Sawahiri schon in den vergangenen Jahren die entscheidende Figur war. Um sein Standing zu verbessern, wird er versuchen, einen solchen Anschlag zum Erfolg zu führen - sicher nicht um jeden Preis, dafür ist er zu vorsichtig; aber gewiss so bald wie möglich.

Über Sawahiris Aufenthaltsort ist derweil nichts bekannt. Wie bei Bin Laden wurde bisher vermutet, er halte sich im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet auf, wie bei Bin Laden könnte sich das als Fehlannahme herausstellen. Nur dass er in einer Höhle lebt, galt stets als unwahrscheinlich - in einem Video ist beispielsweise seine arabischsprachige medizinische Fachbibliothek in einem Wandregal zu erkennen.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 102 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Freigegeben
Die_Sonne 16.06.2011
Zitat von sysopNun ist es offiziell:*Aiman al-Sawahiri ist al-Qaidas*neuer Anführer. Der dröge Mittsechziger, ein Chirurg aus Ägypten, wird Osama Bin Laden kaum ersetzen können. Aber das Terrornetzwerk hat offenbar eine neue Strategie im Sinn. * http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,768711,00.html
Das Böse weicht zurück, wenn man sich ihm enschlossen entgegenstellt. Mit den Pazifisten kann man dem Bösen keinen Einhalt gebieten. Ich hoffe weltweit arbeiten alle Muslime bei der Bekämpfung von Al-Qaida mit.
2. Terrror geht weiter
snoozer 16.06.2011
soso, dann kann also der Terror also weitergehen. Wäre ja auch zu schade, wenn jetzt alles vorbei wäre. Da hat die CIA tatsächlich einen neuen Befehlsempfänger gefunden...
3. Seit Jahren ist dem Netzwerk kein spektakulärer Anschlag im Westen mehr gelungen, sta
real.aragorn 16.06.2011
Warum sollten sie Anschläge im Westen planen, brauchen sie doch nur ge´n Okzident ( lat. "occidere" dt. "untergehen, niedergehen" zu schauen ). nomen est omen
4. Geburtsjahr
chance2000 16.06.2011
"Der dröge Mittsechziger[...]" und "Die formale Ernennung des um 1952 geborenen Chirurgen[...]": Wenn er um 1952 geboren ist, ist er Mittfünfziger oder Anfang sechzig.
5. Plagiator?
sir.viver 16.06.2011
Zitat von sysopNun ist es offiziell:*Aiman al-Sawahiri ist al-Qaidas*neuer Anführer. Der dröge Mittsechziger, ein Chirurg aus Ägypten, wird Osama Bin Laden kaum ersetzen können. Aber das Terrornetzwerk hat offenbar eine neue Strategie im Sinn. * http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,768711,00.html
Ersteinmal sollte die CIA den Dr.-Titel ueberpruefen. Vielleicht hat der Terrorfuerst auch einen Fake-Titel?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fotostrecke
Todeserklärung: Al-Qaida beklagt "Märtyrer" Bin Laden

Fotostrecke
Letztes Versteck des Qaida-Chefs: Das Haus in "Bin Laden Town"

SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: