Pakistan Um Mitternacht kommen Bin Ladens Witwen frei

Osama Bin Ladens Familie erwartet die Freiheit - ein Jahr nach der Tötung des Terrorchefs. Ab Mitternacht sollen seine Witwen und Kinder aus Pakistan abgeschoben werden. Für die Regierung in Islamabad eine heikle Sache, denn die Frauen könnten der Weltöffentlichkeit pikante Dinge erzählen.

Von , Islamabad

Mutmaßlicher Wohnsitz der Bin Ladens in Islamabad: "Vermutlich nach Saudi-Arabien"
AFP

Mutmaßlicher Wohnsitz der Bin Ladens in Islamabad: "Vermutlich nach Saudi-Arabien"


Wenn es so läuft, wie sie es sich vorstellen, endet heute Nacht für drei Frauen ein langjähriger Aufenthalt in Pakistan. Die drei Witwen von Osama Bin Laden, die den Einsatz des US-Spezialkommandos auf das Versteck des Qaida-Chefs vor bald einem Jahr überlebt haben, sollen gemeinsam mit ihren acht Kindern und einem Enkelkind abgeschoben werden.

"Sie werden voraussichtlich nach Saudi-Arabien geflogen, der Heimat von zwei der drei Frauen", sagt ihr Anwalt Mohammed Amir Khalil. "Die jüngste Witwe stammt aus Jemen; sie und ihre Kinder werden vermutlich von Saudi-Arabien aus in ihre Heimat zurückkehren."

Mit Spannung darf nun erwartet werden, was die Frauen zu sagen haben. "Mit dem Verlassen Pakistans sind sie frei. Meines Wissens ist nicht vorgesehen, dass sie in Saudi-Arabien oder anderswo in Haft kommen", sagt Anwalt Khalil. "Sie sind unschuldig, warum sollten sie wieder ins Gefängnis?" Auf die Frage, ob sie Rede und Antwort stehen würden, sagt er: "Es steht ihnen frei, zu reden, was und mit wem sie wollen." Vor ihrer Abreise aus Pakistan wollten sie sich aber nicht an die Öffentlichkeit wenden.

45 Tage Haft und eine kleine Geldstrafe

Aus der pakistanischen Regierung ist zu hören, dass vor allem die beiden älteren Frauen sich wohl auch künftig nicht öffentlich äußern werden. "Sie wollen mit der Vergangenheit abschließen und ihre Ruhe haben", sagt ein Beamter. Bei der jüngsten Witwe sähe dies möglicherweise anders aus, sie habe schon im Gespräch mit den Ermittlern viel geredet. "Allerdings wäre es aus unserer Sicht gut, wenn das Kapitel 'Osama Bin Laden in Pakistan' endlich abgeschlossen werden kann."

Die Witwen sowie zwei Töchter waren Anfang April wegen illegalen Aufenthalts in Pakistan zu 45 Tagen Haft und einer kleinen Geldstrafe verurteilt worden. Ihr Hausarrest wurde nur zum Teil auf die Strafe angerechnet, so dass die Haft heute Nacht endet.

Osama Bin Laden war im Lauf seines Lebens mit fünf Frauen verheiratet: Von einer Frau trennte er sich in den neunziger Jahren, von einer Syrerin ließ er sich im Jahr 2001 scheiden. Manche Quellen sprechen auch von einer sechsten Frau, doch diese Ehe ließ er angeblich innerhalb von 48 Stunden annullieren.

Mit den drei Frauen, die jetzt aus Pakistan ausgeflogen werden, lebte er bis zu seinem Tod in der Nacht auf den 2. Mai 2011 im nordpakistanischen Abbottabad: die Kinderpsychologin Khairiah Saber, die Sprachwissenschaftlerin Siham Saber sowie die junge, ungebildete Amal Ahmed al-Sadah.

Auch amerikanische Ermittler wollten mit den Frauen sprechen

Die drei Frauen sowie die anderen Familienangehörigen waren von den US Navy Seals nach dem Schlag gegen Bin Laden auf dem Anwesen zurückgelassen worden. Die Amerikaner hatten bei dem Einsatz einen Hubschrauber verloren. Vermutlich hätten sie sie andernfalls mitgenommen, so aber reichte die Kapazität in den Helikoptern nur dafür, die US-Soldaten wieder außer Landes zu bringen. Pakistanische Sicherheitskräfte fanden die Bin-Laden-Angehörigen gefesselt in dem Haus vor.

Es war eine Schmach für Pakistan: Der meistgesuchte Terrorist hatte nur wenige hundert Meter von der renommierten Militärakademie Kakul entfernt gelebt, umgeben von weiteren Kasernen, mitten in einem militärisch sensiblen Gebiet. Teile des pakistanischen Militärs und des Geheimdienstes, so die Kritik aus aller Welt, müssten von Bin Ladens Aufenthalt gewusst, ihm womöglich sogar geholfen haben - oder die Sicherheitskräfte hatten komplett versagt. Komplizenschaft oder Unfähigkeit, das waren die beiden Optionen, und die pakistanische Regierung nannte Letzteres als Grund.

Die Witwen und die Kinder kamen in Gewahrsam des pakistanischen Geheimdienstes ISI, der sie in einer Villa in der Hauptstadt Islamabad unter Arrest stellte. In den vergangenen Monaten war vor allem die jüngste Witwe eine sprudelnde Quelle für die Ermittler. Sie berichtete von den verschiedenen Aufenthaltsorten Bin Ladens, erzählte vom Zwist unter den Frauen und nährte die Theorie, dass Khairiah Saber, die Bin Laden angeblich nur noch duldete, ihren Mann an die Amerikaner verraten habe.

Auch amerikanische Ermittler wollten mit den Frauen sprechen, um mehr über Bin Laden und sein Leben in Pakistan zu erfahren. Die pakistanischen Ermittler genehmigten das nur mit Verzögerung und unter Aufsicht.

"Die Sorge, dass sie Dinge erzählen, die aus pakistanischer Sicht unangenehm sind, ist groß", sagt ein Armeegeneral, der namentlich ungenannt bleiben möchte. Ungeklärt ist zum Beispiel, wer die Helfer Bin Ladens waren und ob sie beispielsweise auch aus den Reihen des Militärs oder des Geheimdienstes kommen und ob die Regierung von seinem Aufenthaltsort wusste, wie kürzlich ein früherer Geheimdienstchef behauptete. "Aber ich erkenne nichts Schlechtes daran, wenn da endlich Licht in die Sache kommt", sagt der Offizier weiter. Man müsse nur genau hinsehen, was Fakten seien und was Fiktion. "Wenn sie es richtig anstellen, haben sie mit der Geschichte ihres Lebens für den Rest ihres Lebens ausgesorgt."

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bloub 17.04.2012
1. pikant
wirds wohl eher für die us-regierung, wenn die anfangen über die eine nacht zu reden.
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