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Bin Ladens letzter Wohnort: Wehret den Wallfahrern

Aus Abbottabad berichtet

Die pakistanische Armee riegelt das Versteck von Osama Bin Laden noch immer hermetisch ab. Das Gebäude in Abbottabad wird nach Angaben von Offizieren schon bald abgerissen. Der letzte Aufenthaltsort des Terrorchefs soll nicht zu einer Pilgerstätte seiner Anhänger werden.

Letztes Versteck des Qaida-Chefs: Das Haus in "Bin Laden Town" Fotos
AFP

Manche sind tausende Kilometer gereist, aber sie haben es nur bis knapp vor das Ziel geschafft. Journalisten und Kamerateams aus aller Welt sind in Abbottabad, dieser Stadt im Norden von Pakistan, die kaum jemand außerhalb des Landes kannte und die jetzt als Todesort von Osama Bin Laden in die Weltgeschichte eingegangen ist.

Sie haben freundlich gebeten, geschimpft, auch versucht zu bestechen - aber es hat nichts genützt: Maximal bis in den Vorgarten des meistgesuchten Terroristen der Welt durften die Pressevertreter, und das auch nur mit Murren und unter kritischen Blicken der Polizisten und Soldaten. Kein Reporter war bisher im Haus.

Am Montag noch hatte die Militärpolizei auf Journalisten eingeprügelt, ihnen Kameras weggenommen, Fotos und Filmaufnahmen gelöscht, auch SPIEGEL ONLINE war betroffen sowie ein Team, das für die ARD drehte. Es waren Bilder von den Hubschraubertrümmern, die die Journalisten einen Kilometer von Bin Ladens Residenz zu Gesicht bekamen, als die pakistanische Armee die Überreste des Helikopters mit einem Traktor wegfahren ließ. Die Welt sollte nicht sehen, was da sichergestellt wurde. Und die Sicherheitskräfte reagierten dünnhäutig. Denn sie standen bis auf die Knochen blamiert da, weil sie nicht mitbekommen hatten, dass Osama Bin Ladan mitten unter ihnen lebte. Unter den Einwohnern von Abbottabad kursiert für sie seitdem der Begriff von den "Idioten in Uniform".

In den darauffolgenden Tagen durften die Berichterstatter erstmals bis an die graue Mauer heran und das trostlose Anwesen fotografieren, das in ersten Berichten voreilig als "luxuriös" bezeichnet worden war. Wer den Wache stehenden Polizisten lange zuredete, konnte einmal hinter die Mauer auf das Grundstück gehen. Außer dem verbogenen Stacheldraht auf der Mauer an der Stelle, wo der US-Hubschrauber vermutlich abgestürzt war, und den zersplitterten Fenstern und den verkohlten Türrahmen auf der Seite, an der Bin Ladens Zimmer lag, war nichts zu sehen, das auf Kampf, auf Gewalt deutete. Selbst der Krater an der Stelle, an der die Helikoptertrümmer gelegen hatten, war gepflügt worden.

Weil sich mehrere Journalisten beschwert haben über die ruppige Reaktion der Sicherheitskräfte, zeigen sie sich heute von ihrer besten Seite. Sie bitten Journalisten aus ihren Autos, ein Uniformierter kommt mit einer Flasche Limonade und Plastikbechern angerannt und verteilt sie unter den Ankömmlingen.

"Presse?"

Nicken.

"Heute darf kein Journalist ran."

Warum nicht?

"Befehl von oben."

Aber was ist der Grund dafür?

"Das wüssten wir auch gern. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Sie nicht durchlassen können."

Und wenn man einfach durchmarschiert?

"Ich bitte Sie, machen Sie keine Probleme! Wir tun doch auch nur unsere Arbeit."

Gibt es etwas zu verheimlichen? Will man etwas vertuschen?

Schweigen. Dann: "Ach." Wieder Schweigen. "Was wissen wir denn? Wenn das doch alles vorbei ist!"

Das Haus soll kein Pilgerort werden

Ein japanischer Fernsehmann verliert die Fassung, er schimpft und flucht auf Japanisch. Ein mexikanischer Fotograf setzt sich erschöpft auf den staubigen Boden, ein Australier fängt mit ein paar Polizisten ein Gespräch über Kalaschnikows an, eine Amerikanerin fragt nach einem weiteren Glas Limonade. Der Soldat lächelt und schenkt ihr die ganze Flasche. Viele Journalisten haben dunkle Ringe unter den Augen, manche haben fünf Tage ausgeharrt, haben inzwischen jedes Restaurant von Abbottabad kennengelernt.

Aber Bin Ladens Haus von innen haben sie nicht gesehen. Wie viele Einschusslöcher sind in den Wänden? Welche sonstigen Spuren hat der tödliche Zugriff auf den Qaida-Chef hinterlassen? Welche Möbel stehen da? Davon soll die Weltöffentlichkeit nichts erfahren. Nur ein paar pakistanische Sender haben Filmaufnahmen aus dem Inneren bekommen, die wohl von Soldaten aufgenommen wurden. Der US-Sender ABC bekam die ersten Bilder, vermutlich für viel Geld von einem pakistanischen Sender oder gleich direkt von den Sicherheitskräften.

Die Armee und der Geheimdienst ISI haben jetzt die Kontrolle über das etwa 3500 Quadratmeter große Anwesen. "Selbst ich war noch nicht in dem Gebäude", sagt der örtliche Polizeichef Nazir Khan. "Alles, was im Inneren des Hauses angeht, ist nicht Sache der Polizei", sagt er.

In der Gegend um das Haus laufen viele erstaunlich gut Englisch sprechende Männer herum, die sich als Anwohner ausgeben. "Alles Spione, die uns die pakistanische Sicht der Dinge unterjubeln sollen", meint der japanische Reporter. "Wir wollen in euren Terrorbunker und nicht eure Geschichte hören", weist er einen Mann zurück. Der lacht - und sucht sich den nächsten Journalisten.

Mehrere Offiziere sagen SPIEGEL ONLINE, das Gebäude solle demnächst abgerissen werden - spätestens in "ein paar Wochen". Auch Armeevertreter in Islamabad erklären, ein Abriss sei die "wahrscheinlichste Option". Denn das Haus soll kein Pilgerort für Bin-Laden-Anhänger werden und auch keine Touristenattraktion. Schon jetzt reisen Menschen aus der Umgebung an. Sie wollen sehen, wo der gefürchtete Mann gelebt hat. Am Donnerstag durften erstmals Touristen gemeinsam mit Journalisten bis an die Mauer, Familien ließen sich vor dem versiegelten Eingangstor fotografieren.

Eine Frau Bin Ladens lebte sechs Jahre im Versteck

Vieles deutet darauf hin, dass das Gebäude tatsächlich dem Erdboden gleichgemacht wird. Auch früher hat die Armee Häuser von getöteten oder gefangenen Extremisten abgerissen, im Swat-Tal, in Waziristan, selbst in Städten wie Islamabad und Karatschi. Bin Ladens Versteck ist zudem ein Symbol der Erniedrigung für die pakistanischen Sicherheitskräfte, ein Monument der Peinlichkeit, weil er dort unerkannt leben konnte. Nach Informationen der "Washington Post" wurde das Gebäude monatelang vom US-Geheimdienst CIA von einem "konspirativen Haus" aus beobachtet.

Ihnen dürfte denn auch nicht entgangen sein, was ein pakistanischer Kollege berichtet: Eine Ehefrau Bin Ladens, die nach dem US-Einsatz von pakistanischen Sicherheitskräften festgenommen wurde, habe mitgeteilt, dass sie und Bin Laden mehr als fünf Jahre in dem Haus gelebt hätten. Während dieser Zeit habe sie die oberen Stockwerke des Gebäudes nicht verlassen, sagte ein Geheimdienstmitarbeiter SPIEGEL ONLINE. Die im Jemen geborene Amal Ahmed Abdulfattah ist die jüngste Ehefrau Bin Ladens. Sie wurde von dem US-Kommando angeschossen und wird dem Vernehmen nach in einem Militärkrankenhaus in Abbottabad behandelt und vom pakistanischen Geheimdienst verhört.

Im Stadtteil Bilal Town, wo der Terrorchef sich bis zuletzt versteckte, sind viele Polizisten am Freitag damit beschäftigt, die Ortsschilder zu reinigen. Jemand hat sich einen Scherz erlaubt und den Namen darauf durchgestrichen. Stattdessen steht dort jetzt: Bin Laden Town.

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insgesamt 14 Beiträge
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1. Letzter Wohnort...
Nazgulero, 06.05.2011
Sein letzter Wohnort ist wahrscheinlich eher eine Zelle in einem geheimen amerikanischen Gefängnis. Schon faszinierend wie die Menge diese Geschichte schluckt. Warum sollte man ihn getötet haben ? Der Mann ist ein lebendes Lexikon des Terrorismus, und hat wahrscheinlich so einiges zu erzählen...
2. Versteckspielchen ...
uh17 06.05.2011
Wer wirklich glaubt, daß die Pakistanis nicht gewußt haben, daß der Bas.... dort lebt, dem ist nach meiner Meinung nicht mehr zu helfen. Die bauen Atombomben, sind technisch auf dem neuesten Stand, der ISI bespitzelt alles und jeden und hat in allen islamistitischen Schweinereien sein Finger drin. Und finanzieren lassen die sich das aus dem Westen, für die Menschen jedenfalls hatten die nach der Flutkatastrophe kein Geld übrig. Ich will gar nicht wissen, wieviele Flutopfer heute noch obdachlos sind bzw. in Baracken leben müssen. Ich denke, man sollte mal darüber nachdenken, dieses Land aufzuteilen in 3 - 4 kleinere Staaten. Die wären dann viel besser zu kontrollieren.
3. Wahlkampfauftakt! :-)
purobeach 06.05.2011
Zitat von NazguleroSein letzter Wohnort ist wahrscheinlich eher eine Zelle in einem geheimen amerikanischen Gefängnis. Schon faszinierend wie die Menge diese Geschichte schluckt. Warum sollte man ihn getötet haben ? Der Mann ist ein lebendes Lexikon des Terrorismus, und hat wahrscheinlich so einiges zu erzählen...
...vielleicht hat der Wahlkampf in USA begonnen? Gibt doch keinen besseren "Start" als diese "Vollstreckung". Einer Vollstreckung, dem die Amis seit fast 10 Jahren herbei sehnen. Obama ist nicht besser als gWb.
4. Traktor?
J.Lindert 06.05.2011
"... als die pakistanische Armee die Überreste des Helikopters mit einem Traktor wegfahren ließ. ..." War da wieder ein "falscher Freund" im Spiel? Wurde aus "Truck" in der Übersetzung "Traktor"? Ich habe keinen gesehen. In den Filmaufnahmen, die ich gesehen habe, transportierte ein Lkw Trümmer weg.
5. .
Haio Forler 07.05.2011
Zitat von purobeach...vielleicht hat der Wahlkampf in USA begonnen? Gibt doch keinen besseren "Start" als diese "Vollstreckung". Einer Vollstreckung, dem die Amis seit fast 10 Jahren herbei sehnen. Obama ist nicht besser als gWb.
Blödsinn. Viel zu früh. Das wäre zum Wahlkampf wieder vergessen.
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Fläche: 796.095 km²

Bevölkerung: 191,710 Mio.

Hauptstadt: Islamabad

Staatsoberhaupt:
Mamnoon Hussain

Regierungschef: Nawaz Sharif

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