Bint Dschbeil Israels Armee erobert Hisbollah-Stützpunkt

Die israelische Armee hat nach eigenen Angaben die Kontrolle über die Hisbollah-Hochburg Bint Dschbeil im Süden des Libanon erlangt. Doch die Hisbollah zeigt sich unbeeindruckt von dem militärischen Erfolg: Abermals feuerte sie Raketen auf den Norden Israels ab.


Jerusalem - "Unsere Streitkräfte kontrollieren Bint Dschbeil", sagte Oberleutnant Jizchak Ronen heute im Militärradio. Nach Angaben der libanesischen Polizei bezogen zwei israelische Kolonnen mit jeweils zehn Panzern Stellung auf zwei Hügeln über dem Dorf, in dem sich das lokale militärische Hauptquartier der Hisbollah befindet. Der Vorstoß wurde von sporadischen Schusswechseln begleitet. Drei Kilometer südlich von Bint Dschbeil liegt das strategisch wichtige Dorf Marun al-Ras, das die Israelis seit Sonntag besetzt halten. In der Region konzentrierten sich in den vergangenen Tagen die Bodenkämpfe zwischen israelischen Soldaten und Hisbollah-Kämpfern.

Ziel sei es, in Bint Dschbeil die Infrastruktur der Hisbollah zu zerstören und die Mitglieder dieser Organisation zu töten, sagte der Oberkommandeur des Nordkommandos der israelischen Armee, Alon Friedman, im Radio. Die israelischen Soldaten hätten einen Korridor freigelassen, um Zivilisten die Flucht nach Beirut zu ermöglichen, sagte Friedman. Auch die Hisbollah-Milizionäre "können davon profitieren".

Ungerührt von der Eroberung feuerte die libanesische Schiiten-Miliz Hisbollah mehrere Raketen auf den Norden Israels ab. Ziele seien vor allem die Kleinstädte Safed und Naharia gewesen, sagte ein Armeesprecher in Tel Aviv. Mindestens fünf Menschen wurden verletzt. Nach Angaben der Polizei explodierten in kurzer Folge 16 Raketen, getroffen wurden ein Haus und ein Bus mit Fahrgästen. Fünf Verletzte wurden in das Rambam-Krankenhaus in Haifa gebracht. In mehreren weiteren Orten in Nordisrael heulten heute Alarmsirenen wegen möglicher Angriffe.

Olmert kündigte Fortsetzung des Kampfes an

Der israelische Ministerpräsident Ehud Olmert kündigte unterdessen eine Fortsetzung des Kampfes gegen die Hisbollah-Miliz mit "härtesten Mitteln" an. Zu Beginn eines Treffens mit US-Außenministerin Condoleezza Rice in Jerusalem sagte Olmert rund zwei Wochen nach Beginn der Angriffe im Libanon, Israel sei entschlossen weiterzukämpfen. Rice bekräftigte die Forderung nach einer Waffenruhe, jedoch "nicht um jeden Preis". Es müsse gewährleistet werden, "dass wir nicht zu der vorherigen Situation zurückkehren", sagte sie.

Olmert räumte ein, dass die Offensive im Libanon "humanitäre Schwierigkeiten" geschaffen habe. Israel werde mit den USA zusammenarbeiten, um einige dieser Probleme zu lösen. Unter den Kämpfen leide jedoch auch die israelische Zivilbevölkerung. So müssten 15 Prozent der Israelis zurzeit in Bunkern leben, um den Raketenangriffen der Hisbollah zu entgehen. Rice betonte abermals, dass ein Waffenstillstand nur möglich sei, wenn sich die Lage vor Ort grundsätzlich verändere. Nach israelischer Auffassung ist dazu vor allem eine Auflösung der Hisbollah notwendig.

Die israelische Armee (IDF) wies zudem Kritik der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch am Einsatz von sogenannter Streumunition im Libanon zurück. "Die Verwendung von Cluster-Munition ist nach internationalem Recht legal, und die IDF verwendet solche Munition in Übereinstimmung mit internationalen Standards", teilte die Armee in Tel Aviv mit. Die Umstände des von Human Rights Watch kritisierten Zwischenfalls würden geprüft.

Derweil kritisierte der Vorsitzende der Vereinigung südostasiatischer Länder (Asean) die israelische Offensive scharf. Die Entwicklungen im Nahen Osten stellten eine schwere Bedrohung für internationalen Frieden und Sicherheit dar, sagte Abdullah Badawi, der auch Ministerpräsident Malaysias ist. Die Asean-Mitgliedstaaten dürften die "exzessiven militärischen Vergeltungsaktionen" Israels im Libanon nicht tolerieren.

Am Montag hatten die südostasiatischen Außenminister einen sofortigen Waffenstillstand für den Südlibanon gefordert, der von den Vereinten Nationen überwacht werden müsse. Die Minister der Asean-Staaten verurteilten zudem den "wahllosen, exzessiven Einsatz von Gewalt durch Israel". Dem Asean-Verbund gehören Indonesien, Malaysia, die Philippinen, Singapur, Thailand, Vietnam, Kambodscha, Birma, Laos und Brunei an.

lan/AFP/Reuters/AP



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