Biometrie Big Brother in Bagdad

Die US-Armee klagt, dass sie "gute" und "böse" Iraker kaum unterscheiden kann. Biometrische Erkennungsysteme sollen helfen. Hunderttausende Bürger, Polizisten und Aufständische wurden schon erfasst. Das Problem: In falschen Händen könnten die Daten zu Todeslisten werden.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Der Bericht des "American Forces Press Service" ist voll des Lobes: Das "Identifizierungsprogramm" sei ein "riesiger Erfolg". Schon jetzt habe man die Daten, Fotos, Fingerabdrücke und Iris-Muster von über 350.000 Irakern gesammelt.

US-Soldat beim Sammeln der biometrischen Merkmale eines Irakers: 4000 neue Datensätze pro Woche
REUTERS

US-Soldat beim Sammeln der biometrischen Merkmale eines Irakers: 4000 neue Datensätze pro Woche

"Jede Woche wächst die Datenbank um vier- bis fünftausend Sätze", zitierte der Armee-Pressedienst den Offizier John W. Valiquette Jr., der das Programm in Bagdad betreut und gestern ausgewählten Online-Journalisten und Bloggern ein Gruppen-Interview gab. Nun werde es einfacher, Iraker dingfest zu machen, die unerlaubt Waffen trügen oder versuchten, mit sinistren Absichten Polizei und Armee zu unterwandern.

Ein "riesiger Erfolg"? Was in dem Lobby-Artikel des Armee-Pressedienstes nicht zur Sprache kam, war anderenorts nachzulesen: Auf der Website des Magazins "Wired" etwa, dessen Redakteur Noah Shachtman Teilnehmer des Gesprächs mit Valiquette war. Seinem Bericht zufolge ist selbst der US-Offizier nicht ganz unbesorgt über die massenhafte biometrische Erfassung der irakischen Bevölkerung: "In den falschen Händen ... wird diese Datenbank zur Todesliste", zitiert Shachtman ihn.

Ein Mann, ein Name, ein Ausweis

Die Sorge hat einen realen Hintergrund. Im Irak bekämpfen militante Sunniten und Schiiten einander auf den Tod. Viele Iraker tragen längst mehr als einen Ausweis mit verschiedenen Namen mit sich herum, damit sie, je nachdem, wer sie kontrolliert, den passenden vorlegen können - aus Angst, andernfalls verschleppt oder getötet zu werden.

Dass die Armee-IDs die Konfessionszugehörigkeit nicht unbedingt erfassen, hilft kaum. Es gibt spezifisch sunnitische und schiitische Vor- und Nachnamen. Und die Clan- oder Stammbezeichnung trägt ein Weiteres zur eindeutigen Identifizierung bei.

Die US-Armee will mit ihrem Projekt trotzdem fortfahren - für sie überwiegen die Vorteile. Denn seit Jahren beklagen sich die Kommandeure darüber, dass es ihnen schwer falle, die "guten" von den "bösen" Irakern zu unterscheiden, wenn sie ihnen an Checkpoints gegenüberstehen: Wer ist ein einfacher Anwohner, wer ein Aufständischer, wer ein Terrorist? Ein Mann, ein Name, ein Pass: Dieses Modell soll ihnen helfen. Auch wenn Iraker sich mit zwei und mehr Namen sicherer fühlen.

Erst wurden Aufständische erfasst, dann Bürger

Schon vor Jahren begannen einige US-Kommandeure auf eigene Faust damit, digitale Fotos und personenbezogene Datensätze von allen Irakern anzulegen, denen sie begegneten. Manchmal mit, manchmal noch ohne biometrische Merkmale.

Parallel speicherte die Armee biometrische Datensätze von verhafteten Aufständischen und Terroristen. Die US-Marines scannten währenddessen allein in der Unruheprovinz al-Anbar die Iris-Muster und Fingerabdrücke von hunderttausenden Irakern zwischen 16 und 65 Jahren, in Falludscha gar fast die gesamte Bevölkerung. Laut "USA Today" sind zudem fast alle irakischen Polizisten und Soldaten erfasst.

Auch jene Stammeskämpfer in al-Anbar, die sich kürzlich vom Widerstand abwendeten, um gemeinsam mit den USA al-Qaida & Co. zu jagen, ließen sich - angeblich bereitwillig - einspeisen, berichtet die "Washington Post". Zuletzt wurde in verschiedenen Stadtteilen Bagdads gleich die gesamte Wohnbevölkerung biometrisch erfasst. Seitdem wird sie beim Eintreten und Verlassen gescannt. Wer nicht hier lebt, muss sich erklären.

Nun sollen all diese unterschiedlichen Systeme zusammengeführt werden. Das Pentagon bewilligte bereits Mittel im großen Stil, allein im Mai laut "USA Today" 360 Millionen Dollar. Offiziell läuft das entsprechende Programm im Namen der irakischen Regierung.

Nächsten Sommer sollen die Iraker übernehmen

Doch während die Sammelwut der US-Armee nutzt, sind nicht alle Iraker sicher, ob sie das genau so sehen. In der Presse werden Bürger zitiert, die nichts dabei finden - sie seien froh, wenn Auswärtige aus ihren Wohngegenden ferngehalten würden, hieß es.

Andere aber fürchten Missbrauch. Die Regierung des Irak ist schiitisch dominiert und den Sunniten nicht sonderlich freundlich gesonnen. Sollte der seit drei Jahren schwelende konfessionelle Bürgerkrieg noch weiter eskalieren, könnten die Daten schon in den Händen der Regierung eine Einladung für Vergeltungsaktionen sein. Das überparteiliche Washingtoner "Council on Foreign Relations" warf ebenfalls die Frage auf, ob man der irakischen Regierung trauen könne.

Auch die US-Forschungseinrichtung Epic ("Eletronic Privacy Information Center") warnt, die biometrische Erfassung der irakischen Bevölkerung könne zu "weiteren Vergeltungen und Morden" führen. Der Direktor, Marc Rosenberg, verwies laut dem Magazin "Harper's" auf den Völkermord in Ruanda, wo Personalausweise zu Todesurteilen wurden, weil die ethnische Zugehörigkeit vermerkt war. Gemeinsam mit Human Rights Watch wandte sich Epic im Juli direkt an US-Verteidigungsminister Robert Gates: Das Projekt sei gefährlich und verstoße gegen internationale Datenschutzstandards.

Das Projekt dürfte unterdessen kaum noch aufzuhalten sein. Derzeit würden 24 irakische Regierungsangestellte darin ausgebildet, dass von den USA zur Verfügung gestellte System zu bedienen, erklärte Valiquette gestern den Bloggern und Online-Journalisten per Konferenzschaltung. Schon im kommenden Sommer, so der Reservist, der eigentlich als Polizist in Seattle arbeitet, könnten die Iraker dann die gesamte Datenbank übernehmen.

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