"Atlantic Cruiser": Türkische Behörden untersuchen Ladung des Frachters

Sprengstoff und Zünder für Montenegro und die Türkei, aber keine Waffen für das syrische Regime an Bord: Das ist das bisherige Ergebnis der Untersuchung des Frachters "Atlantic Cruiser" im türkischen Hafen Iskenderun. Die Überprüfung wird allerdings noch einige Tage in Anspruch nehmen.

Die Atlantic Cruiser: Eingelaufen im Hafen von Iskenderun (18. April) Zur Großansicht
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Die Atlantic Cruiser: Eingelaufen im Hafen von Iskenderun (18. April)

Die tagelange Irrfahrt der "Atlantic Cruiser" durchs östliche Mittelmeer hat ein vorläufiges Ende gefunden: Seit Mittwoch liegt das Schiff im Hafen von Iskenderun, am Donnerstag wurde mit der Entladung begonnen, nun soll es einige Tage dauern, bis klar ist, was genau sich in der Ladung befindet.

Das Schiff war am vergangenen Freitag gestoppt worden, nachdem beim Eigner, der Emder Reederei Bockstiegel, per Mail eine Warnung im Namen der "Syrian Revolution Naval Forces" eingegangen war, über die der SPIEGEL berichtete: Das Schiff habe "schwere Waffen und Munition" für das Assad-Regime an Bord und werde attackiert, wenn es wie geplant den Hafen von Tartus anlaufe.

Nach Angaben der syrischen Opposition waren die Militärgüter bei einem Zwischenstopp des Schiffes in Dschibuti von einem iranischen Frachter übernommen worden. Für diese Information allerdings ergaben sich keine weiteren Anhaltspunkte. Zwar bestätigte die Reederei Bockstiegel, dass das Schiff tatsächlich mehrere Tage lang in Dschibuti lag, dort sei aber lediglich Fracht gelöscht worden.

"Wir haben das Schiff gestoppt, nachdem wir Hinweise auf die Waffenladung erhielten", sagte am Freitag der Schiffsmakler Torsten Lüddeke von der C.E.G. Bulk Chartering, die für die Befrachtung der "Atlantic Cruiser" verantwortlich ist, gegenüber dem SPIEGEL. Man wisse selbst nichts von militärischem Gerät an Bord, die Ladepapiere wiesen technisches Gerät wie "Pumpen und ähnliche Dinge" aus. Man würde auch keine Fracht annehmen, die gegen Gesetze oder Embargo-Richtlinien verstoße.

Für die Ladung und die Einhaltung aller Vorschriften sei allerdings die ukrainische Firma White Whale Shipping verantwortlich - an die sei die "Atlantic Cruiser" verchartert. Deren Generalvertreter, die Firma Varamar, gab am Samstag bekannt, die "Atlantic Cruiser" habe zwar "gefährliche Güter" geladen - aber die seien nicht für Syrien bestimmt, das man auch gar nicht anlaufen wolle, sondern für Montenegro und die Türkei.

Ebenfalls am Samstag, nachdem das Schiff bereits einen knappen Tag vor der syrischen Küste gelegen hatte, wurde das Signal für das weltweit gebrauchte Ortungssystem "AIS" ausgeschaltet, mit dem Positionen und Routen von Schiffen verfolgt werden können. Für Seefahrtsexperten ein ungewöhnlicher Schritt, der den Verdacht aufwarf, die Verantwortlichen der "Atlantic Cruiser" wollten etwas verbergen. Zwar besteht die Reederei darauf, das Schiff sei über ein anderes System durchgehend zu orten gewesen. Auch wurde der Transponder, der die AIS-Ortungssignale sendet, auf Anordnung der Reederei Bockstiegel wieder aktiviert, und das Schiff tauchte nach über 24 Stunden auf "marinetraffic.com" wieder auf - aber am selben Abend verschwand es erneut für Stunden.

Der ursprünglich geplante syrische Zielhafen Tartus war noch am Freitag aus dem System gelöscht worden. Auch sonst warf die Irrfahrt des Frachters Fragen auf: So bleibt rätselhaft, warum die Reederei das Schiff nicht sofort in den nächsten Hafen nach Zypern beorderte, um die Vorwürfe klären zu lassen. Stattdessen sollte als nächstes der türkische Hafen Iskenderun angelaufen werden, der ohnehin auf der geplanten Route lag. Und für den "haben wir erst Montag die Genehmigung zum Einlaufen bekommen", so Johann Funk, der nach Iskenderun gereiste Versicherungsexperte der Reederei Bockstiegel.

Nun soll endlich geklärt werden, was sich tatsächlich in den Laderäumen der "Atlantic Cruiser" befindet. Reederei-Repräsentant Funk konnte am Donnerstag zwar bestätigen, dass das Schiff größere Mengen Sprengstoff und Zünder geladen habe für Abnehmer in Montenegro und der Türkei, aber nicht, um wie viele Tonnen es sich handle.

Am Donnerstagvormittag durften einige Journalisten das Schiff und die obenauf liegende Schicht der Ladung in Augenschein nehmen: Kabeltrommeln und riesige Blechkisten für ein Kraftwerksprojekt in Syrien, blaue Tonnen ohne Beschriftung. Die eigentliche Entladung findet seit Freitag ohne Presse statt, vor dem Schiff hält ein mit einer Maschinenpistole bewaffneter Zöllner Wache.

Dass die für Montenegro und die Türkei bestimmten Sprengstoffe den Deklarationen entsprechen, die der Kapitän auf seiner Fahrt mehrfach, zuletzt gegenüber der Hafenmeisterei in Iskenderun abgegeben habe, "davon gehe ich aus, aber weiß es nicht genau." Laut türkischen Zeitungsberichten hätte das Schiff zur Kennzeichnung von Gefahrengut eine rote Flagge an Bord hissen müssen.

Inwieweit es ein Rechtsverstoß gewesen wäre, mit der explosiven Fracht Syrien anzulaufen, bleibt strittig: Zyprische Stellen sollen ein Anlegen des Frachters vor der Weiterfahrt nach Tartus abgelehnt haben, da dies gegen das EU-Waffenembargo gegen Syrien verstoße. Doch welcher Rechtslage unterliegt ein deutsches Schiff unter der Flagge von Antigua und Barbuda, das Fracht für Häfen in verschiedenen Ländern transportiert, für die unterschiedliche Gesetze gelten?

Bei der Reederei gibt man sich zuversichtlich: "Wir gehen davon aus, dass die rechtmäßig deklarierte Ladung an Bord ist." Die türkische Rechtsanwältin Nazli Selek, die die Reederei Bockstiegel vertritt und ebenfalls am Donnerstag nach Iskenderun gekommen war, gibt sich etwas vorsichtiger: "Wir wollen auch gern wissen, was wirklich an Bord ist."

cr

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1. Das kostet Geld.
marypastor 20.04.2012
Zitat von sysopSprengstoff und Zünder für Montenegro und die Türkei, aber keine Waffen für das syrische Regime an Bord: Das ist das bisherige Ergebnis der Untersuchung des Frachters "Atlantic Cruiser" im türkischen Hafen Iskenderun. Die Überprüfung wird allerdings noch einige Tage in Anspruch nehmen. "Atlantic Cruiser": Türkische Behörden untersuchen Ladung des Frachters - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,828877,00.html)
Die Tagesmiete fuer so ein Schiff liegt bei ca. Usd 10,000.
2.
albert schulz 21.04.2012
Ich wünsche täglich dreimal informiert zu werden, was da passiert.
3. Zeit für Kreativität
KerKaraje 21.04.2012
Zitat von sysopSprengstoff und Zünder für Montenegro und die Türkei, aber keine Waffen für das syrische Regime an Bord: Das ist das bisherige Ergebnis der Untersuchung des Frachters "Atlantic Cruiser" im türkischen Hafen Iskenderun. Die Überprüfung wird allerdings noch einige Tage in Anspruch nehmen. "Atlantic Cruiser": Türkische Behörden untersuchen Ladung des Frachters - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,828877,00.html)
So, jetzt haben SPONs findige und niemals unkreative Redakteure und Journalisten 1-2 Tage Zeit, phantasiereiche Erklärungen dafür zu präsentieren, wie es dem bösen und trickreichen "Schlächter" Assad gelang, die Waffenladung des Schiffes verschwinden zu lassen. Bevor man das nächste Mal kopfüber und völlig kritisch auf Schwachsinn der syrischen Opposition aufspringt und sich lächerlich macht sollte man die eigene Logik bemühen. Dann wäre aufgefallen, dass Syriens Unterstützer Iran und Russland a) keine Probleme haben, völlig öffentlich Waffen an Assad zu liefern und b) die notwendige Kriegsmarine zu haben, ihre Frachtschiffe zu schützen.
4. Rätselhaft
jtanner 21.04.2012
Es tut mir leid, aber ich finde diesen Artikel noch konfuser als den ersten vor ein paar Tagen - Redaktion geschlossen und alle Fragen offen. 1. Syrien sollte/wollte das Schiff gar nicht anlaufen, sagen die Verantwortlichen. Von wem aber ist dann der "syrische Zielhafen Tartus" "ursprünglich geplant" worden? Und aus welchem "System" ist der dann "noch am Freitag" gelöscht worden? 2. Das "weltweit gebrauchte Ortungssystem AIS" wird, wenn ich es recht verstanden habe, vom Internet-Portal marinetraffic.com ausgewertet, und von dort beziehen der Spiegel und die syrischen Rebellen ihre Informationen. Ist AIS nun die Signalisierung, die das Schiff hätte verwenden müssen, oder war das von ihm benutzte "andere System" das richtige? 3. Was ist rätselhaft daran, dass das Schiff den nächsten Hafen auf seiner Route anlief, um die Ladung überprüfen zu lassen? Wenn, mal angenommen, die Ladung OK ist, macht es keinen Sinn, sie ohne Rücksicht auf Verluste sofort überprüfen zu lassen. Da gibt es schliesslich Kunden, die auf ihre Lieferung warten. 4. Wäre es nicht informativer, statt tief besorgt von "größeren Mengen Sprengstoff und Zündern" zu raunen, die das Schiff geladen habe, klar mitzuteilen, dass es sich dabei um "seismographische Sprengkapseln für die Öl- und Gassuche" handelt, wie zumindest die "Junge Welt" meldet? 5. Die "obenauf liegende Schicht der Ladung" bestehe aus "Kabeltrommeln und riesigen Blechkisten für ein Kraftwerksprojekt in Syrien" - sagt wer? Die Schiffslogistiker wohl nicht, weil die ja, laut Bericht, Syrien gar nicht anlaufen wollten. Um noch einmal die "Junge Welt" zu zitieren, die von dieser Aussage nichts weiss: "Im syrischen Tartus sollten Teile für ein Thermalkraftwerk entladen werden." 6. Anonyme türkische Zeitungen meinen, das Schiff hätte "zur Kennzeichnung von Gefahrengut eine rote Flagge an Bord hissen müssen". Gilt die deklarierte Ladung denn als Gefahrengut? Stimmt die Aussage mit der roten Fahne? Lässt sich das nicht überprüfen? Nicht einmal bei einem Artikel, der ja irgendwie die journalistische Ehre des Spiegels retten soll? 7. Dass die Ladung den Deklarationen entspricht, "davon gehe ich aus, aber weiß es nicht genau." - Sagt wer? 8. Wieso hätte ein Anlegen in einem zyprischen Hafen gegen das EU-Waffenembargo verstossen? 9. Darf ich auf einen weiteren Artikel hoffen, der die Geschichte wenigstens etwas nachvollziehbarer macht? 10. Nicht ein einziger Kommentar? Keiner von den vielen Lesern, die den ersten Artikel kommentiert haben, weiss zu diesem etwas zu sagen? Kann das sein? Oder hat SpOn ALLE bislang eingegangenen Kommentare 'zensiert'? Kann das sein?
5. Wag the dog
alnemsi 21.04.2012
Zitat von sysopSprengstoff und Zünder für Montenegro und die Türkei, aber keine Waffen für das syrische Regime an Bord: Das ist das bisherige Ergebnis der Untersuchung des Frachters "Atlantic Cruiser" im türkischen Hafen Iskenderun. Die Überprüfung wird allerdings noch einige Tage in Anspruch nehmen. "Atlantic Cruiser": Türkische Behörden untersuchen Ladung des Frachters - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,828877,00.html)
Das ist aber auch überraschend, aber wenn man tatsächlich noch ein paar Tage benötigt, um die Waffen zu finden, wird ganz sicher etwas auftauchen. Das Ganze stinkt zum Himmel. Festzuhalten ist, das die FSA offensichtlich auf falschen Verdacht hin ein normales Handelsschiff angreifen wollte. Und der Spiegel hat wirklich eine großartige Rolle gespielt - erst lässt man sich zu kostenloser Propagande im Sinne der FSA überreden, und jetzt ist man zum Zusehen gezwungen, während irgendeine staatliche Schattenorganisation zwischen Berlin und Ankara die zu findenden Waffen platziert. Geradezu peinlich schlecht inszeniert.
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