Die tagelange Irrfahrt der "Atlantic Cruiser" durchs östliche Mittelmeer hat ein vorläufiges Ende gefunden: Seit Mittwoch liegt das Schiff im Hafen von Iskenderun, am Donnerstag wurde mit der Entladung begonnen, nun soll es einige Tage dauern, bis klar ist, was genau sich in der Ladung befindet.
Das Schiff war am vergangenen Freitag gestoppt worden, nachdem beim Eigner, der Emder Reederei Bockstiegel, per Mail eine Warnung im Namen der "Syrian Revolution Naval Forces" eingegangen war, über die der SPIEGEL berichtete: Das Schiff habe "schwere Waffen und Munition" für das Assad-Regime an Bord und werde attackiert, wenn es wie geplant den Hafen von Tartus anlaufe.
Nach Angaben der syrischen Opposition waren die Militärgüter bei einem Zwischenstopp des Schiffes in Dschibuti von einem iranischen Frachter übernommen worden. Für diese Information allerdings ergaben sich keine weiteren Anhaltspunkte. Zwar bestätigte die Reederei Bockstiegel, dass das Schiff tatsächlich mehrere Tage lang in Dschibuti lag, dort sei aber lediglich Fracht gelöscht worden.
"Wir haben das Schiff gestoppt, nachdem wir Hinweise auf die Waffenladung erhielten", sagte am Freitag der Schiffsmakler Torsten Lüddeke von der C.E.G. Bulk Chartering, die für die Befrachtung der "Atlantic Cruiser" verantwortlich ist, gegenüber dem SPIEGEL. Man wisse selbst nichts von militärischem Gerät an Bord, die Ladepapiere wiesen technisches Gerät wie "Pumpen und ähnliche Dinge" aus. Man würde auch keine Fracht annehmen, die gegen Gesetze oder Embargo-Richtlinien verstoße.
Für die Ladung und die Einhaltung aller Vorschriften sei allerdings die ukrainische Firma White Whale Shipping verantwortlich - an die sei die "Atlantic Cruiser" verchartert. Deren Generalvertreter, die Firma Varamar, gab am Samstag bekannt, die "Atlantic Cruiser" habe zwar "gefährliche Güter" geladen - aber die seien nicht für Syrien bestimmt, das man auch gar nicht anlaufen wolle, sondern für Montenegro und die Türkei.
Ebenfalls am Samstag, nachdem das Schiff bereits einen knappen Tag vor der syrischen Küste gelegen hatte, wurde das Signal für das weltweit gebrauchte Ortungssystem "AIS" ausgeschaltet, mit dem Positionen und Routen von Schiffen verfolgt werden können. Für Seefahrtsexperten ein ungewöhnlicher Schritt, der den Verdacht aufwarf, die Verantwortlichen der "Atlantic Cruiser" wollten etwas verbergen. Zwar besteht die Reederei darauf, das Schiff sei über ein anderes System durchgehend zu orten gewesen. Auch wurde der Transponder, der die AIS-Ortungssignale sendet, auf Anordnung der Reederei Bockstiegel wieder aktiviert, und das Schiff tauchte nach über 24 Stunden auf "marinetraffic.com" wieder auf - aber am selben Abend verschwand es erneut für Stunden.
Der ursprünglich geplante syrische Zielhafen Tartus war noch am Freitag aus dem System gelöscht worden. Auch sonst warf die Irrfahrt des Frachters Fragen auf: So bleibt rätselhaft, warum die Reederei das Schiff nicht sofort in den nächsten Hafen nach Zypern beorderte, um die Vorwürfe klären zu lassen. Stattdessen sollte als nächstes der türkische Hafen Iskenderun angelaufen werden, der ohnehin auf der geplanten Route lag. Und für den "haben wir erst Montag die Genehmigung zum Einlaufen bekommen", so Johann Funk, der nach Iskenderun gereiste Versicherungsexperte der Reederei Bockstiegel.
Nun soll endlich geklärt werden, was sich tatsächlich in den Laderäumen der "Atlantic Cruiser" befindet. Reederei-Repräsentant Funk konnte am Donnerstag zwar bestätigen, dass das Schiff größere Mengen Sprengstoff und Zünder geladen habe für Abnehmer in Montenegro und der Türkei, aber nicht, um wie viele Tonnen es sich handle.
Am Donnerstagvormittag durften einige Journalisten das Schiff und die obenauf liegende Schicht der Ladung in Augenschein nehmen: Kabeltrommeln und riesige Blechkisten für ein Kraftwerksprojekt in Syrien, blaue Tonnen ohne Beschriftung. Die eigentliche Entladung findet seit Freitag ohne Presse statt, vor dem Schiff hält ein mit einer Maschinenpistole bewaffneter Zöllner Wache.
Dass die für Montenegro und die Türkei bestimmten Sprengstoffe den Deklarationen entsprechen, die der Kapitän auf seiner Fahrt mehrfach, zuletzt gegenüber der Hafenmeisterei in Iskenderun abgegeben habe, "davon gehe ich aus, aber weiß es nicht genau." Laut türkischen Zeitungsberichten hätte das Schiff zur Kennzeichnung von Gefahrengut eine rote Flagge an Bord hissen müssen.
Inwieweit es ein Rechtsverstoß gewesen wäre, mit der explosiven Fracht Syrien anzulaufen, bleibt strittig: Zyprische Stellen sollen ein Anlegen des Frachters vor der Weiterfahrt nach Tartus abgelehnt haben, da dies gegen das EU-Waffenembargo gegen Syrien verstoße. Doch welcher Rechtslage unterliegt ein deutsches Schiff unter der Flagge von Antigua und Barbuda, das Fracht für Häfen in verschiedenen Ländern transportiert, für die unterschiedliche Gesetze gelten?
Bei der Reederei gibt man sich zuversichtlich: "Wir gehen davon aus, dass die rechtmäßig deklarierte Ladung an Bord ist." Die türkische Rechtsanwältin Nazli Selek, die die Reederei Bockstiegel vertritt und ebenfalls am Donnerstag nach Iskenderun gekommen war, gibt sich etwas vorsichtiger: "Wir wollen auch gern wissen, was wirklich an Bord ist."
cr
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