Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Bizarres Wahlergebnis: Putin-Partei holt 93 Prozent in Nervenheilanstalt

Von , Moskau

In Wladimir Putins Wahlkreis sind die Kommunisten stärker als seine eigene Partei "Einiges Russland". Andernorts aber erzielt der Kreml-Wahlverein sowjetisch anmutende Erfolge - etwa in Psychiatrien und Altersheimen.

YouTube

Der Wahlkampf hat die russische Gruppe Rabfak landesweit bekannt gemacht. Die Rapper singen von den Missständen in einer fiktiven geschlossenen Anstalt. Das Personal sorgt sich dort statt um das Wohl der Patienten vor allem um das eigene. Es wird gestohlen und geschlampt, und auf Fragen bekommen die Patienten keine Antworten, sondern "eine Spritze in den Hintern".

Es ist nicht schwer, die Anspielungen auf Missstände im Land zwischen den Zeilen zu verstehen. Mehr als 700.000 Nutzer haben sich den Clip von Rabfak schon auf YouTube angesehen. "Unser Irrenhaus stimmt für Putin", heißt es in dem Refrain. "Putin ist definitiv unser Kandidat."

Das gilt nun, nach Auszählung der Stimmzettel, auch für die Realität. Landesweit hat Wladimir Putins Partei bei den Parlamentswahlen am Sonntag schwere Verluste hinnehmen müssen. Unter den Bewohnern russischer Nervenheilanstalten aber scheint sich "Einiges Russland" großer Sympathien zu erfreuen.

Laut der Zentralen Wahlkommission jedenfalls stimmten die Patienten des Moskauer Psychiatrischen Krankenhauses Nr. 3 im Nordosten der Stadt fast geschlossen für die Putin-Partei. 93 Prozent der am Sonntag im Wahllokal Nr. 3295 abgegebenen 379 Stimmen entfielen auf "Einiges Russland", nur 26 auf die gesamte Opposition.

Starke Kommunisten in Putins eigenem Wahlkreis

Nach Auszählung aller Stimmzettel laufen ähnliche Meldungen aus dem ganzen Land ein. In Kurtamysch an der Grenze zu Kasachstan stimmten 82 Prozent der Patienten der örtlichen Nervenheilanstalt für "Einiges Russland".

Am landesweiten Trend ändert dies indes nichts. So mussten die Putin-Anhänger auch in Moskau schwere Niederlagen verkraften. Nur 46,5 Prozent der Wähler gaben der "Partei der Macht" in der Hauptstadt ihre Stimme. Ausgerechnet im Moskauer Wahlbezirk von Premier Putin kam "Einiges Russland" sogar nur auf den zweiten Platz hinter den Kommunisten. Im Gagarin-Viertel erreichte die Partei lediglich 23,7 Prozent.

Rekordverdächtig hoch fiel die Unterstützung dafür im Moskauer Pensionat Nr.1 für Veteranen aus, einem Altersheim. Mehr als 96 Prozent der Bewohner stimmten einträchtig für Putins Partei.

Russische Medien berichten unterdessen, Russlands Innenministerium verlege Truppen aus dem Moskauer Umland in die russische Hauptstadt. Am Montagmorgen hatten rund 5000 Oppositionelle in der Innenstadt protestiert. Die Menge hatte "Fort mit Putin" und "Nieder mit dem Polizeistaat" skandiert. Mehr als 300 Personen wurden verhaftet.

Die Kreml-Gegner riefen zudem zu einer neuen Kundgebung am Dienstag Abend auf.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 54 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Da...
Hannowald 06.12.2011
Zitat von sysopIn Wladimir Putins Wahlkreis sind die Kommunisten stärker als*seine eigene Partei*Einiges Russland. Andernorts aber erzielt der Kreml-Wahlverein sowjetisch anmutende Erfolge - etwa in Psychiatrien und Altersheimen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,802033,00.html
...hat wohl bei sieben Prozent die Behandlung noch richtig angeschlagen. Putin sollte den Anstaltsleiter nach Sibirien schicken
2. Dabei hätte Putin soviel vom Westen lernen können …
wika 06.12.2011
… beispielsweise, dass man den Medien mit Geld das Maul stopft und nicht mit autoritären Ansagen. Dass man besser die Parteien gegen die Bevölkerung gleichschaltet (siehe Bundestag 90% für ESM und Eurorettung) auf der Straße 90% dagegen. Und wenn man die Medien eine Vielzahl gesunder Volksmeinungen verbreiten lässt, dann kann ja die Demokratie gar einen Schaden leiden. Wer redet denn von der Verpflichtung dass die Inhalte unserer Medien wahrheitsgetreu sein müssen … die müssen nur schön aussehen und glaubhaft daher kommen, darin besteht die Kunst der Volksvera…schung, nicht in roher Gewalt. So liest sich dann auch van Rompuys (unser aller EU-Präsident) virtueller Glückwunsch an Putin, als kleine Nachhilfe in dieser Sache: Obama und van Rompuy gratulieren Putin (http://qpress.de/?p=2621) Der Umkehrschluss: Russland und Europa bewegen sich aufeinander zu. Wir feiern die Entdemokratisierung Europas und das russische Debakel feiert die angehende Demokratisierung des Landes. Vielleicht sollten wir Russland jetzt in die EU einladen und fix untegrieren … ist doch eh alles zu spät … (°!°)
3. Nichts dazugelernt
hubertrudnick1 06.12.2011
Die ehemaligen Kommunsiten und KGB-Leute(Putin) haben absolut nichts dazugelernt. Erstens war es absult keine freie und demokratische Wahle, denn nur die Partei von Putin bekam dafür die Medien zur Verfügung gestellt und zweitens hat man selbst am Wahltag die Wahlen manipuliert. Wahlurnen wurden schon zum Teil mit Stimmabgaben für die Putinpartei gefüllt entdeckt. Protestierende hat man von den Bütteln der Putins abgeholt und verhaftet, sicherlich gab es da wieder viel Prügel, so wie man das gelernt hat. Und soeben erfahre ich im DLF, dass die Putins Spezialepolizeikräfte mit schweren Fahrzeugen an markanten Punkten von Moskau anfahren lassen hat. Man befürchtet sicherlich auch solche Protest gegen diesen Wahlbetrug wie einst 1989 in Berlin. Diese ist keine Regierung für das Volk, es ist eine reiner Mafiabande die nun nur ihre korrupte Macht sichern will und das ausgerechnet mit einer Einheit die "Felix Dzerhinsky" heißt, da weiß man dann auch wer dahinter stehen wird, die DDR Stasi hieß auch felix Dzerhinsky. Ach, ich hatte ja ganz vergessen, der EX BK G Schröder bezeichnete ja diesen Herrn Putin als einen lupenreinen Demokraten, nur gut dass wir solcher Politiker bei uns nicht mehr haben. HR
4. Warum kommt mir da was ganz anderes als erstes in den Sinn?
joe49 06.12.2011
Gab es da nicht mal vor ca. 10 Jahren Wahlen in einem grossen Land, welches Demokratie, Freiheit und Menschenrechte nach eigenen Angaben nahezu exklusive fuer sich reklamiert ziemlich zweifelhafte Wahlen? Ueberrascht, dass in Russland bei der Wahl Dinge abgelaufen sind, die zweifelhaft sind ist doch wohl niemand, eher wohl, dass der hohe Stimmenverlust publik gemacht wurde. Das mit den lupenreinen Demokraten sieht auch eher so aus, dass wenn man alle egal welcher Partei aus welchem Land in einen Sack steckt und mit dem Knueppel draufhaut, ist zu bezweifeln, dass man den falschen treffen koennte.
5. Bravo!
zakajew 06.12.2011
Jetzt wird es spannend. Gestern abend haben in der Innenstadt 5000 gegen Putin protestiert. Das sind schon nicht mehr nur die paar Aufrechten der letzten Jahre. Das Innenministerium hat als Antwort Truppen verlegt in die Innenstadt. Für heute abend ist die nächste Demo angekündigt. Wir erinnern uns, wie das Ende der arabischen Diktatoren angefangen hat: genau so wie gestern abend in Moskau. Bis zum wirklichen demokratischen Aufbruch ist es zwar noch weit, aber ein Anfang ist gemacht. Bravo, Rußland!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fotostrecke
Wahlkuriositäten in Russland: Wir sind 99,47 Prozent - oder?

Fläche: 17.098.200 km²

Bevölkerung: 143,972 Mio.

Hauptstadt: Moskau

Staatsoberhaupt:
Wladimir Putin

Regierungschef: Dmitrij Medwedew

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Russland-Reiseseite


So wählt Russland
Sieben Parteien, drei ohne Chance
107 Millionen Wahlberechtigte sind dazu aufgerufen, am Sonntag Russlands neues Parlament zu wählen. Sieben offiziell registrierte Parteien kämpfen um die 450 Abgeordneten-Mandate. Chancen, die Sieben-Prozent-Hürde zu überspringen, werden allerdings nur den vier bereits bisher im Parlament vertretenen Parteien eingeräumt: der Kreml-Partei "Einiges Russland", den Kommunisten, der Partei des Nationalisten Wladimir Schirinowski und der linkskonservativen Partei "Gerechtes Russland".
Wahlen in neun Zeitzonen
Am Sonntag werden als Erstes die Wahllokale in Russlands äußerstem Osten ihre Türen öffnen, etwa der Region Kamtschatka am Pazifik. Neun Stunden später beginnt die Wahl auch in der am westlichsten gelegenen Region Kaliningrad. Während der Herrschaft von Wladimir Putin wurde der Einfluss des Parlamentes deutlich beschnitten. Da die Duma nur noch über wenige Befugnisse verfügt, gilt die Wahl vor allen Dingen als Stimmungstest vor der Präsidentschaftswahl im März.

Derzeit verfügt die Kreml-Partei "Einiges Russland" mit 315 Mandaten über eine Zwei-Drittel-Mehrheit, die ihr Änderungen an der Verfassung ermöglicht.
Trostmandate
Die Kandidaten werden nach Verhältniswahlrecht für eine Amtszeit von fünf Jahren gewählt. Die Amtszeit war von Präsident Dmitrij Medwedew, bei der Wahl Spitzenkandidat von "Einiges Russland", um ein Jahr verlängert worden. Seit 2009 können Parteien, die weniger als sieben Prozent, aber mehr als fünf Prozent erreichen, Trostmandate in der Duma erhalten.


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: