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Blair und der Krieg: "Bin bereit, vor meinen Schöpfer zu treten"

Der britische Premierminister Tony Blair legt seine Seele offen. Er glaubt, dass er von Gott für seine Entscheidung in den Irak-Krieg zu ziehen, zur Rechenschaft gezogen wird. Gleichzeitig ist er der Meinung, dass er den Tod von hunderten Menschen rechtfertigen kann. Auf wenig Vergebung dagegen kann Bundeskanzler Schröder hoffen - Vergebung von Bush allerdings.

Tony Blair: "Das trifft einen wirklich"
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Tony Blair: "Das trifft einen wirklich"

London - "Ich bin bereit, vor meinen Schöpfer zu treten und mich für diejenigen zu verantworten, die als Ergebnis meiner Entscheidungen gestorben sind", sagte Blair nach Angaben des in London erscheinenden "Times Magazines".

Ein Journalist der "Times" hatte den Premierminister in den Wochen vor Kriegsbeginn und während des Konfliktes begleitet und sich häufig mit ihm unterhalten. Am 2. April fragte er ihn, was er empfinde, wenn er die Fotos von Kindern sehe, die im Krieg getötet worden seien. "Das trifft einen", antwortete Blair. "Das trifft einen wirklich." Am 1. April waren sieben irakische Frauen und Kinder an einem Kontrollpunkt von US-Soldaten erschossen worden.

Blair, der offenbar in einem ihn bewegenden Moment seine Seelenlage offenbarte, sagte dem "Times"-Reporter, dass viele andere, die "an den gleichen Gott glaubten", davon ausgingen, dass er vor dem Jüngsten Gericht nicht bestehen werde.

Der Reporter erfuhr, wie Blair versucht den enormen Anforderungen seines Amtes gewachsen zu sein. Eine große Stütze seien ihm Musik und seine Familie. Doch am allerwichtigsten sei für ihn die Religion.

So wichtig, dass er in seiner Rede an die Nation, in der er seine Entscheidung für einen Irak-Krieg begründete, mit "God bless you" ("Gott segne Euch") beenden wollte. Es bedurfte viel Überzeugungskraft, damit Blair diesen Schlusssatz fallen ließ. Ein Berater erklärte ihm damals, dass es ein Fehler sei, den Namen Gottes in diesem Zusammenhang zu benutzen, denn "sie sprechen zu einer Menge Leute, die nicht wollen, dass Kaplane ihnen etwas in den Hals stopfen". Blair schimpfte seine Berater daraufhin als einen gottlosen Haufen - endete seine Rede jedoch mit den Worten: "Thank you" ("Dankeschön").

Tiefe Verstimmung über Schröder

Bush (r.) und Blair Ende März in Camp David: Kriegsgespräche am Kamin
AP

Bush (r.) und Blair Ende März in Camp David: Kriegsgespräche am Kamin

Der Bericht über Blairs Befindlichkeit während des Irak-Krieges offenbart auch die Verzweiflung, die den britischen Premier angesichts des Verhaltens von Frankreichs Staatspräsidenten Jaques Chirac und Bundeskanzler Gerhard Schröder überkam. Er zeigte sich tief verärgert darüber, dass ihm die Alliierten in der entscheidenden Phase nicht den Rücken gestärkt haben.

Besonders verbitterte ihn offenbar das Verhalten des französischen Staatspräsidenten als er erfuhr, dass Chirac eine zweite Uno-Resolution ablehnte, die einen automatischen Angriff auf den Irak vorsah, sollte dieser nicht vollkommen abrüsten. "Dies zu diesem Zeitpunkt der Weltgeschichte zu tun, ist vollkommen verrückt. Genau diejenigen, die die internationalen Institutionen stärken sollten, unterminieren sie und spielen herum", schimpfte er.

Nach Angaben der "Times" wird US-Präsident George W. Bush wesentlich länger dafür brauchen, Bundeskanzler Gerhard Schröder zu vergeben als dem französischen Präsidenten. Die US-Regierung verübele Schröder seine "anti-amerikanische Sprache" im Bundestagswahlkampf. Chirac dagegen habe Washington von vornherein nie seine Unterstützung zugesagt. "Er ist Franzose und hat nun mal eine andere Haltung", schrieb die "Times". "Aber was Herrn Schröder betrifft, war die Stimmung nicht so vergebungsgesinnt."

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