Blitzbesuch in Afghanistan: De Maizière dämpft Hoffnung auf einen schnellen Abzug

Aus Kunduz berichtet 

Eigentlich wollte Thomas de Maizière bei seiner Blitzvisite in Nordafghanistan seinen Soldaten nur Weihnachtswünsche überbringen. Doch bei eisiger Kälte ging es auch um die geplante Heimkehr der deutschen Soldaten: Denn der Rückzug der Bundeswehr wird zu einer logistischen Herkules-Aufgabe.

De Maizière in Masar-i-Scharif: Blitzbesuch bei den deutschen Soldaten Zur Großansicht
DPA

De Maizière in Masar-i-Scharif: Blitzbesuch bei den deutschen Soldaten

Verteidigungsminister Thomas de Maizière schont sich wirklich nicht. Für nur zwölf Stunden kam der CDU-Politiker am Mittwoch nach Afghanistan, auf dem Programm für den als Weihnachtsvisite angekündigten Besuch standen Termine in den beiden Feldlagern von Kunduz und Masar-i-Scharif. Die Nacht durch saß de Maizière mit einigen Obleuten aus dem Verteidigungsausschuss und dem Wehrbeauftragten des Bundestags im Regierungs-Airbus von Berlin nach Termes in Usbekistan. Von dort ging es am frühen Morgen per Hubschrauber nach Afghanistan.

In den Ungetümen aus Stahl bekam die Reisegruppe einen ersten Eindruck von den Arbeitsbedingungen der Soldaten im afghanischen Winter: Mit offener Heckluke rasten die CH-53-Helis im Tiefflug über verschneite Berge, beißend kalt pfiff der Wind während des einstündigen Flugs durch die Kabine.

Eine politische Botschaft, das hatte de Maizière noch im warmen Regierungsjet angekündigt, solle der Besuch in Nordafghanistan eigentlich nicht haben. Vielmehr wollte sich der Minister kurz vor Weihnachten noch einmal bei seiner Truppe sehen lassen, Mut machen und Hände schütteln. Diese Art von medienträchtigen Blitzvisiten hatte sein Vorgänger Karl-Theodor zu Guttenberg zum festen Programmpunkt für den Inhaber der Befehls- und Kommandogewalt etabliert. De Maizière ist der Vorgabe des schneidigen Barons gefolgt. Und so stand er am frühen Morgen in einem weihnachtlich hergerichteten Betreuungszelt, sprach von Respekt und Dank, den er den Soldaten übermitteln wolle. Selbst wenn der Einsatz in der Heimat politisch umstritten sei, gebe es in der Bevölkerung viel Anerkennung für die Leistungen der Soldaten und Soldatinnen.

Ganz unpolitisch aber wurde der Besuch dann doch nicht. Wie sollte er auch: Gerade eben hat die Bundesregierung unter maßgeblicher Beteiligung des Wehrministers erstmals einen konkreten Abzugsplan für Afghanistan vorgestellt. Schon im kommenden Jahr soll das bisherige Kontingent von 5350 Mann auf 4900 reduziert werden. Für 2013 dann peilt die Regierung bereits eine weitere Ausdünnung um noch einmal 500 Mann an. Damit folgt die Regierung der Vorgehensweise innerhalb der Nato-Staaten. Bis 2014, das ist das ambitionierte Ziel, will das Bündnis zumindest alle Kampftruppen vom Hindukusch abgezogen haben. Ab dann sollen die Afghanen selber die Verantwortung für die Sicherheit in dem von jahrzehntelang vom Bürgerkrieg, Russen-Invasion, Taliban-Herrschaft und anschließender Invasion des Westens geschüttelten Land übernehmen.

De Maizière klang unter dem strahlend blauen Himmel Nordafghanistans ziemlich vorsichtig, wenn er von diesem Abzugsplan sprach. Kurz nach dem Besuch am Ehrenhain in Kunduz stellte er zwar fest, dass sich die Sicherheitslage in den vergangenen Monaten etwas gebessert habe. Dieser kleine Erfolg aber sei "labil" und müsse nicht zwangsläufig nachhaltig sein. Nur wenn man die Ausbildung der afghanischen Armee intensiv, ja gar aggressiv vorantreibe, habe der Prozess der sogenannten transition, der schrittweisen Übergabe der Sicherheitsverantwortung, überhaupt eine Chance. Kurz danach kam der entscheidende Satz, mit dem sich der Minister ein ganzes Stück von der offiziellen Berliner Linie abgrenzte: Er sei aufgrund der aktuellen Situation "gedämpft zuversichtlich", dass der Plan für einen Abzug großer Teile der Bundeswehr bis 2014 aufgehen könne.

Mit seinen Äußerungen riskiert der Minister neuen Ärger in der schwarz-gelben Koalition. Monatelang hatte er mit seinem FDP-Kollegen Guido Westerwelle über einen Kompromiss für den Rückzugsplan gerungen. Für den glücklosen Außenminister ist das Thema extrem wichtig, schließlich hatte er mit dem Abzugsversprechen Wahlkampf gemacht. De Maizière aber lässt sich davon nicht beeindrucken. Seit Wochen mahnt er immer wieder in Interviews und Vorträgen, es handele sich bei dem Mandatstext eher um eine Art Vision und nicht so sehr um einen Plan. Als er am Abend nach einer kurzen Ansprache in Masar-i-Scharif noch einmal vor die Mikrofone trat, wiederholte er diese Warnungen: "Es gibt keine Garantie, dass es klappt", so de Maizière, "wir müssen jederzeit auf eine Änderung der Lage gefasst sein."

De Maizière folgt damit auch dem Rat seiner Kommandeure. Zwar berichteten diese ihm auch bei dem aktuellen Besuch, dass die afghanische Armee wie geplant größer und auch immer selbständiger einsatzfähig werde. Intern warnen sie aber auch seit Monaten, dass die afghanische Armee und die Polizei nach dem Abzug der internationalen Trainer schnell wieder auseinanderfallen könne. Zudem ist bis heute nicht geklärt, wie sich die Armee nach einem möglichen Abzug der Isaf finanzieren soll. Allein, das haben die Afghanen schon auf der internationalen Bonn-Konferenz Anfang Dezember klargemacht, können sie diese Mammut-Aufgabe nicht stemmen.

Logistische Herkules-Aufgabe

Doch die afghanische Armee ist nicht das einzige Problem: Die Planer bei der Bundeswehr überlegen schon jetzt in Afghanistan und in Berlin, wie man den politisch gewollten Abzug überhaupt bewerkstelligen kann. Dabei geht es nicht nur um die Sicherheitslage. Vielmehr warnen die Militärs, der Abzug vom Hindukusch, das Rückverlegen von Tausenden Containern Ausrüstung, Hunderten Fahrzeugen, schweren Waffen bis hin zu Panzern werde eine logistische Herkules-Aufgabe, die in den kommenden Jahren möglicherweise mehr Personal vor Ort nötig mache als der eigentliche Einsatz als Stabilisierungstruppe. So dramatisch sind die Berichte der Experten, dass der FDP-Abgeordneten Elke Hoff schon ein Extra-Mandat für die Abzugslogistik vorschwebt, um das eigentliche Ziel des Abzugs nicht zu gefährden.

Vermutlich ist de Maizière mit seiner vorsichtigen Art gut beraten. Immer wieder zitiert er ein Gespräch, das er kürzlich mit seinem russischen Amtskollegen Anatoli Serdjukow in Moskau geführt hat. Der Westen dürfe, warnte ihn dieser eindringlich, auf keinen Fall den gleichen Fehler wie die Rote Armee Ende der achtziger Jahre machen. Die Russen hatten damals die afghanische Armee zerschlagen zurückgelassen, rasch die Zahlungen für Sold und Ausrüstung eingestellt und so einen blutigen Bürgerkrieg zwischen den verschiedenen Ethnien geradezu provoziert.

De Maizière hat sich diese Warnung gemerkt. Es dürfe nach "dem Abzug keine Leere" entstehen, sagte er kurz vor dem Ende seiner Programms im Camp Marmal. Danach raste seine Delegation hastig wieder zum Flughafen. Am späten Abend wollte der Minister wieder in Berlin sein.

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1. Lächerlich: Rückzug kann problemlos gestaltet werden
hierro 21.12.2011
Zitat von sysopEigentlich wollte Thomas de Maizière bei seiner Blitzvisite in Nordafghanistan seinen Soldaten nur Weihnachtswünsche überbringen. Doch bei eisiger Kälte*ging es auch um die*geplante Heimkehr der deutschen Soldaten: Denn der Rückzug der Bundeswehr wird*zu einer*logistischen Herkules-Aufgabe. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,805156,00.html
Was will uns der deutsche Verteidigungsminister vermitteln, wenn er die Hoffnung auf einen schnellen Abzug der deutschen Soldaten aus Afghanistan dämpft? Es war doch seit geraumer Zeit völlig klar, wie notwendig eine rasche Heimkehr unserer jungen Soldaten aus diesem Chaosstaat Afghanistan ist. Die deutsche Bevölkerung will es und daran sollten sich auch die Politiker halten. Wer sich ein wenig im militärischen Bereich umgesehen hat, kann die Aussage von Herrn de Maiziere nur belächeln, wenn dieser den Rückzug aus Afghanistan als eine "logistische Herkules-Aufgabe" bezeichnet. Vielleicht können sich die deutschen soldatischen Führungskräfte einmal bei den Amerikanern erkundigen, wie man umfassende Rückzüge organisiert. Vielleicht könnte man auch die gesamte Ausrüstung der deutschen Soldaten vor Ort lassen. Die Regierenden und die Taliban wären sicherlich in der Lage, das alles gewinnträchtig zu verscheuern. Es gibt ja genügend Staaten, die second-hand Rüstung benötigen.
2. wieder ein weitere lüge
janima 21.12.2011
Zitat von sysopEigentlich wollte Thomas de Maizière bei seiner Blitzvisite in Nordafghanistan seinen Soldaten nur Weihnachtswünsche überbringen. Doch bei eisiger Kälte*ging es auch um die*geplante Heimkehr der deutschen Soldaten: Denn der Rückzug der Bundeswehr wird*zu einer*logistischen Herkules-Aufgabe. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,805156,00.html
d´m. bereitet die soldaten für den kommenden krieg! es wäre gut, wenn mal eine deutsche zeitung die warheit sagt! cameron montag, d´m. heute. liest man in ria novosti panetta bereitet einen amerikanischen präventivschlag gegen iran. von irak abgezogene us-soldaten sind bereit mit nato den syrien anzugreifen. so eine augenwäscherei...
3. .
ovomaltine 21.12.2011
Zitat von sysopEigentlich wollte Thomas de Maizière bei seiner Blitzvisite in Nordafghanistan seinen Soldaten nur Weihnachtswünsche überbringen. Doch bei eisiger Kälte*ging es auch um die*geplante Heimkehr der deutschen Soldaten: Denn der Rückzug der Bundeswehr wird*zu einer*logistischen Herkules-Aufgabe. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,805156,00.html
Tja, lieber Blitzbesuch als Blitzkrieg.
4.
Sleeper_in_Metropolis 21.12.2011
---Zitat--- Vielmehr warnen die Militärs, der Abzug vom Hindukusch, das Rückverlegen von Tausenden Containern Ausrüstung, Hunderten Fahrzeugen, schweren Waffen bis hin zu Panzern werde eine logistische Herkules-Aufgabe, die in den kommenden Jahren möglicherweise mehr Personal vor Ort nötig mache als der eigentliche Einsatz als Stabilisierungstruppe. ---Zitatende--- Und ? Man wird doch wohl in überschaubarer Zeit eine Truppe von ca. 5000 Mann + Ausrüstung zurück nach Deutschland verfrachten können. Aber das das bei der Behörden-Bundeswehr nicht klappt verwundert eigentlich wenig, wenn man an so manche Äußerung über Internas dieses Vereins denkt. Wie war das noch, alleine mit der Beschaffung : Den Job schafft man in der Privatwirtschaft mit der Hälfte des Personals doppelter so schnell, oder so ähnlich. Stichwort Sanierungsfall Bundeswehr, und so "professionell" wird dann wohl auch der Abzug laufen.
5. Rückzug.
poweruser12 21.12.2011
Zitat von sysopEigentlich wollte Thomas de Maizière bei seiner Blitzvisite in Nordafghanistan seinen Soldaten nur Weihnachtswünsche überbringen. Doch bei eisiger Kälte*ging es auch um die*geplante Heimkehr der deutschen Soldaten: Denn der Rückzug der Bundeswehr wird*zu einer*logistischen Herkules-Aufgabe. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,805156,00.html
Sicher werden nicht alle Soldaten 2014 weg sein, aber der Großteil. Heißt ja wohl auch, daß "Kampftruppen" dann weg sind. Ausbilder usw werden sicher noch da bleiben, und das ist gut so.
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