Blix-Attacke gegen USA "Bastarde, Verleumder, Schmutzkampagne"

Der scheidende Chef der Uno-Waffeninspekteure, Hans Blix, gibt angesichts des amerikanischen Vorgehens im Irak jede diplomatische Zurückhaltung auf. Er sprach von einer Schmutzkampagne der US-Regierung. "Bastarde, die Dinge gestreut haben", hätten ihn dort verleumdet.


Blix: "Ich hatte meine Verleumder in Washington"
REUTERS

Blix: "Ich hatte meine Verleumder in Washington"

Hamburg - Kurz vor seinem Abschied aus dem Amt am 28. Juni schimpfte der dann 75-Jährige öffentlich über die US-Regierung. Offenbar ging ihm das Vorgehen des Weißen Hauses im Irak kräftig gegen den Strich. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur AP sagte Blix, das von den USA und anderen Ländern vorgelegte Geheimdienstmaterial, das die Existenz irakischer Massenvernichtungswaffen beweisen sollte, sei nicht sehr gut gewesen. "Und das hat mich ein bisschen erschüttert."

"Es war wie ein Mückenstich am Abend"

Blix wies die amerikanische Kritik an seinem Team zurück, die vor dem Krieg gegen den Irak auf ihn niederging. Diese sei an der Sache vorbeigegangen. Die US-Regierung solle sich in Zukunft daran erinnern, "dass eine unabhängige internationale Inspektion, die nicht am Gängelband ist, diejenige Inspektion ist, die die größte Glaubwürdigkeit besitzt".

Die von der Bush-Regierung vor dem im März begonnenen Krieg intensivierte Kritik an den Uno-Inspektoren bezeichnete Blix in einem Interview mit dem "Guardian" als eine Schmutzkampagne. "Ich hatte meine Verleumder in Washington", wurde der frühere Diplomat zitiert. "Da waren natürlich Bastarde, die Dinge gestreut haben, die gemeine Sachen in die Medien gebracht haben." Dies sei auf einer "niedrigeren Ebene" geschehen. "Ich habe mich nicht darum geschert. Es war wie ein Mückenstich am Abend, der noch am Morgen danach lästig ist."

Weinende Frau im Irak: Krieg auf der Basis fehlerhafter Unterlagen?
DPA

Weinende Frau im Irak: Krieg auf der Basis fehlerhafter Unterlagen?

Sollten die USA in absehbarer Zeit weiterhin keine Massenvernichtungswaffen im Irak finden, müssten sie nach Fehlern in ihren Geheimdienst-Analysen zu einer Bedrohung durch den Irak suchen, forderte Blix: "Sie müssten dann analysieren, was sie möglicherweise zu falschen Schlussfolgerungen geführt hatte."

Zur Begründung sagte er in New York: "Ich hoffe nämlich, dass in der Zukunft keine Kriege oder Präventivaktionen auf der Basis fehlerhafter Unterlagen begonnen werden." Blix wies darauf hin, dass der Irak-Krieg möglicherweise nicht der erste Krieg infolge einer fehlerhaften Aufklärung war. "Kleinere Fälle dieser Art hatten wir schon. Etwa als die USA nach der Zerstörung ihrer Botschaften in Nairobi und Daressalam Raketen auf eine Fabrik bei Khartum feuerten." Inzwischen werde allgemein anerkannt, dass diese Angriffsentscheidung der Regierung Clinton 1998 auf falschen Informationen beruht habe.

Blix betonte zugleich, er habe trotz der Diskussion über angeblich vor dem Angriff gegen den Irak zu einem Kriegsgrund aufgebauschte Geheimdienstinformationen keine Zweifel daran, dass die USA ernsthaft in Sorge waren. "Ich glaube, sie hatten wirklich Angst, dass es im Irak Massenvernichtungswaffen gab." Blix plädierte für mehr Geduld mit den amerikanischen Experten, die jetzt im Irak nach biologischen und chemischen Waffen suchen.

"Sie sollten etwas mehr Zeit haben, sich umzuschauen, denn ihre Bedingungen sind nicht einfach. Sie können sich zum Beispiel nur mit bewaffnetem Begleitschutz bewegen." Andererseits planten die USA den Einsatz von 1300 Experten. "Das sind viel mehr, als wir zur Verfügung hatten."

Zudem hätten die US-Fahnder im Gegensatz zu jenen der Uno insgesamt günstigere Bedingungen. Viele Iraker wären nun bereit, Hinweise zu geben. Die USA sollten daher in der Lage sein, die Suche im Irak "innerhalb einiger Monate" abzuschließen. "Man sollte aber die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass es dort keine Massenvernichtungswaffen gab", sagte Blix.



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