Überlebender zur Befreiung von Leningrad vor 75 Jahren "Wir sollten den Krieg nicht glorifizieren"

Jakow Gilinskij überlebte als kleiner Junge die Blockade von Leningrad. Noch heute erinnert er sich an den Hunger in der eingeschlossenen Stadt. Die russische Militärparade am Tag der Befreiung hält er dennoch für falsch.

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Ein Interview von , Moskau


Zur Person
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    Jakow I. Gilinskij, 84 Jahre alt. Geboren in Leningrad, heute Sankt Petersburg. Überlebender der Blockade von Leningrad, das durch Hitlers Truppen vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944 eingekesselt wurde. Nach dem Krieg studierte er Jura und ist heute Professor für Kriminologie und Strafrecht an zwei Petersburger Universitäten.

SPIEGEL ONLINE: Heute vor 75 Jahren wurde Leningrad befreit. Sie waren damals ein Kind, neun Jahre alt. Wie erinnern Sie diesen Tag?

Jakow Gilinskij: Das war ein Tag der Freude. Wir, meine Eltern, meine Tante, mein Cousin, meine Großmutter waren glücklich, als wir aus dem Radio erfuhren, dass die Blockade ein Ende hat. Unser Leben aber blieb noch lange sehr schwer. Es war ja Krieg. Hunger und die Kälte blieben. Bis auf minus 40 Grad fiel das Thermometer.

SPIEGEL ONLINE: 872 Tage lang belagerten Hitlers Truppen die Stadt, hungerten sie aus, mehr als eine Million Menschen starben. Wie haben Sie diese furchtbare Zeit erlebt?

Gilinskij: Ich war schon ein Schuljunge, verstand sehr genau, was passierte. Es geschah alles vor unseren Augen: Die Menschen verhungerten. In fast jeder Familie starb jemand oder wurde schwer krank. Die Menschen verloren an Kraft, konnten sich kaum noch bewegen. Wassereimer von der Pumpe eine Straße weiter zu uns nach Hause zu schleppen, war mit leerem Magen ein großer Kraftakt. Ich weiß noch, dass bei uns im Haus in der Krasnoarmejskaja Straße einmal im Erdgeschoss der Leichnam eines Mannes lag. Keiner hatte mehr die Kraft ihn wegzuschaffen. Irgendwann hat sich jemand von der Stadtverwaltung um ihn gekümmert.

SPIEGEL ONLINE: Gab es auch Tote in Ihrer Familie?

Gilinskij: Unsere Familie war eine der großen Ausnahmen, bei uns ist niemand gestorben. Wahrscheinlich hing das damit zusammen, dass mein Vater stellvertretender Leiter eines Militärkrankenhauses war. Meine Mutter und meine Tante arbeiteten als Krankenschwestern. So hatten wir Medikamente und Vitamine.

Tote nach Beschuss auf einer Straße in Leningrad 1941
AP/ RW

Tote nach Beschuss auf einer Straße in Leningrad 1941

SPIEGEL ONLINE: Was gab es überhaupt noch zu essen?

Gilinskij: Brot bekamen wir nur in sehr geringen Mengen. Wir hatten ständig Hunger. Manchmal konnten meine Mutter und meine Tante Zutaten kaufen, die eigentlich zur Herstellung von Pferdefutter genutzt wurden. Wir machten daraus Plätzchen und belegten sie mit vitaminhaltigen getrockneten Früchten. Außerdem kochten wir Kleister.

SPIEGEL ONLINE: Kleister?

Gilinskij: Ja, ein schreckliches Essen, um etwas in den Bauch zu bekommen. An den Geschmack kann ich mich nicht erinnern, aber an die Farbe: der finnische war gelb, der russische schwarz. Den gab es fast immer zu kaufen. Man durfte nur ganz wenig davon essen, sonst hätten wir uns den Magen kaputtgemacht.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie es geschafft, in all der Zeit den Hunger auszublenden?

Gilinskij: Das war praktisch unmöglich. Ich habe versucht, mich abzulenken, habe viel gelesen, russische Klassiker wie Turgenjew, Lermontow und Puschkin. Wir hatten zu Hause sehr viele Bücher. Es gab keinen Strom, deshalb musste ich Öllampen anzünden.

Verletzte Kinder in einem Krankenhaus in Leningrad 1943
AP

Verletzte Kinder in einem Krankenhaus in Leningrad 1943

SPIEGEL ONLINE: Leningrad wurde bombardiert und beschossen. Wie häufig passierte das?

Gilinskij: In der ersten Zeit der Belagerung praktisch jeden Tag, vor allem nachts. Wir mussten in einem Luftschutzkeller im Haus gegenüber Zuflucht finden. Das war nicht ungefährlich, denn diese Straßenseite stand unter Artilleriebeschuss. Hitlers Einheiten beschossen Leningrad von den im Süden gelegenen Pulkowo-Anhöhen. Eine ganze Zeit lang durfte ich nicht mehr mit in den Keller. Ich war an Typhus erkrankt. Wir mussten deshalb in unserer Wohnung ausharren, wenn Leningrad aus der Luft angegriffen wurde.

SPIEGEL ONLINE: Vielen Überlebenden fällt es schwer, über das Erlebte zu sprechen. Sie erzählen sehr sachlich und ruhig über diese Zeit.

Gilinskij: Ich muss mich ja nicht täglich an die Blockade erinnern. Ich habe das Erlebte aufgeschrieben, es war eine sehr prägende Zeit. Aber wir leben, arbeiten, ich habe vieles andere erlebt. Noch heute lehre ich als Professor an zwei Universitäten.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben auch in Deutschland Vorlesungen gehalten. Wie schwer ist Ihnen das gefallen?

Gilinskij: Während des Krieges war Deutschland der Feind. Wir alle wollten Deutschland zerstören und besiegen, wir haben so viel Schweres erleiden müssen. Aber ich weiß, dass Hitlers Deutschland und die stalinistische Sowjetunion totalitäre, schreckliche Staaten waren. Als 1945 und 1946 einige deutsche Kriegsgefangene Straßen in unserer Stadt reparieren mussten und um Zigaretten baten, haben wir ihnen welche gegeben. Das waren doch Menschen.

Soldaten bei der Parade in Sankt Petersburg
REUTERS

Soldaten bei der Parade in Sankt Petersburg

SPIEGEL ONLINE: Heute findet im Zentrum zum 75. Jahrestag der Befreiung der Stadt eine große Gedenkfeier mit Militärparade statt, an der Tausende Soldaten teilnehmen. Sie sind dagegen, haben mit Tausenden anderen eine Petition unterschrieben. Warum?

Gilinskij: Ich habe den Brief an den Gouverneur mitunterzeichnet, weil mich die Militarisierung der Menschen empört. Immer wieder wird in unserem Land über den Krieg gesprochen. Immer wieder werden wir von unserer Regierung und unseren Behörden daran erinnert, dass wir uns auf den Krieg vorbereiten sollen. Unsere Kinder erhalten Uniformen, ihnen werden Orden und Medaillen verliehen, Spielzeugwaffen in die Hand gedrückt. Sie lernen, dass sie kämpfen müssen, das ist sehr beängstigend. Diese Militarisierung des Bewusstseins der Menschen halte ich für vollkommen unzulässig, sie ist ein furchtbares Verbrechen unserer Macht.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist es Putin so wichtig, große Paraden abzuhalten?

Gilinskij: Das ist eine politische Frage, deshalb möchte ich nur so viel sagen: Unser Präsident glaubt, dass wir unsere militärische Stärke ausbauen und zeigen müssen, weil das unser Land groß macht. Ich finde das nicht richtig. Die Menschheit hat schon so viele Kriege durchgemacht, es sind so viele Menschen gestorben. Krieg ist schrecklich, wir sollten ihn nicht glorifizieren. Der Frieden sollte das Thema sein, gerade in Zeiten von Atomwaffen.

Soldaten beim 75. Jahrestag der Befreiung der Stadt
AFP

Soldaten beim 75. Jahrestag der Befreiung der Stadt

SPIEGEL ONLINE: Welche Art des Gedenkens würden Sie sich wünschen?

Gilinskij: Konzerte im Radio wären schön, eine Schweigeminute für die Opfer, Treffen mit uns Überlebenden.

SPIEGEL ONLINE: Was werden Sie an diesem Jahrestag machen?

Gilinskij: Ich bleibe zu Hause, schreibe an meinen Büchern und Aufsätzen. Später werde ich mit meiner Frau ein Glas Rotwein trinken.

Mitarbeit: Tatiana Sutkovaja

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