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Blog zum US-Wahlkampf: McCain lässt die Kampfhunde von der Leine

Der US-Wahlkampf wird zur Schlammschlacht: John McCain versucht immer offener, seinen Kontrahenten mit dubiosen Vorwürfen zu diskreditieren. Halte durch, Obama! ruft SPIEGEL-ONLINE-Blogger Peter Ross Range - und wirft sich in den schmutzigen Abwehrkampf.

Ok, dann nehme ich jetzt auch keine Rücksicht mehr. Dieser Wahlkampf ist so hässlich geworden, dass auch ich jetzt zu dem einen oder anderen Tiefschlag ansetzen werde.

Nichts als die Wahrheit verspricht John McCain seinen Wählern
REUTERS

Nichts als die Wahrheit verspricht John McCain seinen Wählern

Ist doch wahr: Die Kampagne von John McCain, dem selbsternannten Vorkämpfer der Wahrheit, der nichts als die Wahrheit verkünden wollte, so wahr ihm Gott helfe, ist zu einer Schlacht geraten, in der jedes Mittel recht ist, wenn nur der Dreck spritzt. Erst beleidigt er die Intelligenz des amerikanischen Volks, indem er eine blutige Anfängerin zur Vize-Kandidatin kürt. Und dann macht er sich daran, Lügen über Barack Obama zu verbreiten - wie etwa das Märchen von einem Plan des Demokraten, er wolle die meisten Wähler mit höheren Steuern belasten. Als zusätzliche Schmutzschleudern hat McCain jetzt Steve Schmidt und die Schlammschlacht-Experten aus dem Team des Superstrippenziehers Karl Rove engagiert.

Wenn die Republikaner McCain schon nicht aufbauen können, dann zerstören sie eben wenigstens seinen Gegner.

Deshalb habe ich jeglichen Respekt für John McCain verloren, den ich im Laufe der Jahre eigentlich gewonnen habe - etwa für seine Position im Streit um die Wahlkampffinanzierung, seine Opposition gegen Bushs Schuldenhaushalt oder den Einsatz von Folter. Natürlich ist auch Obama nicht der pure Tugendheld, aber McCain hat jetzt Kampfhunde von der Leine gelassen, die er nicht mehr kontrollieren kann oder kontrollieren will. Also gilt auch für mich: keine Rücksicht mehr.

Barack Obama, ein ganz gewöhnlicher Politiker?

Obama ist, wie das Team von McCain gerne betont, eigentlich ein gewöhnlicher Politiker aus Chicago, auch wenn seine geschliffene Rhetorik einen darüber hinwegtäuschen mag. Dennoch lohnt sich die Analyse der gar nicht so gewöhnlichen Wege, die er in diesem Wahlkampf eingeschlagen hat: Während er nämlich die Inspiration Suchenden inspirierte, baute er gleichzeitig eine Organisation an der Basis auf, und zwar mit Hilfe des Internets, wie sie das Land (und die Welt!) noch nicht gesehen hat. Nicht nur, dass er so die Treuen und die Enthusiastischen weckte, es gelang ihm auch, online für Spenden zu werben wie niemand zuvor. Und jede konkrete Unterstützung ist wie ein emotionales Band, das Wähler und Kandidat verbindet.

Diese Kombination also, der Obama-Sound und seine Netz-Nähe zu den Wählern (ich bekomme übrigens jeden Tag eine Mail von ihm, in der ich persönlich angesprochen werde: "Peter…") kann viel mehr, als nur Wähler motivieren, am 4. November für ihn zu stimmen. Sie werden zum Teil der "Bewegung", wie Obamas Spendentrommler es nennen, und diese Verbindung wird weit über den Wahltag hinaus halten.

So hat Barack Obama im Prinzip eine neue, alternative Demokratische Partei erschaffen. Selbst wenn er die Wahl im November verlieren sollte, hat er seine Partei von Grund auf verändert. Und wenn er gewinnt, wird er mit dieser neuen Partei so viel mehr ausrichten können, als bloß die Macht im Weißen Haus zu übernehmen. Mit dieser Bewegung im Rücken - und wenn es den Demokraten dann noch gelingt, an die 60 Sitze im Senat zu gewinnen - wird Obama fundamentale Reformen durchsetzen können, wie es zuletzt vielleicht Franklin Roosevelt während seiner ersten Amtszeit 1933 vermocht hat.

Und angesichts der unkontrollierten Dynamik, die von der globalen Finanzkrise ausgeht, sehen immer mehr Menschen die Notwendigkeit, solcher tiefgreifenden Reformen. Das ist der wahre Grund, warum die Umfragewerte für Obama in den vergangenen zehn Tagen so sprunghaft gestiegen sind. Wenn heute Wahltag wäre - hätte Barack Obama schon gewonnen. Wenn er den Sieg auch in vier Wochen noch holen will, muss er diesen Schwung mitnehmen - und er darf sich vor allem keine groben Schnitzer mehr leisten.

Welche Attacken McCains Team jetzt ausheckt

Aber auf dem Weg bis zum 4. November lauern noch etliche Gefahren. Unmittelbar am bedrohlichsten sind die Attacken, die McCains Team jetzt ausheckt: Sie werden versuchen, Obamas Beziehungen zu einigen Figuren von zweifelhaftem Ruf maximal auszuschlachten - zum Pastor Jeremiah Wright ("Gott, verdamme Amerika!") wie zu dem ehemaligen Vietnam-Protestler und Bombenwerfer William Ayers und dem kriminellen Immobilienhai Anthony Rezko.

Für einen Mann mit langfristigen politischen Zielen hat Obama schon ein paar ziemlich dämliche Anfängerfehler gemacht, und seine Kontakte zu diesen Dreien gehören sicherlich dazu. Er sollte sich jetzt besser schnell plausible Erklärungen überlegen, wie es überhaupt dazu kommen konnte. Die Verbindung zum "Terroristen" Ayers ist sicherlich dünn und unbedeutend, das hat auch die "New York Times" gerade noch einmal sauber erklärt. Aber die anderen beide Fälle sind schlimmer: Die 20 Jahre währende Verbindung zu Wright, dem ehemaligen Pastor der Trinity United Church of Christ in Chicago, ist vielleicht potentiell am gefährlichsten. Wright hat zu viele anti-amerikanische, anti-weiße und anti-jüdische Slogans gegrölt, als dass Obama das nicht hätte bemerken können. Mein Rat an ihn wäre, sich noch einmal mit einem großen mea culpa an die Wähler zu wenden - und zwar noch gründlicher und demütiger als das vergangene Mal im April.

Die Angriffe des McCain-Apparats sind für Obama ein echter Charaktertest. Er muss diesen Sturm kühl und mit Würde abwettern - und im Prinzip darauf hoffen, dass sich die Wahlkämpfer um McCain in der Schlammschlacht selbst am schlimmsten bekleckern. Und das heißt natürlich, dass er die Schwäche seiner eigenen Wahlkampfmanager für böse TV-Spots über McCain abstellen muss. So eine Behauptung, dass der Republikaner die Sozialversicherungen plündern wollte - die geht gar nicht.

Die harte, schmutzige Abwehrschlacht sollte er besser anderen überlassen, den Bloggern beispielsweise oder auch dem journalistischen Mainstream. Heute war bereits eine ganzseitige und sehr nüchterne Geschichte in der "Washington Post" über McCains zwei Ehen zu lesen, die ihn frontal anging: Nicht nur, dass McCain offenbar seine erste Frau betrog, die während seiner Gefangenschaft in Vietnam treu zu ihm stand, er beantragte die Hochzeit zu seiner jetzigen Frau Cindy Hensley, vier Wochen bevor die Scheidung zu Carol Shepp vollzogen war. "Diese rapide Abfolge der Ereignisse wirft Fragen auf, was John McCains Kurs auf das Weiße Haus betrifft: Wäre er wirklich, wo er heute steht, wenn er nicht rechtzeitig sein Leben geändert und seine Frau gewechselt hätte?"

Oops. Grässlicher Klatsch. Aber in dieser Phase des Wahlkampfs muss das jetzt sein.

Übersetzung: Olaf Kanter

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 37 Beiträge
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1. Normal, oder?
kurtwied, 07.10.2008
Ist halt Wahlkampf - und die Vorwürfe sind nicht aus der Luft gegriffen, sondern durchaus erwähnenswert - wie man sie gewichtet, das kann jeder Wahlberechtigter selbst entscheiden ... Viele Dinge, die gegen Obama sprechen werden nur von wenigen TV Stationen thematisiert, da die überwiegende Zahl selbst mit Obama sympathisiert. Saturday Night Live, ist zuletzt etwas ausgeschert, als es um die Bankenkrise ging und hat die Schuldigen nicht nur populistisch in einem Lager gesucht http://patdollard.com/2008/10/it-is-here-the-banned-snl-skit-cannot-hide-from-louie/ Und Obama kritisch hinterfragt wird hier http://www.eyeblast.tv/Public/Video.aspx?rsrcID=2036
2. Toll...
maigrey 07.10.2008
Wow, eine Email, in der er mit Namen angesprochen wird? Toll! Das nennt man Serienbrief, der Name wird aus einer Datenbank da automatisch reingepackt. Der bildet sich doch hoffentlich nicht ein, dass sich irgendjemand bei Obamas Mannschaft tatsächlich für ihn persönlich interessiert? Er ist da ein enthusiastischer Unterstützer, von dem man Geld abholen kann. Und Obama mit seinen Reformen jetzt als Retter des Finanzkrisen geschüttelten Amerikas zu präsentieren, ist das Beste. Welche Partei war das noch, die vor 5 Jahren der Meinung war, eine bessere Kontrolle der Vergabepraxis von Krediten bei Fannie Mae und Freddie Mac sei unnötig und reine Panikmache? Ja, genau, das waren die Demokraten. Aber es macht natürlich Spass so zu tun, als wäre Bush und die Republikaner Schuld, nachdem das Weiße Haus genau derjenige war, der gewarnt hatte und was ändern wollte. Der dumme Wähler glaubt es ja.
3. Danke!
Zazzel, 07.10.2008
(Danke, dass der SPIEGEL keinen Einfluss auf US-Wahlen hat). Ich finde es wirklich befremdlich, wie in Deutschland fast völlig einseitig über den US-Wahlkampf berichtet wird. Darf's noch ein Heiligenschein für Obama sein? Bemerkenswert fand ich, dass sich in Interviews Amerikaner fanden, die *keinen* der beiden Kandidaten ruhigen Gewissens wählen können - und deswegen der Wahl fern bleiben. Wer sich für Informationen statt Propaganda zum US-Wahlkampf interessiert, kann sich eher selbst ein Bild machen, indem er z.B. bei www.politifact.com einen Blick auf das "Truth-o-meter" wirft - sämtliche Aussagen der Kandidaten sind recherchiert und bewertet - als sich weiter über deutsche Wahlkampfberichterstattung aufzuregen (oder sich mitreißen zu lassen). Das sich ergebende Bild ist wesentlich differenzierter, als es in den deutschen Medien erscheint.
4. Range ... ein CNN Korrespondent oder seriöser Blogger?
ayamo, 07.10.2008
Fantastisch! Warum bringt Spiegel Online so etwas? Ein Spiegel Online Blogger tut das? Herzlichen Glückwunsch, Spiegel Online! Da geht er hin, der seriöse Journalismus, vorbei die Zeiten als Journalisten sich darauf beschränkten Fakten zu bringen und es den Leuten zu überlassen sich aufgrund der gebrachten Fakten eine eigene Meinung zu bringen. Nein, heutzutage gibt es sowas nicht mehr. Achja, Herr Range ... machen Sie bitte zuerst Ihre Hausaufgaben bevor Sie solchen Unsinn von sich lassen. DAS beleidigt die Intelligenz! Sie bezeichnen die Beziehung zwischen Obama und Ayers als dünn? Machen Sie erst einmal ihre Hausaufgaben, bevor Sie Spiegel Online bemühen IHRE schmutzigen Attacken auf der website zu posten. Ich empfehle Ihnen mal ein paar lokale amerikanische Zeitungen aufzuschlagen, und sich Hannity's America anzusehen. Anderson Cooper hat heute auch was gebracht. Für CNN ist das ein Fortschritt. Sie bezeichnen sich als Retter Obamas, der sich heldenhaft in die Schlammschlacht schmeißt? Traurig sowas!
5. Lieber Peter Ross Range
nocheinbuerger 07.10.2008
Zitat von sysopSchlammschlacht im US-Wahlkampf: John McCain versucht immer offener, seinen Kontrahenten mit dubiosen Vorwürfen zu diskreditieren. Halte durch, Obama! ruft SPIEGEL-ONLINE-Blogger Peter Ross Range - und wirft sich in den schmutzigen Abwehrkampf. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,582596,00.html
es ist bekannt, daß der Wunschkandidat der deutschen Mainstreampresse im amerikanischen Wahlkampf Barack Obama heißt. Aber finde dich, und bitte findet euch alle damit ab, daß es noch immer so ist, daß der amerikanische Präsident von der amerikanischen Bevölkerung gewählt wird, und solltet ihr euch die Finger wund schreiben. Da werden das Vorgaukeln von medialen Scheinwelten und alle sonst so wirksamen Kampagnen nichts, aber auch gar nichts bewirken. Sollte es also der Willen der amerikanischen Wähler sein, Obama als Präsidenten zu sehen, wird das genauso hinzunehmen sein wie der Entschluß, McCain zu wählen. Also bitte zwei Gänge zurückschalten und die Dinge auf euch zukommen lassen. Schon nebenbei auch die Nerven.
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