Blog zum US-Wahlkampf: Meine Friseurin, Obama und das Schreckgespenst

Cool pariert Obama im TV-Duell die Attacken seines Kontrahenten McCain. Aber es ist zu früh, den Republikaner abzuschreiben. SPIEGEL-ONLINE-Blogger Peter Ross Range wurde im Friseursalon Zeuge, wie effektiv das Gift der gezielten Falschinformation im Wahlkampf wirkt.

Ich sitze also bei meiner Friseurin, lasse mir die Haare schneiden - und von der koreanischen Immigrantin erklären, warum sie für John McCain stimmen wird.

In erster Linie, sagt sie, weil Obama "den Armen Geld geben will", was ihrer Meinung nach "Sozialismus" sei. Sie verrät noch, dass sie im Jahr brutto zwischen 30.000 und 40.000 Dollar verdient - und fängt dann überraschenderweise ein Plädoyer für den gutverdienenden Anwalt an, der 250.000 per annum verdient und mehr Steuern zahlen soll, wenn es nach Obama ginge. "Das sind immerhin meine Kunden. Die haben auch hohe Kosten, zwei oder drei Kinder im College, große Häuser, zwei Autos. Für die ist es auch hart."

Wahlkämpfer Obama: Gegen einen Bodensatz von Vorurteilen
AP

Wahlkämpfer Obama: Gegen einen Bodensatz von Vorurteilen

Das hat mir glatt den Atem verschlagen.

Hier haben wir also eine Immigrantin der ersten Generation, die in einer winzigen Stadtwohnung lebt, die sie sich auch noch mit ihrer Schwester teilt - und ausgerechnet sie zeigt Verständnis für Washingtons Top-Anwälte und ihre Villen in den Vorstädten. "Sie sollten auch nicht mehr Steuern zahlen als andere Leute", meint sie, schnippschnipp. "Die arbeiten doch genauso hart wie Sie und ich", schnippschnipp.

Jetzt mischt sich auch ihre Schwester, die ebenfalls um die 30.000 Dollar im Jahr verdient, in die Diskussion ein: "Ich weiß, dass diese Steuersache wahrscheinlich gut ist für uns, wir bringen ja nicht so viel nach Hause. Aber es ist falsch, dass er die anderen so hoch besteuern will. Deshalb werde auch ich McCain wählen."

Es war ein ernüchternder Moment - und eine wichtige Mahnung, wie gefährlich die Macht der vorsätzlichen Fehlinformation ist.

Wir sind gerade einmal zwei Straßen vom Weißen Haus entfernt. Meine beiden Gesprächspartner bezeichnen sich selbst als "Newsjunkies". Und trotzdem sind sie der gröbsten Falschmeldung aufgesessen, die McCains Propagandamaschine bis jetzt produziert hat: Dass es sich bei Barack Obama um einen Sozialisten handelt.

Im Lexikon der US-Politik ist "Sozialist" ein schmutziges Wort, das gleich an zweiter Stelle hinter "Kommunist" rangiert. Beide Vokabeln werden im übertragenen Sinn auch mit "un-amerikanisch" übersetzt, und das ist möglicherweise das schlimmste Attribut, das wir überhaupt zu vergeben haben.

Tatsache ist doch, dass überhaupt nur fünf Prozent der US-Haushalte über Einkommen verfügen, die jenseits der 250.000 Dollar liegen. Und die Analysen, die ich bis jetzt über Obamas Steuerpläne gelesen habe (bei denen der Spitzensatz für die eben diese fünf Prozent der Spitzenverdiener um drei Prozentpunkte von 36 auf 39 Prozent steigen könnte), sagen voraus, dass die zusätzliche Belastung eher moderat sein wird. Dumm von mir zu glauben, dass jeder das so sieht.

Meine Friseurinnen sehen es jedenfalls anders. Obwohl die eine erkannt hat, dass es ihr unter einem Präsidenten Obama finanziell sogar besser gehen dürfte, lässt sie ihr antisozialistischer Reflex gegen die eigenen Interessen wählen.

Oder spielt das Thema Rasse unterschwellig doch eine Rolle? Ich glaube nicht, aber ich bohre in dieser Frage vorsichtig nach. Die Frau, die an meinen Haaren schnippelt, blickt auf und schaut mich im Spiegel an: "Die Farbe seiner Haut sollte wirklich egal sein." Und sie zeigt mit einer Hand auf ihr eigenes Gesicht, das sich in der Farbe deutlich vom Teint des weißen Mehrheitsamerikaners unterschied. Ich denke, sie steht über den gängigen Rassenklischees.

Trotzdem ist nicht auszuschließen, dass die altersgrauen Schwestern Rasse und Ethnie im Finale dieses Wahlkampfes doch noch einmal auftreten. Erst am Mittwoch sind offenbar Anti-Obama-Flugblätter in einem kleinen Ort in Oklahoma aufgetaucht. Absender: der 143 Jahre alte Terroristenverein des Ku-Klux-Klan. Der Klan hat im Laufe seiner Geschichte Menschen gelyncht, verbrannt, ermordet - aber er war eigentlich schon so gut wie verschwunden.

Die Bürger in Ada, das soll nicht unerwähnt bleiben, haben sich sofort von der Klan-Werbung distanziert, aber dass es überhaupt dazu gekommen ist, zeigt natürlich, dass es da draußen ein unberechenbares Potential der Intoleranz gibt, besonders in den kleineren Orten auf dem Land und im Süden, wo der Rassenkonflikt eine lange und brutale Geschichte hat.

Ein weiterer empfindlicher Punkt, der einfach nicht verschwinden will, ist der Eindruck, dass Obama nicht wirklich hinter Israel steht, und das ist bei jüdischen Wählern verständlicherweise ein Schlüsselthema. (Juden stellen in den USA zwar nur zwei Prozent der Bevölkerung, aber ihre Stimmen können gerade in Swing States wie Florida den Ausschlag geben.)

Obama hat wiederholt geschworen, dass seine Unterstützung für den jüdischen Staat absolut und unzweideutig ist, aber selbst die eigenen Leute fallen ihm dabei immer wieder in den Rücken. So war es seiner Sache nicht gerade dienlich, dass sich Jesse Jackson - einst der prominenteste schwarze Politiker Amerikas - hinstellt und einem Reporter der "New York Post" sagt, dass unter einem Präsidenten Obama Schluss damit wäre, "immer Israels Interessen Priorität einzuräumen". Jackson, der zweimal erfolglos als Präsidentschaftsbewerber antrat, ist offensichtlich verbittert, weil Obama in der amerikanischen Politik geschafft hat, was ihm verwehrt blieb. Von Jackson stammt auch das denkwürdige Zitat, er würde "Obama gerne die Eier abschneiden", weil er "Schwarze von oben herab behandelt".

Kein Wunder also, dass er im aktuellen Wahlkampf keine Rolle bekommen hat. Jackson hat übrigens kürzlich eingeräumt, dass er mit "Senator Obama zu keinem Zeitpunkt über Israel oder den Nahen Osten gesprochen hat". Was die Strategen im Team McCains nicht davon abgehalten hat, Jacksons Aussagen als Beweis zu präsentieren, wie wackelig Obamas Freundschaft zu Israel in Wahrheit sei.

Wie bei meinen koreanischen Friseurinnen wird möglicherweise auch bei einer Menge Wähler in Florida etwas hängen bleiben von diesem Gezänk - und zwar genau der Bodensatz, der ihre Ängste und Vorurteile nährt. Und das ist schockierend so kurz vor dem Ende dieses Wahlkampfs - und auch ein schlimmer Rückschlag in unserem Bemühen, endlich das Thema Rasse zu beenden.

Möge es uns bald gelingen.

Übersetzung: Olaf Kanter

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