Bloombergs politischer Neuanfang Der Ausreißer

Besonnen hat Bürgermeister Bloomberg New York aus der Krise geführt. Jetzt verblüfft er mit der Ankündigung, sein Republikaner-Parteibuch abzugeben. Plant der Multimilliardär eine Präsidentschaftskandidatur im Alleingang?

Von , New York


New York - Eigentlich war's eine ganz normale Dienstreise - doch plötzlich wurde sie zur inoffiziellen Wahlkampftour. New Yorks Bürgermeister Mike Bloomberg tingelte gestern durchs sonnige Kalifornien, um Reden zu halten und Kontakte zu vertiefen. Er feixte mit Gouverneur Arnold Schwarzenegger. Warnte das Google-Personal, dass die USA "wirklich in der Klemme" steckten. Beklagte sich vor der University of Southern California (USC) über "die Politik der Parteilichkeit" in Washington.

Michael Bloomberg (im Oktober 2005): Nur leise Dementis
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Michael Bloomberg (im Oktober 2005): Nur leise Dementis

Typische Beschwerden eines Lokalpolitikers, oft gehört, oft überhört.

Die meisten New Yorker waren gestern zu beschäftigt, um überhaupt zu bemerken, dass ihr Stadtoberhaupt anderswo weilte. Und doch landeten Bloombergs Worte heute auf den Titelseiten aller US-Zeitungen: Jeder Satz bedeutungsschwanger analysiert - wie die Antrittsrede eines neuen Präsidenten.

Mitten in seinen kalifornischen Routinetag platzierte der Bürgermeister eine Nachrichtenbombe, die den Spekulationen über "Bloomberg 2008" neuen Wind gibt: Er ließ über sein Büro in der New Yorker City Hall mitteilen: Er trete aus der republikanischen Partei aus und werde den Rest seiner Amtszeit als Parteiunabhängiger bestreiten. Dabei war er erst 2001 von den Demokraten zu den Republikanern gewechselt. Nun aber, so sprach er, habe er von beiden Parteien die Nase voll. Bloomberg erklärte: "Jeder erfolgreiche Manager weiß, wirkliche Ergebnisse sind wichtiger als parteiliche Gefechte. Gute Ideen sollten Vorrang haben vor politischer Ideologie."

Ross Perot hoch drei

Zumindest die New Yorker überrascht das nicht. "Manager Mike" galt hier immer schon als ein Republikaner, der keiner war, als Demokrat im konservativen Mäntelchen. Fiskalisch rechts, doch glasklar sozialliberal, kein Gegner von Abtreibungen, schwulenfreundlich - und auf Distanz zu US-Präsident George W. Bush, als der von allen anderen noch umschmeichelt wurde. "Es war nur eine Frage der Zeit, bis er und die republikanische Partei aufhörten, so zu tun, als könnte diese Ehe gerettet werden", kommentierte "Newsweek" gestern Abend.

Durch die Nachricht wurde aus den Klagen eines Kommunalherrschers das Wahlprogramm eines potentiellen Präsidentschaftskandidaten - wohl zum Horror der etablierten Kandidaten. "Bloomberg for President", scholl es aus den Reihen seiner Fans: "Bloomie" befreie sich von Parteifesseln, jetzt peile er eine Präsidentschaftskandidatur an. Ein Abkehr von der politischen Vergangenheit als Ouvertüre für die politische Zukunft? Selbst der (bisherige) Parteifreund Schwarzenegger ließ sich davon mitreißen: Bloomberg "wäre ein toller Kandidat", negierte er dessen altes, doch immer müderes Dementi, das gestern noch zweideutiger klang als sonst ("Meine Zukunftspläne haben sich nicht geändert").

In einem Wahlkampf, dem es bisher an Stars mangelt, wäre der Selfmade-Multimilliardär Bloomberg ("Forbes" schätzt sein Vermögen auf rund 5.500.000.000 Dollar) ein perfekter Joker. So eine Art Ross Perot hoch drei: Der Texaner hatte im Wahlkampf 1992 65 Millionen Dollar aus eigener Tasche hingeblättert, um Präsident zu werden. Das war damals zwar vergebliche Liebesmüh. Doch heute sieht das politische Feld ganz anders aus: Die Image-Werte Bushs stürzten täglich tiefer, auch beide Parteien in Washington kämpfen gegen sinkende Umfragen, haben keine Antworten auf drängende Fragen.

Mike gegen Rudy gegen Hillary?

Kein Zufall also, dass Bloomberg gestern vor allem das politische Establishment aufs Korn nahm. "Ihre Untätigkeit und ihr parteilicher Stillstand zerstören unsere Beziehungen und Reputation in der Welt", sagte er an der Annenberg School for Communication der USC, vor einem Publikum, in dem außer Schwarzenegger auch Antonio Vallaraigosa saß, der demokratische Bürgermeister von Los Angeles. "Sie betreiben Flickwerk, bieten Pflaster an, die die Blutung nicht stillen, speisen uns mit Platitüden und Versprechungen ab."

Bloombergs Stab hat längst - besagten Dementis zum Trotz - auf Wahlkampf umgeschaltet. 20 US-Städte hat Bloomberg in den vergangenen anderthalb Jahren bereist, weitere sind geplant, auch Vortragsreisen in die Wechselwähler-Staaten Missouri und Florida. Reizthemen des Präsidentschaftswahlkampfs sind neuerdings auch Bloombergs Lieblingsthemen: Klimakrise, Einwanderung, Waffenkontrolle.

Bloomberg spielt schon länger mit dem Gedanken einer Kandidatur. Im vergangenen Jahr, als Ehrengast eines Fundraising-Dinners beim Schuhdesigner Stuart Weitzman, sinnierte er: "Keine der beiden Parteien würde mich je nominieren." Zu liberal für die Republikaner, zu konservativ für die Demokraten. Bleibe nur, als Unabhängiger zu kandidieren, Geld habe er ja. Doch das, fand er, sei "eine gewaltige Herausforderung".

Jetzt ist New Yorks Bürgermeister, politisch lange unbedeutend, also plötzlich wieder eine heiße Nummer. Der Bürokrat hat sich zum dominanten Macher gemausert; der Griff nach dem höchsten Staatsamt wäre da nur logisch - schließlich ist auch sein Vorgänger Rudy Giuliani, der Nationalheld des 11. September, auf gleichem Kurs. Für die New Yorker wäre es ein Traumwahlkmapf: Bloomberg gegen Giuliani gegen Hillary Clinton.



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