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Flüchtlinge auf dem Mittelmeer: Das Millionengeschäft mit den Geisterschiffen

Erst die "Blue Sky M", dann die "Ezaleen": Schleuser schicken Flüchtlinge nicht mehr nur in Schlauchbooten über das Mittelmeer, sie pferchen die Hilflosen in Frachter - und überlassen sie ihrem Schicksal. Wie funktioniert das Geschäft mit den Geisterschiffen?

Hamburg/Rom - Nach den jüngsten Flüchtlingsdramen auf dem Mittelmeer herrscht Entsetzen. Die Internationale Organisation für Migration teilt mit, Schmugglerbanden würden verstärkt auf große Frachter setzen, um ihre Gewinne zu maximieren. Die EU-Grenzschutzbehörde Frontex sprach in ungewohntem Ton von einem "neuen Grad der Grausamkeit".

Grund für die Sorge ist das vermehrte Aufkommen sogenannter Geisterschiffe - Frachter, die ohne Besatzung, aber voller Flüchtlinge manövrierunfähig auf Italiens Küsten zusteuern. Allein in dieser Woche wurden zwei führerlose Schiffe aufgegriffen, mit jeweils Hunderten Flüchtlingen an Bord.

Wie funktioniert die neue Taktik der Schlepperbanden? Warum ändern sie ihr Geschäftsmodell? Und wie reagiert Europa auf das neue Phänomen? Ein Überblick.

Wie funktioniert die Taktik?

Schleuserbanden setzen zunehmend auf große Frachtschiffe, die Hunderte Menschen gleichzeitig über das Mittelmeer bringen können. Auf hoher See gehen die Schleuser dann von Bord und überlassen die Menschen auf dem Geisterschiff ihrem Schicksal. Der am Dienstag von der italienischen Küstenwache gestoppte Frachter "Blue Sky M" steuerte per Autopilot auf die felsige Ostküste Italiens zu, nachdem sich die Schleuser mit einem Boot abgesetzt hatten. Die in Sierra Leone registrierte "Ezadeen" trieb führerlos mit 450 Flüchtlingen an Bord vor dem süditalienischen Hafen Crotone.

Woher stammten die beiden Schiffe?

Die "Blue Sky M", mehr als 40 Jahre alt, fuhr unter der Flagge Moldaus, von ihr ist bekannt, dass sie im Oktober im türkischen Hafen Korfez festgemacht hatte und offiziell in den kroatischen Hafen Rijeka wollte. Ob sie weitere Zwischenstopps einlegte, ist noch unklar. Der Frachter "Ezadeen" lief 1966 vom Stapel und ist eigentlich für Viehtransporte vorgesehen. Er kam offenbar vom syrischen Hafen Tartus und hatte einen Zwischenstopp in Famagusta im türkischen Nordteil Zyperns eingelegt. Sein offizielles Ziel war Sète in Südfrankreich.

Wie sieht das Geschäftsmodell der Schlepper aus?

Alte Frachter sind laut Schifffahrtsexperten bereits für weniger als 700.000 Euro zu haben - laut Frontex werden sie vor allem in Hafenstädten an der türkisch-syrischen Grenze gekauft. Der Bürgerkrieg in Syrien, der monatlich Tausende Menschen zum Verlassen des Landes zwingt, schafft eine konstante Nachfrage von Flüchtlingen, die Tausende Euro für eine Überfahrt zu zahlen bereit sind. Laut Frontex zahlten syrische Flüchtlinge bis zu 6000 Euro. Mit einem Frachter voller Flüchtlinge wie der "Blue Sky M" lässt sich somit mehr als eine Million Euro einnehmen - es bleibt also eine hohe Gewinnmarge.

Warum ändern manche Schleuserbanden ihre Taktik?

Bisher benutzten Schleuser vor allem alte Fischerboote, Schlauchboote und andere kleine Schiffe für die Überfahrt über das Mittelmeer. Dabei überließen sie teils den Flüchtlingen selbst das Steuer. Frachter hingegen können nicht nur kurze Strecken wie von der libyschen Küste zur Insel Lampedusa zurücklegen, sondern auch große Entfernungen wie von Syrien nach Italien bewältigen. Zudem hält sie im Gegensatz zu Schlauchbooten auch das raue Winterwetter nicht von der Überfahrt ab. Während des italienischen Marine-Einsatzes "Mare Nostrum" kalkulierten die Schleuser auch die Hilfe der Marinekräfte ein. So setzten die Schmuggler gezielt Hilferufe ab, beschädigten die Boote oder zwangen die Flüchtlinge zum Sprung ins Wasser, um die Marine zum Eingreifen zu zwingen. Nach langem Streit ist "Mare Nostrum" nun Geschichte, die EU hat mit ihrer Mission "Triton" übernommen.

Wie funktioniert "Triton"?

Anders als bei "Mare Nostrum" sind die Boote von "Triton" vor allem in Küstennähe unterwegs. Die Aufgabe besteht hauptsächlich in der Sicherung der Grenzen, nicht im Aufspüren von Flüchtlingsbooten. Seit dem Start von Triton wurden im Mittelmeer laut Bundesinnenministerium rund 13.000 Flüchtlingen aus Seenot gerettet und 53 Schleuser festgenommen. Da Frontex nicht über eigene Schiffe verfügt, ist die Agentur darauf angewiesen, dass die EU-Staaten Material und Personal bereitstellen. Momentan sind sieben Schiffe, vier Flugzeuge und ein Hubschrauber im Einsatz, das monatliche Budget beträgt 2,9 Millionen Euro. Menschenrechtsorganisationen wie Pro Asyl und Amnesty International halten Umfang und Budget der Mission für zu gering. Sie befürchten, dass die Zahl der Opfer auf hoher See noch steigen wird.

Wie reagiert Europa auf das neue Phänomen?

Bislang gar nicht, auch wenn das Uno-Flüchtlingshilfswerk UNHCR die Regierungen der EU schon zu einer gemeinsamen Anstrengung drängte, "um Menschen im Meer zu retten und legale Alternativen zu gefährlichen Reise über das Mittelmeer zu bieten". Die Bundesregierung sieht in einer ersten Stellungnahme keinen direkten Zusammenhang zwischen "Triton" und dem Trend zu Geisterschiffen. "Das beschriebene Phänomen erfordert aus Sicht der Bundesregierung gegenwärtig keinen Strategiewechsel in der europäischen Asylpolitik", heißt es aus dem Innenministerium in Berlin.

fab/AFP/dpa

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insgesamt 130 Beiträge
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1. Deutschland soll Mittel und Marine
schümli 02.01.2015
zur Verfügung stellen! Oder gibt es keine Schiffe und Helikopter die funktionieren? Es ist zeit Verantwortung zu übernehmen anstelle nur dumme Sprüche zu klopfen!
2. Überlegung
rwweide 02.01.2015
Ich bin vielleicht über den Umfang oder die Details des Problems nicht ausgiebig informiert, aber warum kann man nicht in den betreffenden Ländern die Flüchtlinge über diese verbrecherischen Methoden der Schleusser informieren? Es gibt doch heute überall Internet, man sollte in den Ländern eine grosse Informationskampagne starten, damit keiner der Flüchtlinge mehr den Seeweg wählt. Schützt Leben, spart Geld und versaut den Schleussern das Geschäft.
3. richtig
nureinbürger 02.01.2015
Zitat von schümlizur Verfügung stellen! Oder gibt es keine Schiffe und Helikopter die funktionieren? Es ist zeit Verantwortung zu übernehmen anstelle nur dumme Sprüche zu klopfen!
...besser mit Material (Schiffen / Hubschraubern/ Flugzeugen) bei der Grenzsicherung helfen als Millionen EUR zu verschieben. Aufbringen der alten Schiffe noch auf hoher See (das Mittelmeer ist so klein und sollte vom EU Staatenverbund doch einfach zu überwachen sein) und dann sofort zurückführen in den Ausgangshafen (der sollte durch Sat- Ortung auch bekannt sein). Dann die alten Boote komplett zerstören oder gleich versenken. Es muss endlich durchgegriffen werden!
4.
geishapunk 02.01.2015
Zitat von rwweideIch bin vielleicht über den Umfang oder die Details des Problems nicht ausgiebig informiert, aber warum kann man nicht in den betreffenden Ländern die Flüchtlinge über diese verbrecherischen Methoden der Schleusser informieren? Es gibt doch heute überall Internet, man sollte in den Ländern eine grosse Informationskampagne starten, damit keiner der Flüchtlinge mehr den Seeweg wählt. Schützt Leben, spart Geld und versaut den Schleussern das Geschäft.
Die "Flüchtlinge" wissen das ziemlich sicher sehr genau, da erst durch die "Seenot-Situation" es dazu kommt EU-Boden zu erreichen. Pervers, ich weiß.
5.
TS_Alien 02.01.2015
Jeder Frachter benötigt einen Kapitän und eine Mannschaft. Diese wird sich ermitteln lassen. Und dann dürften alleine für das Verlassen des Frachters ein paar Jahre Gefängnis drohen. Vor dem Auslaufen solcher Frachter haben die Behörden diverse Pflichten zu erfüllen, z.B. müssen die Ladung und die Papiere überprüft werden. Dabei "entstehende" Unregelmäßigkeiten und Fehler lassen sich auf den Chef der jeweiligen Hafenbehörde zurückführen. Der hat dann einiges zu erklären.
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