Blutbad im syrischen Homs "Das war ein Massaker"

Es war die wohl blutigste Aktion des Assad-Regimes seit Beginn des Aufstands in Syrien. In der Stadt Homs soll die Armee mehr als 400 Menschen getötet haben, weit über 1000 wurden verletzt. Ein oppositioneller Offizier droht mit Vergeltung: "Jetzt ist Schluss mit friedlichen Protesten."

REUTERS

Von , Beirut


Der Protestzug begann völlig friedlich, doch er endete offenbar in einem Blutbad. Augenzeugen berichten, dass in der syrischen Stadt Homs mehr als 400 Menschen gewaltsam zu Tode gekommen sind, weit über 1000 sollen verletzt worden sein. Es war eine der brutalsten Aktionen, die dem Terrorregime des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad zugeschrieben werden.

Was war passiert? Am Freitag gedachten in Homs Tausende der Toten, die 1982 bei einem Massaker ums Leben kamen, das der Vater des jetzigen Präsidenten seinerzeit angeordnet hatte. Bei der Offensive, mit der Hafis al-Assad einen Aufstand militanter Sunniten brutal niederschlug, starben vor 30 Jahren bis zu 20.000 Menschen. Nachdem das Thema in Syrien jahrzehntelang tabu war, wollten die Menschen nun zum ersten Mal der Toten gedenken.

Dafür zahlten die Homser einen enorm hohen Blutzoll, denn auf die Demo folgte eine Attacke der Armee. 337 Menschen wurden dabei nach Zählungen eines Korrespondenten des Senders al-Arabija allein im Stadtteil Chalidija getötet. In anderen Stadtbezirken seien 79 Einwohner zu Tode gekommen. Zudem sollen 1300 Menschen verletzt worden sein. Die Armee habe Chalidija ab Freitagabend über Stunden mit Mörsern, Artillerie und Panzergranaten beschossen, so syrische Aktivisten, die über das Internet von dem Angriff berichten. Dabei seien 36 Häuser eingestürzt, ganze Familien verschüttet worden.

Videoclips zeigen Tote und Sterbende

Auf YouTube luden sie Filmaufnahmen hoch, in dem man den nächtlichen Beschuss hören kann: Es klingt nach Weltuntergang. Andere, in ihrer Brutalität kaum zu ertragenden Clips zeigen Tote und Sterbende in improvisierten Kliniken, die sich in Homs befinden sollen. Ob die Berichte echt sind, ist kaum nachzuvollziehen, da Syrien den Zugang zu den Gebieten der Aufständischen für Journalisten fast unmöglich gemacht hat. Der Korrespondent von al-Arabija, der als einer der wenigen Reporter vor Ort ist, berichtete jedoch übereinstimmend mit den Aktivisten von schwerem nächtlichen Beschuss. Auch das Krankenhaus von Chalidija sei zerstört worden, so der Korrespondent.

Syrische Oppositionelle im Ausland äußersten sich am Samstag entsetzt über die blutigste Nacht seit Beginn des Aufstands gegen das Assad-Regime vor knapp elf Monaten. "Das war ein echtes Massaker", sagte Ramin Abdel Rahman vom Syrischen Observatorium für Menschenrechte in London. Die Arabische Liga müsse umgehend eingreifen, um das Töten in Syrien zu beenden. Seit Beginn der Revolte sind nach Schätzungen der Vereinten Nationen 5600 Zivilisten umgekommen, die Toten von Homs noch nicht eingerechnet. Zigtausende Oppositionelle sitzen im Gefängnis oder sind verschwunden. Damaskus gibt an, 2000 seiner Sicherheitskräfte seien von Aufständischen getötet worden.

Sicher scheint, dass die neue Eskalation nur zu einem weiteren Gewaltausbruch führen wird. Die oppositionelle syrische Muslimbruderschaft verbreitete über Twitter Äußerungen eines desertierten Offiziers, der drohte: "Jetzt ist Schluss mit friedlichen Protesten." Die Antwort auf die Offensive in Homs werde ein Angriff der Deserteure in Damaskus sein. Im Visier stünden dabei besonders Polizei und Armee-Einrichtungen.

Das Regime spricht von einer "aufgeregten Medienkampagne"

Bereits am Samstag erhöhten die Kämpfer der oppositionellen Armee FSA den Druck auf die Regierungstruppen. In den Morgenstunden, nachdem der nächtliche Beschuss abgeflaut war, sollen Anti-Assad-Truppen nach Berichten des Syrian Media Center in Homs ein Gebäude des Geheimdiensts eingenommen und zerstört haben. Auch in der nahe der Grenze zum Libanon gelegenen, von den Rebellen gehaltenen Stadt Sabadani hätten Kämpfer ein Gebäude der Staatssicherheit umzingelt.

Das Regime in Damaskus wies alle Berichte von einem Blutbad in Homs am Samstag weit von sich. Die staatliche Nachrichtenagentur Sana beschwerte sich über "aufgeregte Medienkampagnen gegen Syrien, bei denen verbreitet wird, dass die syrische Armee Zivilisten bombardieren würde". In Wahrheit sei das Leben in den Städten Homs und Hama "normal".

Andere Vertreter des Regimes räumten ein, dass es einen Angriff auf Homs gegeben habe, nannten ihn jedoch eine Maßnahme der Verteidigung. Der Presseattaché der syrischen Botschaft in Kairo, Amman Arsan, sagte der "New York Times", die syrische Armee führe "eine Operation gegen Terrorgruppen in Homs und Hama" durch. Syriens Vertretung in Kairo war am Samstagmorgen von wütenden Anti-Assad-Demonstranten überrannt worden. Auch in Berlin hatten aufgebrachte Regimegegner vorübergehend die dortige Botschaft besetzt.

Das mutmaßliche Massaker von Homs ereignete sich nur Stunden vor der Sondersitzung des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen in New York zum Thema Syrien. Überschattet von dem Blutbad rangen die Mitglieder bis zuletzt um den Wortlaut einer gemeinsamen Resolution - doch vergeblich. Am Samstagabend war klar: Russland legt sein Veto ein, der von den westlichen Ländern eingebrachte Entwurf ist damit blockiert.

mit Material von dpa

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Theriemie 04.02.2012
1. syrischer Botschafter sollte gehen.
Zitat von sysopEs war die wohl blutigste Aktion des Assad-Regimes seit Beginn des Aufstands in Syrien. In der Stadt Homs soll die Armee mehr als 400 Menschen getötet haben, weit über 1000 wurden verletzt. Ein oppositioneller Offizier droht mit Vergeltung: "Jetzt ist Schluss mit friedlichen Protesten." http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,813389,00.html
Wundert mich sehr das es die Botschaft noch gibt und man den Botschafter noch nicht nach hause geschickt hat bei diesen Vorfällen in Syrien. Nur ja es wird ja auch mit deutschen Waffen geschossen das Geschäft kann man sich entgegehen lassen.
martin-gott@gmx.de 04.02.2012
2. Zweifel
Zitat von sysopEs war die wohl blutigste Aktion des Assad-Regimes seit Beginn des Aufstands in Syrien. In der Stadt Homs soll die Armee mehr als 400 Menschen getötet haben, weit über 1000 wurden verletzt. Ein oppositioneller Offizier droht mit Vergeltung: "Jetzt ist Schluss mit friedlichen Protesten." http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,813389,00.html
wer kann denn zu diesen Augenblick beurteilen ob es ein Massaker oder Kriegshandlungen zwischen zwei bewaffneten Gruppen. Oder anders gefragt weshalb sollte die syrische Regierung so etwas kurz vor der Abstimmung im UN Sicherheitsrat machen.
cour-age 04.02.2012
3. Russland
Zitat von sysopEs war die wohl blutigste Aktion des Assad-Regimes seit Beginn des Aufstands in Syrien. In der Stadt Homs soll die Armee mehr als 400 Menschen getötet haben, weit über 1000 wurden verletzt. Ein oppositioneller Offizier droht mit Vergeltung: "Jetzt ist Schluss mit friedlichen Protesten." http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,813389,00.html
Russland macht sich freiwillig zu einem verbrecherischem Regime.
fabian1988 04.02.2012
4.
Zitat von martin-gott@gmx.dewer kann denn zu diesen Augenblick beurteilen ob es ein Massaker oder Kriegshandlungen zwischen zwei bewaffneten Gruppen. Oder anders gefragt weshalb sollte die syrische Regierung so etwas kurz vor der Abstimmung im UN Sicherheitsrat machen.
Weil sie genau wussten, dass Russland seine Drohung im UN Sicherheitsrat durchsetzen würden... und die Welt schaut zu :(
halloerstmal 04.02.2012
5. Leicht gesagt
Zitat von cour-ageRussland macht sich freiwillig zu einem verbrecherischem Regime.
Russland verurteilen ist einfach, aber hilft das den Syrern? Wer hat dort noch Einfluss und kann den Bürgerkrieg verhindern/beenden? Das "lybische Modell" (Nato bombardiert) kommt nicht in Frage, da die Nato bei der Überdehnung des Uno-Auftrages doppelt verbrannte Erde hinterlassen hat.
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