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18. Januar 2013, 12:19 Uhr

Augenzeugenberichte aus Algerien

"Sie wollten die Ungläubigen töten"

Die ersten Zeugen berichten über das Geiseldrama in Algerien. Ein Ire musste Sprengstoff um den Hals tragen, ein Franzose überstand das Martyrium in einem Versteck.

Hamburg - Bisher weiß niemand genau, was sich in den vergangenen 48 Stunden in der algerischen Wüste abgespielt hat. Die Zahl der Toten, der exakte Ablauf des islamistischen Angriffs auf die BP-Anlage und der blutigen Erstürmung durch algerische Spezialeinheiten - alles noch offen. Was durchsickert, sind erste Berichte von Menschen, die die Attacke nahe der libyschen Grenze miterlebt haben. Viele von ihnen stehen unter Schock, haben Schreckliches mit ansehen müssen.

Einer von wenigen Ausländern, denen unversehrt die Flucht aus der Anlage gelang, ist Stephen McFaul, irischer Ingenieur aus Belfast. Kurz nach seiner Flucht telefonierte er mit seiner Familie, sein Bruder schildert das Gespräch: "Er bekam einen Sprengsatz um den Hals gehängt, wurde gefesselt und geknebelt. Als die Entführer fünf Geländewagen mit Geiseln beladen wollten, begann der Angriff der Algerier. Die Geschosse zerstörten die Autos, mein Bruder konnte in dem Chaos entkommen."

Auf spektakuläre Weise überstand der Franzose Alexandre Berceaux den Angriff auf die Anlage: "Ich habe mich fast 40 Stunden lang in meinem Zimmer versteckt", sagte er am Freitag dem Sender Europe 1. "Ich war unter dem Bett, ich habe für den Fall des Falles überall Bretter festgemacht. Ich hatte ein bisschen Essen, ein bisschen was zu trinken, ich wusste nicht, wie lange es dauern würde", sagte der Mann, der sich noch in Algerien aufhält. "Ich denke, es gibt noch Menschen, die sich versteckt haben. Man ist dabei, sie zu zählen", fügte er hinzu. Nach Angaben von Berceaux, der für die französische Cateringfirma CIS arbeitete, wurde während der Geiselnahme "in Abständen viel geschossen. Es gibt tote Terroristen, Ausländer, Einheimische."

Angreifer hatten gute Ortskenntnisse

Ein weiterer Augenzeuge, ein nicht genannter Franzose, machte in der französischen Zeitung "Le Monde" Angaben zum Auftreten der Geiselnehmer. "Die Terroristen waren sehr gut vorbereitet." Die Kidnapper hätten sich auf dem Gelände des Erdgasfeldes bestens ausgekannt und die Produktion umgehend gestoppt, als sie Kontrolle über die Anlage erlangt hatten.

Die Kidnapper verfolgten offenbar von Anfang an das Ziel, möglichst viele Ausländer in ihre Gewalt zu bringen: "Als die Terroristen die Kontrolle über den Wohnkomplex hatten, durchsuchten sie alle Zimmer auf der Suche nach Geiseln, vor allem nach Ausländern." Dem Augenzeugen zufolge stammen die Geiselnehmer aus verschiedenen Ländern, unter anderem aus Ägypten, Tunesien und Algerien. Wie groß die Gruppe der Entführer war, konnte er nicht sagen.

Einen Teil der Geiseln, vor allem die einheimischen Arbeiter auf der Gasanlage, ließen die Entführer schon nach kurzer Zeit frei. Kaum einer von ihnen hat sich jedoch bisher zu Details der Aktion geäußert. Eine Ausnahme ist Abdelkader, 53 Jahre alt und aus In Amenas, rund 25 Kilometer entfernt. Seinen Nachnamen will er aus Vorsicht lieber nicht nennen. "Sie haben uns von Anfang an gesagt, dass sie es nicht auf Muslime abgesehen haben. Es ging ihnen um die Christen und Ungläubigen. Sie schienen das Gelände sehr gut zu kennen und benutzten die Sprache des radikalen Islam." Die Entführer hätten deutlich gemacht, dass sie "die Ungläubigen töten wollten".

"Wir werden gut behandelt"

Details über den Ablauf der Stürmung durch das algerische Militär sind rar. Offenbar befanden sich die algerischen Geiseln zu diesem Zeitpunkt in einem Gebäudekomplex, in dem unter anderem ein Internetcafé und ein Restaurant untergebracht sind. Beim Angriff des Militärs sei Panik entstanden, sagte ein Augenzeuge der Zeitung "Le Monde". Einige Geiseln hätten die verriegelten Notausgänge aufgebrochen. "Die Terroristen waren gerade im Restaurant und konnten die Menschen nicht an der Flucht hindern."

Schon in einer frühen Phase der Stürmung des Geländes am Donnerstag gelang es dem arabischen Sender al-Dschasira, per Telefon Kontakt zu einer Geisel herzustellen. Nach Angaben der Entführer handelte es sich bei dem Mann um einen Briten. Seine Aussage ist offenbar unter Aufsicht und Gewaltandrohung der Geiselnehmer entstanden: "Wir werden gut behandelt und versorgt. Die algerische Armee hat ihren Beschuss nicht eingestellt. Wir möchten einen Appell senden, dass Verhandlungen ein Zeichen von Stärke sind und viele Leben retten können."

jok/hen/mit Material von AFP

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