Blutbad von Beslan Bergungskräfte rechnen mit 500 Toten

Einen Tag nach dem Ende des blutigen Geiseldramas im südrussischen Beslan wird das ganze Ausmaß der Tragödie erkennbar. Bis zum Nachmittag wurden 322 Leichen geborgen, die Bergungsmannschaften rechnen jedoch inzwischen mit rund 500 Todesopfern. 260 Geiseln werden vermisst.


Rettungskräfte in der Turnhalle in Beslan: Noch viele Tote unter den Trümmern vermutet
AP

Rettungskräfte in der Turnhalle in Beslan: Noch viele Tote unter den Trümmern vermutet

Beslan - Dutzende von verzweifelten Eltern warteten am Samstag noch immer auf Informationen über das Schicksal ihrer vermissten Kinder. Unter den bis Samstagnachmittag geborgenen 322 Opfern waren die Leichen von 155 Kindern. Doch die Rettungskräfte rechnen damit, dass auch vielen der Wartenden die schreckliche Wahrheit noch bevorsteht. Ein Milizionär erklärte gegenüber der ARD, man vermute, die dass die Zahl der Toten noch auf rund 500 ansteigen könnte.

Insgesamt wurden 704 Menschen verletzt, darunter mehr als 200 Kinder. In den Krankenhäusern von Nordossetien wurden am Samstagmittag noch 434 verletzte Geiseln behandelt. Einige verletzte Kinder wurden auch nach Moskau ausgeflogen. Ärzte kämpften weiter um das Leben von fast 100 schwer verletzten Kindern. "Wir operieren rund um die Uhr", sagte Kasbek Gussow, Arzt im Unfallkrankenhaus von Wladikawkas, der nordossetischen Hauptstadt.

Knapp 24 Stunden nach dem Sturm auf die Schule, in er sich Terroristen zwei Tage lang mit etwa 1200 Kindern, Eltern und Lehrern verschanzt hielten, erklärten die Behörden den Einsatz am Samstagmittag für beendet. "Die Operation war erfolgreich", sagte Valeri Andrejew, Leiter des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB in der Teilrepublik Nord- Ossetien. Vize-Generalstaatsanwalt Sergej Fridinski erklärte, dass alle 26 Geiselnehmer - russische und ausländische Staatsbürger - getötet worden seien.

Die Bergungsarbeiten mussten immer wieder zur Beseitigung von Trümmern und zur Suche nach Sprengsätzen unterbrochen werden. Viele Geiseln waren nach inoffizieller Darstellung durch die Explosionen im Schulgebäude sowie den Einsturz eines Teils des Daches getötet worden.

Eine Augenzeugin berichtete, dass die Terroristen unmittelbar nach der ersten Explosion in der Turnhalle wahllos aus automatischen Waffen auf die am Boden liegenden, zusammengepferchten Geiseln geschossen hätten. "Sie haben gnadenlos auf die Menschen geschossen", erzählte die 34-jährige Alla Gadsijewa. Nach ihrer Schätzung waren zu diesem Zeitpunkt fast 1000 Geiseln in der Halle. "Und auch als sich die Terroristen in Richtung Kellertreppe zurückzogen, schossen sie weiter auf die Liegenden." Schon am Vorabend hatten Sanitäter gesagt, dass ungewöhnlich viele Opfer Schusswunden im Rücken hatten.

Präsident Putin kam am frühen Samstagmorgen zu einem Kurzbesuch in die Kaukasus-Stadt und sprach in einem Krankenhaus mit Opfern. Der Kremlchef ordnete die Abriegelung der betroffenen Teilrepublik Nordossetien an. Die Geiselnehmer hätten beabsichtigt, den Hass zwischen den Völkern in der Region zu schüren und das Pulverfass Nordkaukasus in die Luft zu jagen.

In einer Fernsehansprache kündigte er später eine Neuordnung der Streitkräfte im Nordkaukasus an. Die Sicherheitskräfte in der Region würden umgruppiert, um die Koordinierung von Armee, Polizei und Inlandsgeheimdienst zu verbessern. Allein in der Teilrepublik Tschetschenien, die nicht größer als das Bundesland Schleswig- Holstein ist, stehen schätzungsweise 70.000 russische Soldaten.

Im Gedenken an die vielen Toten des Geiseldramas von Beslan ordnete Putin eine zweitägige Staatstrauer an. Am Montag und Dienstag solle im ganzen Land der Opfer der Tragödie im Nordkaukasus gedacht werden, sagte Putin am Samstag in der landesweit übertragenen Fernsehansprache.

Nach Angaben des Krisenstabes war die Erstürmung der Schule am Freitagmittag notwendig geworden, nachdem die Terroristen auf fliehende Geiseln geschossen hätten. Zuvor waren im Gebäude Sprengsätze detoniert. Am Mittwochmorgen hatten mehrere Dutzend schwer bewaffnete Terroristen die Schule überfallen und Kinder, Lehrer und Eltern in ihre Gewalt gebracht.

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