Blutgeld in Iran: 100 Kamele für einen Mann, 50 für eine Frau

Von Dieter Bednarz

Es geht um Kamele - und um Macht: Das iranische Regime hat das Blutgeld für Opfer von Verkehrsunfällen erhöht. Eigentlich eine Lappalie, doch im Volk brodelt es. Viele Menschen wissen nicht mehr, wie sie überhaupt noch über die Runden kommen sollen.

Iran: Machtkampf mit Kamelen Fotos
Corbis

Hamburg - Hat dieser Mann nicht genug Probleme? Gerade hat die Internationale Atomenergiebehörde erklärt, dass Iran wohl "bis vor kurzem" nukleare Aktivitäten mit militärischen Dimensionen verfolgt habe. Auf das Land kommt die fünfte Sanktionsrunde im Uno-Sicherheitsrat zu. Ein Militärschlag der Israelis auf die Atomfabriken rückt näher.

Muss sich in dieser angespannten Lage ein Präsident auch noch um den angemessenen Preis für Kamele kümmern?

Ja, Mahmud Ahmadinedschad muss. Die offizielle Verdopplung der Kamelpreise ist in Iran keine Lappalie, sondern eine hochpolitische Angelegenheit, die Parlament und Regierung beschäftigt und zu der sich schon bald der sonst über allen und allem schwebende Revolutionsführer Ajatollah Ali Chamenei äußern soll.

Es geht um viel Geld, denn der Kamelpreis ist die Berechnungsgrundlage für das sogenannte Blutgeld, mit dem die Opfer des wahrlich lebensgefährlichen Verkehrs auf Irans Straßen oder deren Angehörige entschädigt werden. Es geht um schätzungsweise eine Viertelmillion Verkehrsteilnehmer, die jährlich im Straßenverkehr verletzt werden, um etwa 25.000 Verkehrstote - das sind rund drei in einer Stunde.

Ähnlich wie die westliche Rechtsprechung kennt auch das islamische Recht, die Scharia, bei Verletzung oder gar Tötung eines Menschen eine Art Schmerzensgeld oder Entschädigung, genannt "Dija", Blutgeld. Wie gezahlt wird, hat die Justiz der Islamischen Republik in zahlreichen Paragrafen geregelt. Allein die Ausführungen zur Wiedergutmachung von Inkontinenz als Unfallfolge umfassen mehr als eine Seite.

"Kisas" erlaubt dem Opfer die Vergeltung

Unabhängig von der strafrechtlichen Verfolgung der Tat bietet die Scharia dem Opfer einer vorsätzlichen Gewalttat oder dessen Angehörigen zudem die Möglichkeit zur "Kisas", der Vergeltung - getreu dem Motto "Auge um Auge, Zahn um Zahn". Dieses Recht, das auch in Iran umstritten ist, geriet vor wenigen Wochen durch den Fall der Iranerin Amene Bahrami, 30, in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit.

Der einst bildhübschen Studentin hatte 2004 ein verstoßener Verehrer mit einem Säureattentat das Augenlicht genommen und das Gesicht entstellt. Die Straftat wurde mit zwölf Jahren geahndet. Zudem sprach das Gericht Bahrami das Recht zu, persönlich Kisas zu üben. Um den Termin für die Blendung kämpft die junge Frau bis heute. Weil Teheran fürchtet, als barbarisches Regime am Pranger zu stehen, wurde die für Mitte Mai in einem Gefängniskrankenhaus anberaumte Blendung - fünf Säuretropfen ins linke Auge, fünf Tropfen ins rechte Auge - kurz vor der Vollstreckung verschoben. Auf die vom Gericht angebotene Dija-Regelung, vom Täter und dessen Familie 130.000 Euro anzunehmen und dafür von der Blendung abzusehen, will Bahrami nicht eingehen. "Was mir angetan wurde, ist durch Geld nicht aufzuwiegen", versuchte sie im Interview mit dem SPIEGEL ihre Rache zu rechtfertigen.

Dija wie auch Kisas gehen zurück in die vorislamische Zeit. Ähnliche Rechtstraditionen finden sich im Judentum wie auch bei den alten Römern und Germanen. Verbindlich für die Muslime sind beide Rechtswege durch ihre Erwähnung im Koran. In der zweiten Sure schon offenbart Gott dem Propheten Mohammed die Details der Vergeltung und der Blutgeldzahlung, schreibt aber keine Preise fest.

Ursprünglich soll der Wert eines Menschen zehn Kamele betragen haben. Doch weil Mohammed wohl fand, dass ein wahrer Gläubiger das Zehnfache wert sei, werden für einen getöteten muslimischen Mann seither 100 Kamele angesetzt, für eine Frau die Hälfte. Je nach islamischer Rechtsschule werden Andersgläubige mal mit einem Muslim gleichgesetzt, mal wird ihnen nur der halbe Wert zugeschrieben. Statt mit den Höckertieren kann der Tod eines Muslimen auch mit 200 Kühen, 200 Seidengewändern, 1000 Goldmünzen oder 10.000 Silberlingen verrechnet werden.

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insgesamt 40 Beiträge
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1. Bald
südd. 14.06.2011
Zitat von sysopEs geht um Kamele - und um Macht: Das iranische Regime hat das Blutgeld für Opfer von Verkehrsunfällen erhöht. Eigentlich eine Lappalie, doch im Volk brodelt es. Viele Menschen wissen nicht mehr, wie sie über die Runden kommen sollen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,767804,00.html
Warum bringt der Spiegel diese Nachricht. Ich kann nur vermuten er will uns aufklären damit wir wissen wie die Gesetze bei uns in ein paar Jahren aussehen Die Iraner tun mir leid unter vorsintflutlichen Gesetzen leben zu müssen
2. Machtgeilheit
ralphofffm 14.06.2011
Wie immer wenn ein Staat, ein Volk in den Fängen einer machtgeilen "Elite" ist, treiben die Handlungen eben jener besondere Blüten. Es ist eben schwer die Legitimation aufrechtzuerhalten wenn die nur aus heisser Luft besteht. Ich warte hier aufs Purgatorium. Das wird aber für die Menschen im Iran sehr bitter werden.
3. Was wollt ihr ?
freiheitgleichheit 14.06.2011
Das kann man nicht kommentieren. Es ist tragisch, daß so viele Menschen in der Welt unverschuldet im Elend leben müssen. Aber ohne Not Menschen zu zwingen, in mittelalterlicher Vergangenheit zu leben, das ist eine Kategorie, die sonst nicht vorkommt und die auch keinen Anspruch verdient, eine exotische Rarität zu sein.
4. Kamele
steinaug 14.06.2011
Wir müssen dringend Kamele impoetieren, sonst ist die kulturelle Breicherung nur unvollständig.
5. Dieselpreis
muffti 14.06.2011
nicht nur das benzin sondern auch der diesel ist im iran nun teurer geworden, von bisher ca. 0,02 € auf 0,20 €
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Fläche: 1.648.195 km²

Bevölkerung: 74,962 Mio.

Hauptstadt: Teheran

Staatsoberhaupt und Religionsführer:
Ajatollah Ali Chamenei

Staats- und Regierungschef:
Hassan Rohani

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Republik Iran
Land
Die Islamische Republik Iran ist mit einer Fläche von rund 1,7 Millionen Quadratkilometern fünfmal so groß wie Deutschland. Das Land besitzt nach Russland die zweitgrößten Erdgasreserven der Welt, beim Erdöl steht Iran auf Platz drei und ist derzeit nach Saudi-Arabien der größte Produzent innerhalb der Opec.
Politik
Seit der Islamischen Revolution von 1979 haben der Revolutionsführer, aktuell Ajatollah Ali Chamenei (Bild), und der Wächterrat die größte Macht im Staat. Der Wächterrat kontrolliert die Kandidaten für Wahlen. Der Regierungschef ist der gewählte Präsident - seit August 2013 Hassan Rohani.
Leute
Iran hat rund 75 Millionen Einwohner. Auf dem Uno-Index menschlicher Entwicklung (HDI) für 179 Staaten belegt Iran Platz 76 (Deutschland ist auf Platz 5). Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 73 Jahren (zum Vergleich: Die Lebenserwartung in Deutschland liegt bei 80 Jahren).
Wirtschaft
Die Wirtschaftsleistung pro Kopf betrug 2008 laut einer Schätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) rund 5200 Dollar. Begünstigt vom hohen Ölpreis wuchs die Wirtschaft zuletzt um etwa sechs Prozent. Neben der Arbeitslosenquote, die laut inoffiziellen Schätzungen bei etwa 30 Prozent liegt, ist die Inflation eines der größten wirtschaftlichen Probleme. 2008 soll sie bei fast 30 Prozent gelegen haben, für 2009 rechnet der IWF mit 25 Prozent. Im Jahr 2005 machten Teherans Ausgaben für das Militär laut Uno-Statistiken 5,8 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung aus (Deutschland: 1,4 Prozent).
Menschenrechte
Nach China ist Iran das Land, in dem die meisten Todesurteile vollstreckt werden. Laut Amnesty International wurden 2009 mindestens 388 Menschen hingerichtet, das waren 42 Hinrichtungen mehr als im Vorjahr. Der Uno zufolge saßen 2007 pro 100.000 Einwohner 214 Menschen im Gefängnis (in Deutschland sind es 95). Korruption ist in Iran weit verbreitet. Auf dem weltweiten Index von Transparency International nimmt Iran 2009 bei 180 beobachteten Staaten den 168. Rang ein (Deutschland: 14).

Irans Atomprogramm
Streit
Iran unterzeichnete 1968 den Sperrvertrag für Atomwaffen . Dieser erlaubt die zivile Nutzung von Nuklearenergie und die dafür notwendige Forschung einschließlich der Urananreicherung .

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) mit Sitz in Wien kontrolliert die Einhaltung des Atomwaffensperrvertrags; sie erstellt regelmäßig Berichte über das iranische Atomprogramm .

Der Uno-Sicherheitsrat hat in seiner Resolution 1696 vom 31. Juli 2006 Iran erstmals aufgefordert, die Anreicherung von Uran einzustellen; Teheran weigert sich unter Berufung auf den Atomwaffensperrvertrag.

Als Vermittler tritt seit einigen Jahren auch die "EU-Troika" auf, bestehend aus Frankreich, Großbritannien und Deutschland.

Anlagen
Arak : geplanter Schwerwasserreaktor
Buschehr : Atomkraftwerk, im Mai 2011 nach mehrfachen Terminverschiebungen in Betrieb genommen - zunächst zu Testzwecken. Im September 2011 ging der Reaktor in Regelbetrieb, allerdings noch nicht auf voller Leistung
Isfahan : Forschungsreaktor
Jasd: Uranminen
Natans : Anlage zur Urananreicherung, angeblich mit 6000 Zentrifugen in Betrieb. Im Herbst 2009 gab Iran bekannt, nahe der Stadt Ghom eine zweite Anlage zur Urananreicherung zu besitzen.
Teheran : Forschungsreaktor
Geschichte
1974: Unter Beteiligung von Siemens beginnt bei Buschehr der Bau eines Kernkraftwerks.
1979: Nach der Revolution und der Ausrufung der Islamischen Republik wird das Atomprogramm nicht weiter betrieben.
1980-1988: Im Irak-Iran-Krieg wird der Atomreaktor in Buschehr mehrfach bombardiert und dabei schwer beschädigt.
Neunziger Jahre: Deals auf dem Schwarzmarkt mit Abdul Qadir Khan , Pakistans "Vater der Atombombe"
1995: Abkommen mit Russland zum Wiederaufbau des Atomreaktors von Buschehr
2002: Iranische Oppositionelle im Exil berichten über ein geheimes Atomprogramm.
2003: Iran unterzeichnet das Zusatzprotokoll zum Atomwaffensperrvertrag (bislang aber nicht vom Parlament ratifiziert).
2006: Der Uno-Sicherheitsrat verlangt in seiner Resolution 1696 erstmals den Stopp der Urananreicherung .
Juli 2008: Iran droht bei einem Angriff auf seine Atomanlagen mit militärischen Gegenschlägen. Das Regime testet Schahab-3-Raketen, die auch Ziele in Israel erreichen könnten.
November 2008: Iran hat nach eigenen Angaben die Zahl seiner für die Urananreicherung benötigten Zentrifugen auf 5000 erhöht.
Juni 2009: Iran hat laut Internationaler Atomenergiebehörde IAEA weitere tausend Gaszentrifugen im Atomzentrum Natans in Betrieb genommen und bisher knapp 1,4 Tonnen niedrig angereichertes Uran produziert.
Mai 2010: Nach Verhandlungen mit dem brasilianischen Präsidenten Lula und dem türkischen Regierungschef Erdogan erklärt sich Iran bereit, schwach angereichertes Uran im Ausland zu tauschen. Wenig später kündigt Teheran an, an der umstrittenen Urananreicherung auf 20 Prozent festhalten zu wollen.
Juni 2010: Der Uno-Sicherheitsrat, die EU und die USA beschließen neue Sanktionen gegen Teheran. US-Präsident Obama spricht von den bisher härtesten Sanktionen überhaupt - doch Beobachter bleiben skeptisch, ob die Strafmaßnahmen Erfolg bringen.
Sanktionen
Uno-Sanktionen: Verbot von Waffen- und Nuklearhandel, Einfrieren von Konten, Reisebeschränkungen, verhängt in Resolution 1737 (23.12.2006), Resolution 1747 (24.03.2007), Resolution 1803 (03.03.2008)

Sanktionen der USA: Vollständiger Handels- und Investitionsboykott, beruhend auf Executive Order 12959 von 1995, neue Sanktionen im Juni 2010

Sanktionen der EU: Einschränkungen für Handel und Investitionen, Einfrieren von Vermögen, Reisebeschränkungen, beruhend auf Verordnung (EG) Nr. 423/2007 des Rates (19.04.2007)

Nahost
Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad erklärt, das israelische "Besatzungsregime" müsse "aus den Annalen der Geschichte verschwinden".
Israelische Politiker, darunter auch Kabinettsmitglieder, sprechen sich für präventive Militärschläge gegen Iran aus.
Personen
Said Dschalili , Atomunterhändler seit Oktober 2007
Yukiya Amano , Generaldirektor der IAEA
Der Verhandlungspoker um die Urananreicherung
Oktober 2009: Vertreter Irans, Deutschlands und der fünf Vetomächte im Sicherheitsrat kommen zu Atom-Gesprächen in Genf zusammen.
November 2009: Die IAEA kritisiert in einer Resolution die jahrelang geheim gehaltene iranische Urananreicherungsanlage bei Ghom. Teheran reagiert mit der Ankündigung, zehn neue Uran-Anlagen zu bauen.
Dezember 2009: Iran testet die Mittelstreckenrakete Sedschil 2. Diese habe größere Zielgenauigkeit als das Vorgängermodell Schahab 3.
2. Februar 2010: Ahmadinedschad zeigt sich bereit, auf einen Vorschlag der IAEA einzugehen, der eine Anreicherung iranischen Urans auf 20 Prozent im Ausland vorsieht. Wenige Tage später rudert er wieder zurück.
7. Februar 2010: Iran verkündet, man habe niedrig angereichertes Uran von 3,5 auf 20 Prozent gebracht und sei in der Lage, es auf 80 Prozent anzureichern. Damit könnten Atomwaffen hergestellt werden.
11. Februar 2010: US-Präsident Barack Obama kündigt als Reaktion umfangreiche neue Sanktionen gegen Iran an.
1. April 2010: Nach langem Widerstand gegen neue Sanktionen ist China bereit, sich an den Verhandlungen über den Text einer verschärften Uno-Resolution zu beteiligen.
25. April 2010: Zur Abwehr neuer Sanktionen besucht Irans Außenminister Manutschehr Mottaki Österreich. Gespräche mit dem Chef der IAEA, Yukija Amano, und Österreichs Außenminister Michael Spindelegger bringen jedoch keinen Durchbruch.
17. Mai 2010: Nach Verhandlungen mit Brasilien und der Türkei lenkt Iran ein und will Uran im Ausland anreichern lassen. Doch die internationale Gemeinschaft reagiert skeptisch auf die Ankündigung.
9. Juni 2010: Der Uno-Sicherheitsrat beschließt schärfere Sanktionen gegen Iran. Sie beinhalten weitere Hürden für die iranische Finanzbranche und eine Ausweitung des Waffenembargos. Auch die USA und die EU setzen schärfere Maßnahmen gegen Iran in Kraft.
Januar 2011: Die Atomgespräche zwischen Iran und den westlichen Mächten in Istanbul scheitern. Teheran hatte weiterhin "ein Recht auf Urananreicherung" gefordert.