Blutige Proteste Zehntausende Kenianer flüchten vor Gewaltexzessen

Inferno in einem Gotteshaus, Gewalt in den Slums, Willkür auf den Straßen: In Kenia zeichnet sich nach der umstrittenen Präsidentenwahl eine humanitäre Katastrophe ab. 70.000 Menschen sind auf der Flucht, Lebensmittel und Benzin gehen zur Neige.


Nairobi - Die blutigen Proteste gegen das Wahlergebnis in Kenia haben nach Angaben des Roten Kreuzes bereits zehntausende Menschen in die Flucht getrieben. Im Westen des Landes zählte die Organisation rund 70.000 Flüchtlinge, wie der Generalsekretär des kenianischen Roten Kreuzes, Abbas Gullet, heute sagte.

Familie auf der Flucht (in Nairobi): Zehntausende drängen ins Nachbarland
AFP

Familie auf der Flucht (in Nairobi): Zehntausende drängen ins Nachbarland

In der Stadt Eldoret verbrannten in einer Kirche mindestens 30 Menschen bei lebendigem Leib, die in dem Gotteshaus Zuflucht gesucht hatten. Unter den Opfern sind viele Frauen und Kinder. Sie waren den Angaben zufolge auf der Flucht vor einem gewalttätigen Mob, der das Gotteshaus dann in Brand steckte. Der britische Sender BBC berichtete heute unter Berufung auf Polizei und Augenzeugen von mindestens 30 Toten, darunter 25 Kinder. Die kenianische Zeitung "Daily Nation" schrieb sogar von bis zu 40 Menschen, die in den Flammen gestorben seien.

Der Vorfall ereignete sich im Ort Eldoret im Westen des ostafrikanischen Landes, wo Oppositionskandidat Raila Odinga besonders viele Anhänger hat. Der 76 Jahre alte Amtsinhaber Mwai Kibaki war am Sonntagabend zum Sieger erklärt worden. Odinga akzeptiert das Wahlergebnis nicht und spricht von Manipulation. Er rief für Donnerstag zu Massendemonstrationen im ganzen Land auf. Den Wahlsieg Kibakis bezeichnete er als "zivilen Putsch". Nur gestützt auf das Militär könne dieser regieren.

Der Pastor in Eldoret, Boaz Mutekwa, sagte der BBC, insgesamt rund 400 Menschen hätten sich in das Gotteshaus geflüchtet. Die meisten Opfer gehörten wie der wiedergewählte Präsident Kibaki der Volksgruppe der Kikuyu an, sagte er.

Vor der Gewalt in den Slums in der Hauptstadt Nairobi und im Westen des Landes flohen Tausende Menschen. Nach Angaben eines Polizeisprechers kamen mindestens 145 Menschen bei Gewaltausbrüchen seit der Wahl ums Leben. Kenianischen Medienberichten zufolge sind es gar rund 200 Todesopfer.

Brennende Farmen und Straßensperren

Die Lage spitzt sich immer weiter zu. Nach Angaben des Roten Kreuzes zeigten Luftaufnahmen in Westkenia hunderte brennende Häuser, angezündete Farmen und alle zehn Kilometer Straßensperren. Gullet sprach von einer "nationalen Katastrophe". Nach Angaben von Behördenvertretern in Uganda setzte bereits eine Fluchtbewegung ins Nachbarland ein. Hunderte Angehörige des Volkes der Kikuyu, dem der wiedergewählte Präsident Mwai Kibaki angehört, hätten bereits die Grenze nach Uganda überquert.

Ein ranghoher Vertreter der Polizei sprach angesichts der Gewalt im Rift-Tal, wo auch Eldoret liegt, von "ethnischer Säuberung". "Eine Volksgruppe geht gegen eine andere vor, das kann als ethnische Säuberung bezeichnet werden", sagte er. Einem Kommandeur zufolge erhielt die Polizei in Eldoret Schießbefehl gegen Aufständische. Neben Eldoret ist die südlich davon gelegene Stadt Kisumu ein Brennpunkt der Unruhen. In der Neujahrsnacht wurden dort nach Angaben der Polizei und einer Leichenhalle mindestens 66 Todesopfer gefunden. Die Gewalt in Kenia war nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses und Kibakis hastiger Vereidigung am Sonntag eskaliert.

Kibaki zeigte sich in seiner Neujahrsansprache zur "Härte" entschlossen. Zugleich erklärte er seine Bereitschaft zu Gesprächen. Die Parteien sollten sich treffen und zu Ruhe aufrufen, forderte er. Odinga sagte der BBC, seine Partei sei bereit zu Gesprächen mit Kibaki, wenn dieser seine Wahlniederlage anerkenne.

Wahl verstieß gegen Standards

Die EU-Wahlbeobachter erklärten, bei dem Urnengang sei gegen wichtige Standards verstoßen worden, und forderten eine unabhängige Untersuchung. Gestern hatten sich mehrere Vertreter der kenianischen Wahlkommission für eine unabhängige Überprüfung der Stimmauszählung ausgesprochen.

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon rief die Kenianer zur Ruhe auf. Die US-Regierung, die Kibaki zunächst zum Wahlsieg gratuliert hatte, zog die Glückwünsche zurück. Der Präsident der AU-Kommission, Alpha Oumar Konaré, rief die Menschen in Kenia zur Zurückhaltung auf und die Parteien zum Dialog. Die slowenische EU-Ratspräsidentschaft verurteilte die Gewalttaten und forderte die politischen Verantwortlichen auf, die "angemessenen juristischen Maßnahmen" zu treffen, "um eine glaubhafte und transparente Lösung zu finden".

Großbritannien bemühte sich als frühere Kolonialmacht verstärkt um Vermittlung und versprach, alle diplomatischen Hebel in Gang zu setzen. Nach Angaben eines Regierungssprechers in London vereinbarte Premierminister Gordon Brown mit dem Vorsitzenden der Afrikanischen Union (AU), dem ghanaischen Präsidenten John Kufuor, dass sich Commonwealth und AU dringend um Versöhnung in dem ostafrikanischen Land bemühen müssten. Brown sprach nach eigenen Angaben auch mit Kibaki und Odinga und forderte beide zum Dialog auf.

ffr/AFP/dpa

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