Blutige Unruhen in Thailand Bangkok droht der Bürgerkrieg

Das Militär schießt auf unbewaffnete Zivilisten. Nicht einmal Sanitäter sind sicher. Kriegsartige Zustände in Bangkok: Bei Zusammenstößen zwischen der thailändischen Armee und den oppositionellen Rothemden sind mindestens 22 Menschen getötet worden - und die Lage spitzt sich zu.

Aus Bangkok berichtet Thilo Thielke

Thilo Thielke

In ihrem Hauptquartier im sechsten Stock haben Anhänger des geschassten thailändischen Ex-Premiers Thaksin Shinawatra ein Krisenzentrum eingerichtet. Parlamentarier haben sich in dem Bürogebäude versammelt. An den Wänden hängen Karten Bangkoks, auf denen die Positionen der Demonstranten sowie der Regierungstruppen markiert sind - ein Versuch, einen Überblick über die chaotische Lage zu gewinnen. "Das ist ein Bürgerkrieg", sagt Plodprasop Suraswadi, stellvertretender Parteiführer der Thaksin-Nachfolgepartei Puea Thai. "Wir haben schon über 40 Tote."

Plodprasop zeigt Fotos von sechs Leichen, nach seinen Angaben allesamt Mitglieder der sogenannten Rothemden, der außerparlamentarischen Opposition, welche die Absetzung des ehemaligen Premiers Thaksin Shinawatra nicht anerkennt. "Wir bitten um Gnade für die Menschen", sagte Plodrasop. "Es kann nicht sein, das Zivilisten einfach erschossen werden."

Es sind blutige Stunden in Bangkok. Die Lage in der Stadt spitzt sich zu. Die thailändischen Streitkräfte haben ein Gebiet im Zentrum zur Sperrzone erklärt, in der ab sofort scharf geschossen werden darf. Ein Armeesprecher sagte, man ziehe weitere Truppen in der Hauptstadt zusammen. Damit will die Regierung die Demonstranten in die Knie zwingen, die seit Monaten das Geschäftsviertel besetzt halten - 10.000 bis 20.000 Rothemden sollen dort kampieren, auch viele Frauen und Kinder.

Immer wieder war in der Innenstadt Gewehrfeuer zu hören. In der Nacht auf Samstag hatten Mitglieder der Rothemden neue Kontrollposten an der Kreuzung der Rachaparop-Straße und dem Sam-Liem-Din-Daeng-Platz errichtet, ein Armeelaster ging in Flammen auf - daraufhin gingen die Streitkräfte massiv gegen die Demonstranten vor.

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Bangkok: Schüsse, Tränengas, brennende Barrikaden

Dabei schießt die Armee auch auf unbewaffnete Zivilisten. Mehrere Menschen kauerten am Samstagvormittag im Sperrgebiet hinter einer Barrikade - nur einer von ihnen war bewaffnet, mit einer Schleuder. Immer wieder wurden die Deckungen, hinter denen die Menschen kauerten, von der Armee unter Feuer genommen, mehrere Menschen wurden teils schwer verletzt.

Nicht einmal Sanitäter sind ihres Lebens sicher. Am Samstagmorgen wurde ein Ambulanzhelfer erschossen, der Verwundete versorgen wollte. Es ist kaum noch möglich, in das umkämpfte Gebiet zu gelangen oder es zu verlassen. "Es ist eine Schande; die Leichen liegen auf der Straße herum und dürfen von unseren Leuten nicht weggebracht werden", sagt Plodrasop.

Regierung lehnt weitere Verhandlungen ab

Die jüngsten Straßenschlachten zwischen Oppositionsanhängern und Sicherheitskräften haben nach Regierungsangaben bislang 22 Menschen das Leben gekostet, etwa 160 weitere wurden seit Donnerstag verletzt. Die Gesamtzahl der Toten seit Beginn der Proteste in im März stieg damit auf 43.

Die thailändische Regierung machte am Wochenende klar, dass es keinen weiteren Dialog mit den Rothemden geben soll. Weil Verhandlungen über einen Abzug der Protestler aus der Innenstadt geplatzt sind, will Premier Abhisit Vejjajiva die Demonstranten durch einen Militärkordon nun offenbar aushungern. Er sagte am Samstag, die Regierung versuche, "die Normalität mit minimalen Verlusten" wiederherzustellen.

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon dagegen rief am Freitag beide Seiten auf, weiteres Blutvergießen zu vermeiden. Demonstranten und Sicherheitskräfte müssten "alles in ihrer Macht stehende tun, um weitere Gewalt und den Verlust weiterer Menschenleben" abzuwenden. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) zeigt sich "sehr beunruhigt". Die US-Botschaft in Bangkok bot den Angehörigen ihrer Mitarbeiter am Samstag an, sie aus der Stadt zu bringen.

Die Thaksin-Nachfolgepartei Puea Thai hat nach eigenen Angaben versucht, eine Delegation hochrangiger Vertreter zu Premierminister Abhisit zu entsenden. Sie sei jedoch abgewiesen worden. "Wenn das Parlament in der kommenden Woche wieder zusammentritt, werden wir deshalb nicht mehr mit der Regierung sprechen", sagte Vizechef Plodprasop. Er befürchtet, die bisher größtenteils auf Bangkok beschränkten Proteste könnten sich ausweiten: "Es kann überall im Land losgehen."

mit Material von Reuters, dpa



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 91 Beiträge
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Seite 1
mavoe 15.05.2010
1. Sawadee
Zitat von sysopDas Militär schießt auf unbewaffnete Zivilisten. Nicht einmal Sanitäter sind sicher. Kriegsartige Zustände in Bangkok: Bei Zusammenstößen zwischen der thailändischen Armee und den oppositionellen Rothemden sind mindestens 22 Menschen getötet worden - und die Lage spitzt sich zu. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,694972,00.html
Ohjeh. Hat das nicht auch prinzipiell mit dem voraussichtlich baldigen Ende der Chakri-Dynastie zu tun? Es ist schon erschreckend zu sehen, dass "Stabilität" was mit einem einzigen Mann zu tun haben kann. Und der ist jetzt alt und gebrechlich. Und seine gescheite Tochter darf nicht. (Habe die mal kennenlernen dürfen). Traurige Grüße aus Berlin ;(
mardas 15.05.2010
2.
Es kann nicht angehen, dass eine angeblich demokratische Regierung auf Demonstranten schießen lässt, die Demonstranten müssen dementsprechend ja anscheinend auch wirklich einen Grund gehabt haben... Ein Bürgerkrieg scheint unvermeidlich.
Fritz Katzfuß 15.05.2010
3. Da sieht man`s!
Dafür haben die Thais nun jahrelang brav ihre Steuern bezahlt.
TommIT, 15.05.2010
4. Überall die selben Bilder
Regierungen denen vor Schleudern der a... auf Grundeis geht. Hängen an der eigenen Macht mit Waffengewalt und nennen sowas dann grossspurig Demokratie. Aber Alles hat ein Ende .... Alles
khid 15.05.2010
5. Wann?
Zitat von sysopDas Militär schießt auf unbewaffnete Zivilisten. Nicht einmal Sanitäter sind sicher. Kriegsartige Zustände in Bangkok: Bei Zusammenstößen zwischen der thailändischen Armee und den oppositionellen Rothemden sind mindestens 22 Menschen getötet worden - und die Lage spitzt sich zu. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,694972,00.html
Vor 15 Jahren war ich das erste Mal in Thailand. Zu dieser Zeit war es erstmals seit langem ruhig und friedlich - die Demokratie im Erblühen. Auf dem Papier besteht sie seit 1932. Immer wieder haben machthungrige Generäle seither nach der absoluten Macht in Thailand gegriffen. Nun auch jetzt! Die New York Times stellte in Ihrem Bericht vom Donnerstag NY-Times (http://www.nytimes.com/2010/05/14/world/asia/14thai.html),klar: Seh Daeng alias Generalmajor Sawasdipol (der (im übrigen schon 2006!)"übergelaufene, prominente General), hat paramilitärische Kräfte über Jahre mit Waffen versorgt und setzt diese für seine und Shinawatras Zwecke in diesem aktuellen Konflikt ein. Die Dummen sind die "normalen" Thais aber auch wohl die Mehrheit der "Rothemden", die die Hintergründe nicht erkennen (können/wollen). Vor welchen Zug will sich die "westliche" Presse nun spannen? Waren es tatsächlich "unbewaffnete Zivilisten"? Wurde aus deren Richtung zuvor nicht vielleicht scharf geschossen? Es sind nicht nur "Schleudern" und "spitze Bambusstangen" auf Seiten der Roten im Einsatz! In anderen Zeitungen (Welt, Zeit, SZ, etc.) ist sehr wohl davon die Rede, dass ausländische Reporter selbst gesehen und gehört hatten, wie Granaten von der Seite der Rothemden auf Soldaten abgefeuert worden sind! Es ist keine Frage: Der Konflikt "spaltet das Land" - aber: WEN spaltet er von WEM ab? Rot gegen Gelb? Arm gegen Reich? Eliten gegen "Landvolk"? Nun, Thailand ist groß, es gibt einige Konflikte höchst unterschiedlichen Ursprungs: 1. Der "verarmte" Isaan im Nordosten. Einer Gegend mit steppenartiger Vegetation, relativ wenig Wasser. Viele der "leichten Mädchen" in Bangkok, Pattaya und dem Bordell bei Ihnen "um die Ecke" kommen von dort... 2. Der muslimische Süden und Südosten. Trotz Religionsfreiheit "fühlen" sich Muslime benachteiligt - Al Quaida ist hier vertreten. Blutige Überfälle auf "Ungläubige" gleich weder Hautfarbe und Nationalität sind an der Tagesordnung. Polizei und Militär führen hier seit Jahren regelrecht "Krieg gegen den Terror"... 3. Die Armut an sich. Thailand hat seit Anfang der 1990er einige Hochs und Tiefs erlebt. Thaksin Shinawatra hat jedoch durch "Wahlgeschenke" in Form von "Minikrediten" sein Übriges zur Verschuldung vieler "armer Familien" beigetragen. Nur die Wenigsten haben aus dieser kleinen Chance etwas machen können. 4. Die Mentalität des Alltags. Es ist bei Weitem kein Vorurteil, dass eine große Zahl der thailändischen Lohnarbeiter im Isaan gerne schon morgens das erste Bier mit Rum trinkt und mit Kumpels Karten und Würfel spielt. Dabei geht es oft (und verbotener Weise) um Haus und Hof. Schulbesuch? Die meisten Erwachsenen, die nun zum "harten Kern" der Rothemden gehören, hat selten länger als vier Jahre eine Schule besucht. Fest verankert ist in jedem von ihnen jedoch das befolgen von Hierarchien! Thailand im Bürgerkrieg? Möglich. Es bleibt die Hoffnung, dass die Welt erkennt, WEM dieser Coup dienen soll! Dem König? Eher nicht. Abhisit? Wohl auch nicht! Dem "armen Landvolk"? Das glauben nur Träumer! Mehr Demokratie? Interessante Interpretation von "mehr Demokratie", diese mit Waffengewalt zu fordern... khid
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