Blutiger Freitag Syrien setzt Scharfschützen auf Demonstranten an 

Die Protestwelle in Syrien gewinnt offenbar immer mehr an Boden. Landesweit trauten sich Tausende trotz der staatlichen Gewalt auf die Straßen. Die Sicherheitskräfte gingen wieder brutal gegen die Demonstranten vor: Scharfschützen sollen auf Dutzende Menschen geschossen haben.

Demonstration in Daraa: Allein hier sollen 22 Menschen getötet worden sein
Reuters

Demonstration in Daraa: Allein hier sollen 22 Menschen getötet worden sein


Damaskus - Der Protest gegen das syrische Regime entwickelt sich zu einem Flächenbrand - trotz aller brutalen Versuche, die Demonstrationen zu unterbinden. Am Freitag gingen landesweit wieder Tausende Menschen auf die Straßen, um mehr Freiheit und demokratische Reformen zu verlangen. Ihren Mut mussten viele Menschen mit ihrem Leben oder ihrer Gesundheit bezahlen. Angehörige der Sicherheitskräfte und Scharfschützen erschossen Augenzeugen zufolge 27 Demonstranten. Dutzende Menschen wurden verletzt.

Augenzeugen berichteten, alleine in der südlichen Stadt Daraa seien 22 Menschen getötet worden, als Angehörige der Sicherheitskräfte das Feuer auf rund 4000 Demonstranten eröffneten. In der westlichen Stadt Homs wurden fünf Kundgebungsteilnehmer erschossen. In Deir al-Sor nahe der irakischen Grenze droschen Schlägertrupps auf Demonstranten ein. In der Hafenstadt Latakia gingen nach dem Freitagsgebet ebenfalls Hunderte Regimegegner auf die Straßen. Sie riefen: "Welch eine Schande, Schüsse auf friedliche Demonstranten."

"Meine Kleider waren blutdurchtränkt"

"Meine Kleider waren blutdurchtränkt", berichtete ein Augenzeuge der Nachrichtenagentur AP aus Daraa. Er habe geholfen, die Toten und Verwundeten in das Krankenhaus der Stadt zu bringen.

Eine Krankenschwester sagte, es gebe keine Betten mehr, viele Menschen müssten in den umliegenden Moscheen versorgt werden. Da die Regierung den Zugang von Medien seit Beginn der Proteste eingeschränkt hat, war eine unabhängige Bestätigung der Augenzeugenberichte nicht möglich.

Präsident Baschar al-Assad hatte in den vergangenen Tagen einige Reformen verkündet, um die Protestbewegung zu stoppen, die im März begonnen hatte. Er hob die Arbeitsbeschränkungen für Frauen mit Gesichtsschleier auf und ordnete die Verleihung der syrischen Staatsbürgerschaft an rund 250.000 staatenlose Kurden an. In der hauptsächlich von Kurden bewohnten Stadt Kamischli riefen einige Demonstranten: "Die Staatsangehörigkeit ist kein Ersatz für die Freiheit."

Assad gehört zur religiösen Minderheit der Alewiten. Er hatte die Proteste der Regimegegner, die sich von den Revolutionen in Tunesien und Ägypten hatten inspirieren lassen, als Versuch radikaler Sunniten dargestellt, Zwietracht zwischen den Religionsgruppen zu säen.

Tatsächlich sympathisiert ein Teil der Demonstranten mit den Muslimbrüdern und gelegentlich werden bei den Kundgebungen auch religiöse Parolen gerufen. Doch sind an den Protesten auch Angehörige anderer Religionsgruppen beteiligt. Seit Beginn der Proteste wurden in Syrien nach Schätzungen von Menschenrechtsgruppen mehr als 110 Menschen getötet. Dutzende Demonstranten und einige bekannte Oppositionelle wurden festgenommen.

Indes wurde ein syrischer Journalist von der Geheimpolizei schwer misshandelt, weil er über eine Demonstration berichtet hatte. Aus dem Umfeld von George Baghdadi, der für mehrere ausländische Medien arbeitet, hieß es am Freitag, er sei am vergangenen Dienstag in schlechter psychischer Verfassung und mit mehreren gebrochenen Rippen und Blutergüssen nach Hause gekommen.

Seither sei er in ärztlicher Behandlung. Er war vor einer Woche festgenommen und in ein Polizeigefängnis gebracht worden, nachdem er über eine Demonstration in Latakia berichtet hatte.

Die syrische Protestbewegung ruft seit drei Wochen jeden Freitag zu Kundgebungen gegen das Regime auf, dessen Familie den Staat in Vorderasien seit nunmehr fast 40 Jahren regiert.

ler/dpa/dapd

insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
zackzodiac, 08.04.2011
1. 1.
Zitat von sysopDie Protestwelle in Syrien gewinnt offenbar immer mehr an Boden. Landesweit trauten sich*Tausende trotz der staatlichen Gewalt auf die Straßen. Die Sicherheitskräfte gingen wieder brutal gegen die Demonstranten vor: Scharfschützen sollen auf Dutzende Menschen geschossen haben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,755972,00.html
assad muss genauso wie gaddafi nach den haag...
marcelinho, 08.04.2011
2. Wo bleibt die NATO?
... oder die UN?
mwroer 09.04.2011
3. Die bleiben ...
Zitat von marcelinho... oder die UN?
weg. Syrien ist ein guter Verbündeter was meint: Der Staat nimmt sein Gewaltmonopol war um sich gegen aufrührerische Elemente (wahrschenlich Muslime oder Terroristen) zu schützen und den Bürgern ein friedliches Leben in einem stabilen Umfeld, das immerhin seit 40 Jahren besteht, zu ermöglichen und sie in kleinen gemäßigten Schritten an die Herrschaft des Staates gewöhnt. In Lybien helfen wir Freiheitskämpfern! Das ist ein enormer Unterschied und überhaupt nicht zu vergleichen. Hoffe geholfen zu haben :)
mardas 09.04.2011
4. Naja, nicht ganz so einfach diesmal
Zitat von mwroerweg. Syrien ist ein guter Verbündeter was meint: Der Staat nimmt sein Gewaltmonopol war um sich gegen aufrührerische Elemente (wahrschenlich Muslime oder Terroristen) zu schützen und den Bürgern ein friedliches Leben in einem stabilen Umfeld, das immerhin seit 40 Jahren besteht, zu ermöglichen und sie in kleinen gemäßigten Schritten an die Herrschaft des Staates gewöhnt. In Lybien helfen wir Freiheitskämpfern! Das ist ein enormer Unterschied und überhaupt nicht zu vergleichen. Hoffe geholfen zu haben :)
Die USA sieht Syrien als Aggressor und Feind. Sämtliche Stellungnahmen aus Washington belegen das. WIR helfen den Assads weniger als das seine palästinensischen und libanesischen Extremisten oder gar seine chinesischen Kollegen tun.
der_mündige_bürger 09.04.2011
5. Soso ...
in Syrien demonstrieren also hunderttausende. So die Schlagzeile. Im Text ist dann bloß noch von ca. 4000 Demonstranten in Daraa die Rede, sowie ein paar kleineren Demos anderswo Selbst die Zahl scheint übertrieben, wenn man sich die Bilder ansieht. Und überhaupt, war nicht schon für gestern ein Marsch auf Damaskus angekündigt? Natürlich werden auch die Opferzahlen ungeprüft übernommen ... Aus Libyen nichts Neues, sicherheitshalber. Läuft halt nicht so, wie's laufen sollte, aber darüber lieber nichts, schließlich ist man als Journalist der westlichen Wertegemeinschaft verpflichtet. Fazit: kritischer, investigativer Journalismus, wie wir ihn längst kennen, aber nicht in jedem Falle lieben. Immerhin, Herr Ladurner brachte gestern in der Zeit wenigstens die Möglichkeit ins Spiel, daß Herr Gadhafi womöglich doch mehr Anhänger haben könnte, als in den Medien gemeinhin angenommen. Daher noch eine ganz ketzerische Frage: vielleicht hat auch Herr Assad nicht soviele Gegner, wie hierzulande suggeriert wird. Herzliche Grüße
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