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15. März 2008, 10:10 Uhr

Blutiger Protest

Tibetische Exilregierung spricht von 100 Toten

Die chinesische Regierung ist unerbittlich: Nach dem blutigen Aufstand in Tibet hat sie massive Sicherheitsvorkehrungen getroffen und den "Mob" aufgefordert, sich zu ergeben. Offiziell gab es bei dem Protest zehn Tote - tibetische Exilanten sprechen dagegen von 100 Opfern.

Peking - Schwer bewaffnete Polizisten und Soldaten patrouillieren durch die Straßen, Panzer sind unterwegs, alle Geschäfte sind geschlossen: Einen Tag nach den gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Protestanten und Sicherheitskräften demonstriert die chinesische Regierung Tibets Härte. "Sie blockieren jede Kreuzung, um Fahrzeuge zu kontrollieren", sagt ein chinesischer Bewohner der Stadt der Nachrichtenagentur AFP am Telefon. Teile des Stadtzentrums wurden abgeriegelt, wie die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua meldet. Offenbar wurde auch das Handy-Netz unterbrochen - womöglich, um zu verhindern, das weitere Nachrichten nach außen dringen.

Das massive Sicherheitsaufgebot wird mit markigen Worten betont. So forderten die Behörden den "Mob" auf, sich zu ergeben. Angeblich sollen Demonstranten "mit Nachsicht" behandelt werden, die sich rasch stellen. "Diejenigen, die sich bis Montag um Mitternacht selbst den Sicherheitskräften oder der Justiz ausliefern, können mit leichten oder verminderten Strafen rechnen", hieß es in einer Erklärung, die die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua veröffentlichte. Alle anderen müssten mit "harter Bestrafung" rechnen.

Nach offiziellen Angaben aus China kamen bei den Unruhen mindestens zehn Menschen ums Leben. Die tibetische Exilregierung im indischen Dharamshala verfügt nach eigenen Aussagen über "unbestätigte Berichte" von rund 100 Opfern. Außerdem sei das Kriegsrecht in Lhasa verhängt worden.

Auslöser der Proteste war der 49. Jahrestag eines Aufstandes gegen die chinesische Armee - 1959 war der Dalai Lama aus seinem Sommerpalast als Soldat verkleidet über die Grenze nach Indien geflohen. Offenbar waren bei der ersten kleinen Kundgebung am Montag mehrere Mönche festgenommen worden. Daraufhin gingen Hunderte Geistliche auf die Straße - gestern eskalierte die Situation. Geschäfte gingen in Flammen auf, Sicherheitskräfte und Protestanten gingen aufeinander los, wie Augenzeugen berichten. Dem US-finanzierten Sender Free Asia (RFA) zufolge schossen die Einsatzkräfte auf die Demonstranten.

Die tibetischen Behörden machen Anhänger des Dalai Lamas für die schweren Ausschreitungen verantwortlich. Es gebe "genug Beweise, um nachzuweisen, dass die Sabotage in Lhasa von der Clique des Dalai Lamas organisiert und federführend geplant worden ist", zitierte Xinhua einen tibetischen Regierungsbeamten. Ein Sprecher des Dalai Lama wies dies zurück. Das geistige Oberhaupt der Tibeter rief die chinesische Führung auf, die brutale Gewalt gegen die tibetischen Demonstranten einzustellen und den Dialog fortzusetzen. "Diese Proteste machen deutlich, wie tief die Abneigung gegen die jetzige Regierung verwurzelt ist." Die Mönche in Tibet beklagen sich, soweit bekannt, über die sogenannte "Patriotische Erziehung", die Pflichtteil ihrer Ausbildung ist. Dabei müssen sie sich offensichtlich vom Dalai Lama distanzieren.

Auch der Ministerpräsident der tibetischen Exilregierung, Samdhong Rinpoche, forderte China dazu auf, mit "Mitgefühl und Klugheit" mit den Demonstranten umzugehen. Er erinnerte an die gewaltsame Niederschlagung der pro-demokratischen Proteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989. Gleichzeitig appellierte die Exilregierung an die Vereinten Nationen, die "Menschenrechtsverletzungen" im Tibet zu untersuchen. "Das tibetische Parlament bittet die Uno dringend, Vertreter zu schicken und einzugreifen", hieß es in einer Erklärung.

Das internationale Entsetzen über das Vorgehen der chinesischen Regierung ist groß. In Indien haben Dutzende Demonstranten einen Protestmarsch in Richtung Tibet fortgesetzt, der am Donnerstag in der Stadt Dehra zunächst gestoppt worden war. Aus Sorge um die Beziehungen zu China war den Demonstranten verboten worden, den Bezirk Kangra zu verlassen. Nun ziehen die Exil-Tibeter ohne Genehmigung weiter. Der Marsch hatte am Montag begonnen, er soll sechs Monate dauern. Die Demonstranten fordern die Unabhängigkeit Tibets von China. In Sydney kam es Medienberichten zufolge zu Zusammenstößen zwischen Polizei und Protestanten, die sich vor der chinesischen Botschaft versammelt hatten. Die Sicherheitskräfte sind demnach mit Gummiknüppeln gegen die Demonstranten vorgegangen, auch Tränengas sei eingesetzt worden.

Die EU rief die chinesische Führung nur Stunden nach den Kämpfen in der Hauptstadt Lhasa zu Besonnenheit auf: "Wir haben appelliert, das Gespräch mit den Repräsentanten der Tibeter zu suchen, um zu einer Beilegung der aktuellen Streitigkeiten zu kommen", sagte der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) nach Ende des EU-Gipfels. Die Lage gehöre genau aufgeklärt.

Auch US-Präsident George W. Bush forderte die chinesische Führung zum Dialog mit dem religiösen Oberhaupt der Tibeter auf, dem Dalai Lama. Auch die Vereinten Nationen schalteten sich ein: Louise Arbour, Uno-Hochkommissarin für Menschenrechte, äußerte sich besorgt über die Gewalt in Tibet und forderte China auf, den Tibetern das Recht auf friedliche Demonstrationen und freie Meinungsäußerung zu gewähren. Arbour verlangte von China, "jeden überzogenen Einsatz von Gewalt" zu unterlassen.

Die Eskalation in Tibet bringt die chinesische Regierung in eine heikle Situation. Sollten die Mönche weiter marschieren und mehr Blut fließen, dürften die Stimmen nach einem Boykott der Olympischen Spiele im Sommer in Peking lauter werden.

Schon bald soll die Olympische Fackel durch Tibet getragen werden - bis hinauf auf den Mount Everest. Die Welt wird also wieder besonders aufmerksam auf die Heimat des Dalai Lamas schauen. Es ist zu erwarten, dass Polizei und Armee bis dahin die Repressionen gegen die Klöster verschärfen werden.

Der Dalai Lama hatte jüngst befürwortet, die Olympischen Spiele zu nutzen, um gewaltlos auf die Lage der Tibeter aufmerksam zu machen. Er fürchtet die Sinisierung seiner Heimat - tatsächlich sind führende Repräsentanten der Autonomen Region inzwischen Han-Chinesen, unter anderem der Parteichef. Auch die meisten Geschäfte in Lhasa werden von ihnen kontrolliert. Die Hauptstadt selbst hat längst den Charakter einer chinesischen Garnisonstadt angenommen.

Die Nachrichtenlage ist unsicher, weil ausländische Journalisten nur mit Genehmigung der örtlichen Behörden nach Tibet einreisen dürfen. Chinas Medien berichteten bislang nicht über das Geschehen. Fernsehnachrichten der BBC über Tibet, die allerdings nur in den internationalen Hotels und in einigen Haushalten empfangen werden können, schalteten die Zensoren ab. Tibeter, die von Ausländern angerufen wurden, hatten Angst, über die Lage zu berichten.

ase/AP/AFP/dpa

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