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11. August 2012, 09:37 Uhr

Bürgerkrieg in Syrien

BND-Chef sieht Assads Regime in der Endphase

Die Tage des syrischen Diktators Assad sind gezählt, so die Einschätzung des Präsidenten des Bundesnachrichtendienstes, Gerhard Schindler. Die Armee werde durch die Guerillataktik der Aufständischen zermürbt - und durch Zehntausende Deserteure geschwächt.

Berlin/Damaskus - Die Macht des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad bröckelt - so sehr, dass der Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND), Gerhard Schindler, den Staatschef schon bald am Ende sieht. "Es gibt viele Anhaltspunkte dafür, dass die Endphase des Regimes begonnen hat", sagte der BND-Chef der "Welt". Assads Armee habe rund 50.000 ihrer einst 320.000 Soldaten verloren. "Darunter sind viele Verwundete, Deserteure und 2000 bis 3000 Überläufer zur militanten Opposition." Die Erosion des Militärs halte an.

Nach Erkenntnissen des BND gibt es rund 20.000 Widerstandskämpfer in Syrien - und sie machen Assads Truppen das Kämpfen schwer. "Die Widerstandsgruppen sind klein, regional verankert und äußerst wendig. Sie können rasch zuschlagen und Hinterhalte bilden", so Schindler. "Wegen ihrer geringen Größe sind sie für Assads Armee kein gutes Ziel."

Den regulären Streitkräften stehe eine Vielzahl flexibel agierender Kämpfer gegenüber. "Ihr Erfolgsrezept ist eine Art Guerillataktik. Das zermürbt die Armee zunehmend", sagte der BND-Chef.

Nach Analyse seines Nachrichtendienstes wird der Widerstand gegen Assad nicht von Islamisten dominiert. "Sie sind in der Minderheit", sagte Schindler. Allerdings gebe es radikale Gruppierungen wie die Nusra-Front, die offenbar Verbindungen zum Terrornetzwerk al-Qaida habe. Al-Nusra rekrutiere sich aus syrischen Sunniten, von denen sich einige zeitweise ins Ausland zurückgezogen hätten, etwa in den Irak.

Gefechte an jordanisch-syrischer Grenze

An der Grenze zu Jordanien kam es unterdessen zu einem Schusswechsel zwischen der Armee und jordanischen Truppen, wie sowohl jordanische Quellen als auch Vertreter der syrischen Opposition berichteten. Assads Truppen feuerten offenbar auf eine Gruppe von etwa 500 syrischen Flüchtlingen. Die Jordanier schossen zurück, da sich die Menschen bereits in ihrem Land befanden.

Es habe einen etwa 30 Minuten dauernden heftigen Schusswechsel gegeben, hieß es. Auf jordanischer Seite sei niemand verletzt worden. Es ist der bisher schwerste Vorfall an der Grenze seit Beginn des Aufstands gegen Assad vor 17 Monaten. Unter den Flüchtlingen waren laut syrischen Aktivisten auch Dutzende hochrangige Offiziere der Assad-Armee.

Clinton in der Türkei

US-Außenministerin Hillary Clinton bemüht sich derzeit um einen Weg für einen demokratischen Übergang in Syrien. Sie trifft sich am Samstag in Istanbul mit Regierungschef Recep Tayyip Erdogan, Präsident Abdullah Gül und syrischen Oppositionellen. Die USA versorgen die Rebellen nach offiziellen Angaben unter anderem mit Satellitenbildern und Kommunikationstechnik.

Allerdings gibt es Berichte, dass der amerikanische Geheimdienst CIA in einem Kommandozentrum im türkischen Adana, rund hundert Kilometer von der syrischen Grenze entfernt, mit türkischen Regierungsvertretern, Offizieren der Freien Syrischen Armee, Gesandten aus Katar und Saudi-Arabien zusammenarbeitet. US-Präsident Barack Obama unterzeichnete Medienberichten zufolge einen Erlass, der der CIA Hilfe für die Aufständischen erlaubt.

heb/dpa

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