BND-Hilfe beim Gefangenenaustausch Die Pendeldiplomatie des "Mr. Hisbollah"

Dass der Gefangenenaustausch zwischen Israel und der Hisbollah läuft, ist der Diplomatie des BND zu verdanken. 18 Monate lang pendelte Agent Gerhard C. - alias "Mr. Hisbollah" - zwischen den Fronten, dealte und hatte Erfolg. Ein seltener Sieg des Dienstes und der Bundesregierung.

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Berlin – Für einen Geheimdienstmann, vor allem für einen im Nahen Osten, ist eine namentliche Erwähnung auf der Internetstartseite der israelischen Zeitung "Haaretz" eigentlich ein Albtraum. Im Dienste Deutschlands mit Tarnnamen im Ausland unterwegs, stets verdeckt und konspirativ, wäre die heutige Schlagzeile ("Gerhard C.- der faire Mittelsmann des Gefangenenaustausches") eigentlich der worst case - das sichere Ende der Karriere als Geheimagent und Strippenzieher.

Doch heute Morgen, gerade eben hatte an der israelisch-libanesischen Grenze der Gefangenenaustausch zwischen Israel und der Hisbollah begonnen, ist alles anders. Gerhard C., ein unscheinbarer Mann, um die 50 Jahre alt, ist der Held dieser makaberen Übergabe von zwei in schwarzen Holzkisten verpackten Leichen an Israel - und im Gegenzug der Freilassung eines der meistgefürchteten Hisbollah-Terroristen und Übergabe von 200 Leichen von Kämpfern der Miliz.

Ohne den unermüdlichen Einsatz des BND-Mannes wäre diese Transaktion nie zustande gekommen. Dass er nun als Agent namentlich bekannt ist, dass Zeitungen weltweit über den Deutschen schreiben, nimmt der Dienst deshalb in Kauf.

Lob aus Berlin

Ungewöhnlich war die Reaktion der Bundesregierung, die für die Uno den heiklen Deal einfädelte und Gerhard C. als Emissär entsandte. Gute zwölf Stunden vor dem Austausch, es war Montag gegen 18 Uhr in Berlin, gerade eben hatte das israelische Kabinett dem Austausch mit 22 Ja- und drei Neinstimmen zugestimmt, gab es aus dem Kanzleramt ein in diesen Tagen seltenes Lob für die Agenten des Dienstes.

Endlich einmal, so die Linie, war im seit Jahren krisengeschüttelten BND einmal etwas richtig gelaufen.

Der Durchbruch, das stellte ein an ausgesuchte Medien gestreutes Papier des Merkel-Hauses fest, sei "ein großer Erfolg für die Bundesregierung" und für den BND, "der großartige Arbeit geleistet" habe. Erstmals, nach mehr als zwei Jahren strikten Stillhaltens, bestätigte die Regierung damit die Fakten, über die der SPIEGEL bereits mehrfach berichtet hatte: Dass es BND-Mann Gerhard C. war, der in einer marathongleichen Pendel-Diplomatie mit den von Israel und der Hisbollah beauftragten Offiziellen verhandelte, feilschte und am Ende Erfolg hatte.

Vielflieger zwischen den verfeindeten Ländern

Den Namen des Agenten nannte das Kanzleramt nicht. Stets wurde über den Mann, in den BND-Liegenschaften für seine schier endlose Geduld bekannt, als "Facilitator" gesprochen – einem Verhandler, der scheinbar unmögliche Dinge möglich macht. Dazu stieg der BND Mann in den 18 Monaten mehr als hundert Mal in Flugzeuge und legte zwischen Beirut, Tel Aviv, New York und dem ein oder anderen Zwischenstopp in Berlin mehr als 700.000 Flugkilometer zurück. Zähe Verhandlungen bis tief in die Nacht, frustrierende Rückschläge und viele Missverständnisse gehörten für den Agenten zum Alltag.

Der Mann, um den es geht - BND-intern als "Mr. Hisbollah" bekannt -, ist so etwas wie der Vorzeige-Agent, den jeder Nachrichtendienst gern hätte. Fließend in Arabisch, Französisch und Englisch, ausgestattet mit jahrelanger Erfahrung durch seine Stationen als BND-Resident in Syrien, Beirut und Jerusalem, kennt er die Region wie kaum ein anderer. Vertraut mit den Deals, die Bazargeschäften gleichen, begrüßt er die Beteiligten in landestypischer Art und in ihrer Sprache - er kennt sie seit Jahren.

Die Fähigkeiten des BND-Mannes beeindruckte die Diplomaten der Uno so sehr, dass sie Gerhard C. umgehend als Vermittler engagierten. Bei der Riesenbehörde im Hochhaus am Hudson River in New York heißt es seitdem, dass sie so einen wie Gerhard C. gern selber in ihren Reihen hätten. Sowohl den einstigen Generalsekretär Kofi Annan als auch seinen Nachfolger Ban Ki Moon hat C. beeindruckt.

Immer da, wo es brennt

Mehr Erfahrung als der seitdem im Auftrag der Uno reisende Agent hat wohl kaum jemand beim BND. Bei fast allen bisherigen Verhandlungen zwischen Israel und der Schiitenmiliz war "Mr. Hisbollah" dabei. Den Milizführer Hassan Nasrallah kennt er persönlich, im verbarrikadierten Hisbollah-Hauptquartier in Beiruts Süden genießt C. einen ebenso guten Ruf wie im noblen Amtssitz des israelischen Ministerpräsidenten Ehud Olmert. Beide Seiten vertrauen dem Agenten, sie schätzen seine Vertraulichkeit und Zuverlässigkeit.

Heikle Missionen gehören für den Ausnahme-Geheimen zur Arbeitsroutine. Immer wenn es im Nahen Osten etwas zu tun gibt, klingelt bei C. das Telefon, stets ist sein Rat, vor allem aber auch sein Telefonbuch mit den Einflussreichen auf beiden Seiten, schwer gefragt.

Was der BND-Mann nun nach der holprigen "Berg- und Talfahrt", wie es Sicherheitskreise nun nennen, erreichte, hört sich einfach an - allerdings erst nach der Einigung. Israel lässt fünf libanesische Häftlinge frei, darunter den Top-Terroristen Samir Kuntar, und übergibt die Leichen von 199 Hisbollah-Kämpfern. Im Gegenzug händigte die Hisbollah die Leichen der beiden israelischen Soldaten Goldwasser und Regev aus. Beide wurden vor zwei Jahren von Hisbollah-Kämpfern aus dem israelisch-libanesischen Grenzgebiet verschleppt.

Die nächste Geheimaufgabe wartet schon

Bis dieser Deal stand, verging bei endlosen Gesprächen zwischen den beiden Fronten viel Zeit. Zuerst forderte Israel ein Lebenszeichen der beiden Soldaten. Monate verstrichen ohne Fortschritt. Dann wurde um Zahlen der Gefangenen gestritten. So fragil war das Konstrukt, so gering die Kompromissbereitschaft, dass man in Berlin zum Jahreswechsel 2007/2008 schon fest mit einem endgültigen Scheitern rechnete.

Der BND-Agent aber verhandelte weiter. Auch von einem Handbruch, den er sich bei einem Sturz in Jerusalem zuzog, ließ er sich nicht stoppen. In Berlin und bei der Amtsleitung kam das gut an. Sowohl die Politik als auch BND-Chef Ernst Uhrlau wissen, dass für beide Seiten immer etwas abfällt, wenn man bei solchen Missionen vermittelt. Deutschlands Rolle im Nahen Osten, so ein Spitzenbeamter, sei durch den Erfolg wieder einmal ausgebaut worden.

Zeit zum Ausruhen wird Gerhard C. jedoch nicht wirklich haben. Schon jetzt hat sich die Bundesregierung und damit der BND bereit erklärt, bei "humanitären Lösungen" zwischen der Hisbollah und Israel verhandeln zu wollen. Den heutigen Austausch nennt das Papier deshalb nur einen "weiteren Teilerfolg" nach den Transaktionen in den Jahren 1996 und 2004, als Kämpfer und Gefangene die Seiten wechseln konnten. Konkret geht es nun um fünf weitere Israelis, deren Schicksal ungeklärt ist.

Einfach wird es auch in diesen Fällen nicht werden.

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