Bob Woodward Mit Bush-Bashing auf Tour

Bob Woodwards Anklage der Bush-Regierung ist zum Bestseller geworden - über Nacht. Die Mehrheit der US-Bürger ist das Irak-Debakel leid. Diesen Nerv trifft Woodward, obwohl er nur alte Erkenntnisse mit neuen Anekdoten ausschmückt. Und plötzlich muss er sich rechtfertigen.

Von , New York


New York - Bob Woodward ist ein Meister der Selbstvermarktung. Der Starreporter und "Watergate"-Enthüller arbeitet als Ein-Mann-Medienfabrik: Etwa alle zwei Jahre bringt er einen neuen Polit-Beststeller heraus - und nur er persönlich bestimmt, wann und wo welche süffigen Vorab-Auszüge veröffentlicht werden.

Bush im Krieg, Teil drei: Erst mit "State of Denial" schlage Woodward einen dezidiert regierungskritischen Kurs ein - neu sei an dem Buch aber kaum etwas, werfen ihm seine Kritiker vor
AFP

Bush im Krieg, Teil drei: Erst mit "State of Denial" schlage Woodward einen dezidiert regierungskritischen Kurs ein - neu sei an dem Buch aber kaum etwas, werfen ihm seine Kritiker vor

So auch mit "State of Denial", seinem jüngsten Knüller über das Missmanagement des Irak-Kriegs durchs Weiße Haus. Dafür hatte sich Woodward extra mehr beeilt als sonst, um seine Story, wie er gestern zugab, "noch vor den Wahlen zu erzählen". Sprich: noch vor den Kongresswahlen, die in exakt fünf Wochen stattfinden werden.

Dazu wurde ein Angriff an allen Medienfronten inszeniert: Exklusiv-Exzerpte in Woodwards Hausblatt "Washington Post" und in dessen Schwestermagazin "Newsweek", ein Exklusivinterview in der TV-Sendung "60 Minutes" sowie am Abend des gestrigen Montag dann ein Live-Auftritt in der CNN-Talkshow von Larry King. Es war, so lobt Woodward im Nachwort des Buchs, "einer der knappsten Hauruck-Pläne im Verlagswesen".

Zwar brachte die "New York Times" den Plan in letzter Minute noch durcheinander, indem sie als erste eine Ausgabe von "State of Denial" ergatterte. Trotzdem ist das Buch ein Instant-Bestseller. Gestern, einen Tag nach dem auf Sonntag vorgezogenen Erscheinungstermin, schoss es auf Rang Eins der Verkaufslisten bei Amazon und Barnes & Noble, der größten US-Buchhandelskette. Nach Angaben des Verlags Simon & Schuster wurde bereits die dritte Auflage gedruckt, mit bisher 900.000 Exemplaren. "Die Verkäufe sind sehr stark", jubelte Verlagssprecherin Victoria Meyer.

Dreieinhalbseitige Danksagung an Kollegen

Was nicht nur an cleverem Marketing liegt. Woodward hat, und das mit größerer Autorität als alle anderen zuvor, einen Nerv getroffen - auch wenn der 560-Seiten-Schmöker im Prinzip nur bekannte Erkenntnisse mit neuen, typischen Woodward-Anekdoten ausschmückt.

Schon vor Bekanntwerden der süffigen Details aus "State of Denial" hatten sich in einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup 59 Prozent der US-Bürger gegen den Irak-Krieg ausgesprochen. 57 Prozent fanden, die US-Regierung habe im Irak "keinen Plan", 82 Prozent bezeichneten das als eine "sehr wichtige" oder "extrem wichtige" Frage bei den Wahlen. Woodward rennt offene Türen ein.

Geöffnet haben ihm diese Türen zahllose Kollegen, in Dutzenden Büchern, Essays und Berichten über die letzten Jahre. Woodward selbst erkennt diese "sehr große Gruppe von Reportern und Autoren, die vor mir gekommen sind und über den Irak-Krieg geschrieben haben", in der dreieinhalbseitigen Danksagung am Ende seines Buches auch an.

Zu den - eigentlich längst bekannten - Episoden gehört etwa ein Treffen von US-Außenministerin Condoleezza Rice, damals Sicherheitsberaterin, mit CIA-Chef George Tenet zwei Monate vor dem 11. September 2001. Bei diesem sei Tenet mit seiner Warnung vor al-Qaida-Attentaten kalt abgeblitzt sei: Das taucht ähnlich bereits auch in "Against All Enemies" (2004) auf, jenen vernichtenden Memoiren von Richard Clarke, dem langjährigen Antiterror-Chef im Weißen Haus. Rice dementierte Woodwards Darstellung am gestrigen Montag. Doch nur wenige Stunden später bestätigte ihr Sprecher Sean McCormack, dass das Treffen wirklich stattgefunden habe.

"Das ist nicht wahr!"

Auch die Spannungen zwischen Rice und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld - der in "State of Denial" am schlechtesten wegkommt, obwohl er Woodward mehrere persönliche Interviews gegeben hatte - waren bekannt. Doch dass sich Rumsfeld lange geweigert habe, Rices Anrufe entgegen zu nehmen, das ist ein neues, brilliant gezeichnetes Recherche-Detail. Ein Detail, welches dem Leser das Versagen der Regierung auf eine cineastische Weise nahebringt, wie es nur Woodward kann.

Das Weiße Haus dementiert aus allen Rohren. Fast jeder, den Woodward nachteilig zitiert, tingelt durch die Talk-Shows, um Woodwards Reportierkunst als "schlüpfriges Geschwätz" abzutun, wie es Regierungssprecher Tony Snow formulierte. Dabei hatte man Woodwards vorherige Bücher noch als Wahlkampflektüre empfohlen. "Plan of Attack", sein fast höfischer Bericht über den Vorlauf des Irak-Kriegs, war die Nummer eins auf der "Leseliste" der Wahl-Website für Präsident George W. Bush.

Die Kehrtwende nehmen sie Woodward nun übel. Das Weiße Haus ahnte nach Darstellung von Top-Berater Dan Bartlett schnell, dass Woodward neuestes Projekt "einen anderen Ton und Tenor" haben würde. Sprich: Ihnen gefielen die zuvor eingereichten Fragen nicht. Bush und Vize Dick Cheney, die sich früher noch ausführlich hatten interviewen lassen, verweigerten die Audienz. Bartletts Vorwurf, Woodward habe "Schlussfolgerungen formuliert, bevor die Interviews begannen", stritt der gestern ab: "Das ist nicht wahr."

Auffälliges Timing

Wahr ist: Woodwards Buch spiegelt, wiewohl verspätet, den öffentlichen Meinungsschwenk der letzten Monate wieder. Den "anderen Tenor", den das Weiße Haus so fürchtete, den summt längst die Mehrheit der Amerikaner.

"Das nennen Sie breaking news?", fragte Frank Rich, der stets Bush-kritische Starkolumnist der "New York Times", der selbst ein Buch im Handel gekauft hat, bitter. Dezidiert schärfer ging die demokratische Aktivistin und Bloggerin Arianna Huffington mit Woodwards später Einsicht zu Gericht: "Was musste Woodward tun, um das alles 'aufzudecken'? In die Zeitung gucken?"

So versuchte Woodward mit seinen Visiten bei Larry King und anderswo nicht zuletzt auch, die eigene Reputation zu retten. Denn die war, vor allem bei den Linken, nicht nur durch seine letzten, Bush-unkritischen Bücher "zur Hölle gefahren" (Huffington). Sondern zuletzt auch durch seine Verwicklung in den CIA-Skandal um die Ex-Agentin Valerie Plame - eine Verwicklung, die er lange verheimlicht hatte.

NBC-Interviewer Matt Lauer konfrontierte Woodward mit dem auffälligen Timing des Buches, fünf Wochen vor der Wahl. "Die Nation befindet sich im Krieg, und Menschen sterben", sagte er. "Hatten Sie nicht die Verpflichtung, irgendwo einen Berg zu erklimmen und dies herauszuschreien und nicht bis einen Monat vor den Kongresswahlen zu warten?"

"We told you so"

Er recherchiere eben langsam und retrospektiv, verteidigte sich Woodward gestern bei Larry King, mit seinem typisch-souveränen Schmunzeln. Dies sei sein erstes Buch, das die letzten dreieinhalb Jahre beschreibe, "und das ist keine fröhliche Geschichte" – sondern eher eine, die "wichtiger als Vietnam" sei. Wiewohl man Bush eins lassen müsse: Er habe "viel Idealismus".

Larry King, stets ein williger Werber für neue Produkte, nannte "State of Denial" gestern "das Knüller-Buch, das die Wahl erschüttern kann". Das bleibt freilich abzuwarten. Bisher scheint es die bestehenden Fronten nur zu verhärten. Die Rechten dementieren oder ignorieren. Die Linken rufen: "We told you so" - wir haben es euch ja gesagt.

Und die entscheidenden Wähler der Mitte? "Ich sehe nicht, dass das im November noch Meinungen ändern wird", glaubt Bill Kristol, der Chefredakteur des konservativen "Weekly Standard" - was für die Republikaner freilich nicht unbedingte eine gute Nachricht ist.



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