Neues Enthüllungsbuch über Trump "Alles ist verrückt hier"

Chaos, Intrigen, Unfähigkeit: Bob Woodwards Enthüllungsbuch "Fear" über US-Präsident Trump machte schon vorab Furore. Jetzt kommt es in den Handel. SPIEGEL ONLINE hat die besten Szenen zusammengestellt.

Donald Trump
AFP

Donald Trump

Von und , Washington und New York


Es ist das Buch des Sommers: "Fear - Trump in the White House", verfasst vom US-Enthüllungsjournalisten Bob Woodward, bricht Kassenrekorde, schon bevor es an diesem Dienstag überhaupt in den Handel kommt. Der Verlag Simon & Schuster hat inzwischen nach eigenen Angaben "wegen außerordentlicher Nachfrage" bereits eine Million Exemplare gedruckt - das Siebenfache der ursprünglichen Auflage.

Kein Wunder: Der 420-Seiten-Schmöker steckt voller brisanter Informationen über Trumps angebliche Amtsunfähigkeit und das intrigante Chaos im Weißen Haus: Trump sei "unkonzentriert, selten bei der Sache, erratisch" und "emotional überdreht" - und seine engsten Berater verhinderten seine "schlimmsten Impulse" nur, indem sie wichtige Dokumente vor ihm versteckten.

Und das waren nur die vorab lancierten Details, die weltweit Furore machten. SPIEGEL ONLINE präsentiert jetzt die besten Szenen, die bisher noch nicht bekannt waren.

Buchcover: "Fear - Trump in the White House"
AP

Buchcover: "Fear - Trump in the White House"

Trump, der Menschenschinder

Wie mies Trump selbst loyalste Unterstützer behandelt, wird in einer Episode aus dem Wahlkampf 2016 deutlich: Als kurz vor dem Wahltag die berühmt-berüchtigte Aufnahme der TV-Sendung "Access Hollywood" auftauchte, in der sich Trump abfällig über Frauen äußerte, war allein Trumps alter New Yorker Freund Rudolph Giuliani bereit, ihn öffentlich zu verteidigen. Woodward schildert, wie sich Giuliani in allen Top-Talkshows schützend vor Trump stellte und forderte, man solle dem Kandidaten seine "Sünden" verzeihen.

Trumps Reaktion: Statt Giuliani zu danken, habe er ihn bei einem gemeinsamen Flug zur Schnecke gemacht, schreibt Woodward. "Rudy, du bist ein Baby!", habe Trump gerufen. "Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie eine schlechtere Verteidigungsrede gehört. Die haben dir die Windeln ausgezogen. Du warst wie ein kleines Baby, das gewickelt werden muss. Wann wirst du endlich ein Mann?" Und: "Du bist schwach, Rudy. Du kannst es nicht." Inzwischen ist Giuliani erneut Trumps schärfster Verteidiger - als sein Anwalt in der Russlandaffäre.

Ex-Wirtschaftsberater Gary Cohn
REUTERS

Ex-Wirtschaftsberater Gary Cohn

Trump, der Ignorant

Trump interessiert sich nicht für Fakten oder Ratschläge - schon gar nicht, wenn sie seiner festgefügten Meinung widersprechen. Diese Erfahrung musste laut Woodward vor allem Trumps damaliger Wirtschaftsberater Gary Cohn machen. In seinem Buch schildert Woodward, wie Cohn - zuvor Präsident der Wall-Street-Bank Goldman Sachs - über Trumps Beratungsresistenz fluchte: "Ich weiß nicht, wie lange ich das noch aushalte", habe er gesagt. "Alles ist verrückt hier." Es bringe nichts, mit Trump Treffen zu Sachthemen vorzubereiten. "Er hört einfach nicht zu. Nach zehn Minuten wechselt er das Thema und will über irgendwas ganz anderes reden."

Ein "Nachtbuch" mit Zahlen und Fakten, das die Mitarbeiter stets für Trump zusammenstellten, damit er sich abends auf die Themen des nächsten Tages vorbereiten könnte, rühre der Präsident so gut wie nie an, schreibt Woodward. Mehrfach habe Cohn ihm zu erklären versucht, wie das Welthandelssystem funktioniere. Doch Trump interessiere sich einfach nicht dafür. So habe sich Trump ständig darüber beschwert, dass die USA "ohne Ende" Streitfälle vor der Welthandelsorganisation (WTO) verlieren würden. Als Cohn entgegnete, dass die USA in Wahrheit 85 Prozent aller Streitfälle gewännen, habe Trump geantwortet: "Das ist Bullshit. Das ist falsch." Im April verließ Cohn das Weiße Haus.

Trump und Kim Jong Un
REUTERS

Trump und Kim Jong Un

Trump, der Kriegstreiber

Eine weitere Enthüllung Woodwards: Auf dem Höhepunkt der wechselseitigen Drohungen zwischen Trump und Nordkoreas Diktator Kim Jong Un zum Jahreswechsel 2017/2018 wäre es womöglich beinahe zum Krieg gekommen. Und zwar wegen eines Tweets: Trump war offenbar so empört über Kims Nukleartests, dass er darüber nachgedacht habe, via Twitter den Abzug aller Familienangehörigen der US-Truppen in Südkorea zu verkünden.

Die Militärs im Pentagon seien sofort alarmiert gewesen, als sie davon gehört hätten. Denn nach ihrer Einschätzung hätte Nordkorea eine solche Ankündigung als Zeichen gewertet, dass ein US-Militärschlag gegen das kommunistische Regime unmittelbar bevorstehen könnte. Die Generäle hätten gewarnt, dass ein solcher Tweet einen nordkoreanischen Erstschlag gegen Südkorea oder die USA auslösen könnte. Nur mit Mühe habe Trump am Ende davon abgehalten werden können, den Tweet abzusetzen.

First Lady Melania Trump
JIM LO SCALZO/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

First Lady Melania Trump

Trump, der Frauenverächter

Trumps Verhältnis zu Ehefrau Melania ist Woodward zufolge zwiespältig. Die beiden verbinde "eine gewisse, ehrliche Zuneigung", und sie verbrächten auch "manchmal Zeit miteinander", doch lebten ansonsten getrennt. Nach Bekanntwerden der "Access Hollywood"-Aufnahme habe Melania "vor Wut gekocht" und sich geweigert, ein gemeinsames TV-Interview zu geben: "Mache ich nicht", habe sie gesagt. "Auf keinen Fall. Nein, nein, nein." Stattdessen veröffentlichte sie eine eigene Erklärung, in der sie Trumps Äußerungen als "inakzeptabel und beleidigend" verurteilte, seine öffentliche Entschuldigung aber akzeptierte.

Eine solche Entschuldigung war selten für Trump. Woodward berichtet, Trump habe einem Freund, der sich Frauen gegenüber "schlecht benommen" habe, folgenden Rat gegeben: "Du musst dementieren, dementieren, dementieren und dich gegen diese Frauen wehren", habe er gesagt. "Du musst dich hart wehren. Du musst alles dementieren, was über dich gesagt wird. Nie zugeben."

US-Militärfriedhof Arlington
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US-Militärfriedhof Arlington

Trump, der Gefühlvolle

Ebenso selten ist es für Trump, Gefühle zu zeigen. Woodward beschreibt, wie Trump einmal am Luftwaffenstützpunkt Dover bei Washington den Sarg eines getöteten US-Soldaten in Empfang genommen und dessen Hinterbliebene getroffen habe. Die Eltern hätten sich geweigert, Trump zu treffen und die Hand zu schütteln, schreibt Woodward. "Es tut mir leid", habe der Vater des Soldaten zu einem Militärkaplan gesagt. "Mein Gewissen lässt es nicht zu, dass ich mit ihm rede."

Der Vorgang habe Trump schwer getroffen, aber er habe die Reaktion verstanden. "Er hatte nie etwas mit dem Militär zu tun", zitiert Woodward Trumps Ex-Strategen Stephen Bannon. "Er hatte nie etwas mit dem Tod zu tun." Seitdem habe Trump an keiner solchen Zeremonie mehr teilgenommen, doch verwende viel Zeit und "emotionale Energie" darauf, die Familien telefonisch zu trösten.

Kanada, Mexiko, USA: Pult bei den Nafta-Neuverhandlungen
REUTERS

Kanada, Mexiko, USA: Pult bei den Nafta-Neuverhandlungen

Trump, der Handelsfeind

Trump ist laut Woodward von "Protektionismus, Isolationismus und glühendem amerikanischen Nationalismus" getrieben und war von Anfang an besessen, alle US-Handelsabkommen zu annullieren. "TRADE IS BAD" ("Handel ist schlecht") habe er nach dem Hamburger G20-Gipfel auf ein Redemanuskript gekritzelt.

Gary Cohn habe Trump mit schlichten Grafiken und verständlichen Vergleichen zu einer rationaleren Handelspolitik überreden wollen. Doch "Trump hasste Hausaufgaben" und habe eine altmodische Vorstellung von Amerika, das von Fabriken und Stahlwerken lebe. "Ich habe diese Ansichten seit 30 Jahren", habe Trump dieses anachronistische Weltbild begründet. Worauf Cohn erwidert habe: "Ich dachte 15 Jahre lang, dass ich professionell Football spielen könne."

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Seite 1
index77 11.09.2018
1. Also halb so wild...
Seine wesentliche Inkompetenz bezieht sich also auf Handel und das ist ein Bereich, über den in den USA eh andere bestimmen. Ansonsten ist wenig überraschend, dass er sich Ablehnung zu Herzen nimmt. Durch seine ganze Twitterei hat er schon gezeigt, dass er sich schnell hintergangen und betrogen fühlt und gleich überall Liebesentzug fürchtet. Dass er die Familien der Gefallenen anruft ist eine Sache, die er nicht tun müsste und die jedes Mal schief gehen könnte. Aber er scheint es zu tun, weil er es will. Und das ist auch am Telefon ein belastendes Thema. Ich denke zwar immer noch, dass er sich mal dringend mehr Zeit zum Zuhören, Lesen und Verstehen nehmen sollte, aber ein Totalausfall oder Monster ist er auch nicht. Also könnte unsere liebe Presse über inländische Themen berichten und ihn mal eine Weile in Ruhe lassen. Jaja, ich weiß, dass er Klicks bringt. Ich lese es ja auch jedes Mal.
srinivasa.r.aiyangar 11.09.2018
2. Sinnlos
Sie können hier noch so viele konkrete Beispiele für Trumps kognitive Fehlleistungen aufzählen, das wird seine Fans nicht daran hindern, das alles wieder als Hetzkampagne des "Establishments", "Deep States" und der "Mainstream-Medien" abzutun.
frank.huebner 11.09.2018
3. Nichts Neues
Ich werde das Buch sicher auch lesen, bin mir aber zeimlich sicher, dass nicht viel Neues rüberkommt. Wie schon bei Fire and Fury zuckt man mit den Schultern und wundert sich, dass Trump noch immer so viel Unterstützung in den USA findet. Es wird anscheinend weniger, aber immer noch genung,um sich zu wundern. Egal, erst bei der nächsten Präsidentenwahl wird man sehen, welche Unterstützung er wirklich hat. Solange muss man halt hoffen, dass er keinen Krieg anfängt.
Beat Adler 11.09.2018
4. Trump Fans sind eine Minderheit.
Zitat von srinivasa.r.aiyangarSie können hier noch so viele konkrete Beispiele für Trumps kognitive Fehlleistungen aufzählen, das wird seine Fans nicht daran hindern, das alles wieder als Hetzkampagne des "Establishments", "Deep States" und der "Mainstream-Medien" abzutun.
Trump Fans sind eine Minderheit. Es gilt: Steter Tropfen hoelt den Stein. Das Prinzip der Propaganda, nur die immer wieder und wieder gleiche Geschichte einhaemmern. Immer mehr Republikaner stellen sich deswegen die Frage: Trump durch Pence ersetzen oder doch nicht? 2020 ist es fuer die Demokraten einfacher den Trump zu schlagen, wie den Pence. Die Demokraten sind also gar nicht heiss darauf den Trump durch den Pence zu ersetzen. mfG Beat
tinosaurus 11.09.2018
5. Albtraum Trump
Amerika hatte bislang kein Glück bei der Wahl der Präsidenten, aber Trump stellt alle seine Vorgänger mit seiner Unfähigkeit in den Schatten. Keiner hat in so kurzer Zeit so viel Chaos und Unverständnis bewirkt. Eigentlich ist es jetzt schon sehr deutlich, dass er den Anforderungen nicht gewachsen ist. Als Präsident der größten Supermacht ist er für die USA ein Albtraum. Seine treuen Anhänger sind verblendete Rassisten, die das Land in ein überaus negatives Licht rücken. Man kann der USA und vielen normal denkenden Amerikanern nur wünschen, dass der Albtarum ein baldiges Ende findet.
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