Terrormiliz Boko Haram Islamisten lassen Dutzende Schülerinnen frei

Boko Haram hat offenbar etliche in Nigeria verschleppte Schülerinnen freigelassen - eine Erfolgsmeldung. Am Vortag hatte Amnesty International den Sicherheitskräften noch massives Versagen in Dapchi vorgeworfen.

Vater mit dem Foto seiner vermissten Tochter
REUTERS

Vater mit dem Foto seiner vermissten Tochter


Anfangs hatte Nigerias Militär noch dementiert. Doch einige Tage später war es Gewissheit: Mitte Februar hatte die Terrormiliz Boko Haram mehr als 100 Internatsschülerinnen aus der nordnigerianischen Ortschaft Dapchi verschleppt. Präsident Muhammadu Buhari sprach von einer nationalen Tragödie.

Nun sind offenbar etliche der 11 bis 19 Jahre alten Schülerinnen wieder frei. Am Mittwochvormittag erklärte ein Regierungssprecher, 76 Mädchen und junge Frauen seien zurück im heimischen Dapchi. Am Nachmittag war dann die Rede von mehr als 100 Rückkehrerinnen. Es sei kein Lösegeld geflossen.

Mehrere Bewohner erklärten unter anderem dem britischen Sender BBC, etliche Schülerinnen seien in der Nacht von Boko-Haram-Kämpfern zurückgebracht worden. Die Zahlen gingen allerdings stark auseinander: Die Rede war teils von einigen wenigen, dann wieder von fast allen Entführten. Unklar blieb auch, ob anstelle von Lösegeld Schülerinnen gegen Extremisten ausgetauscht wurden.

Der Erfolgsmeldung war am Dienstag ein kritischer Bericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International über die Rolle der Sicherheitsbehörden des Landes vorausgegangen. Die Menschenrechtsorganisation warf Nigerias Einsatzkräften darin ernstes Versagen bei der Entführung aus Dapchi vor.

Armee und Polizei hätten Mitte Februar nicht auf Warnungen vor der Entführung reagiert. Es seien mindestens fünf Anrufe eingegangen, denen zufolge eine bewaffnete Gruppe auf dem Weg nach Dapchi war, berichtete Amnesty. Für den Bericht sollen 23 Menschen befragt worden sein, darunter Schülerinnen, die entkommen konnten, und deren Eltern.

20.000 Tote, 2,5 Millionen Vertriebene durch Boko Haram

Der Fall erinnert an zahlreiche ähnliche Entführungen, für die Boko Haram verantwortlich ist. Die Extremisten hatte 2014 mit der Entführung von mehr als 200 überwiegend christlichen Schülerinnen aus dem Ort Chibok weltweit für Entsetzen gesorgt. Seitdem kamen immer wieder kleinere und größere Gruppen frei, manche werden bis heute vermisst.

Auch wegen der großen internationalen Aufmerksamkeit für den Chibok-Fall damals versuchen nigerianische Behörden häufig, Entführungsfälle herunterzuspielen und mitunter vorschnell Erfolge zu melden - die tatsächliche Lage ist also nicht immer sofort eindeutig einzuordnen, so womöglich auch in dem aktuellen Fall. So dauerte es nach der Entführung von Dapchi mehr als zwei Tage, ehe nigerianische Behörden die Entführung der mehr als 100 Schülerinnen überhaupt einräumten.

Die Geisel werden oft als Arbeits- oder Sexsklaven missbraucht oder gegen ihren Willen mit Kämpfern verheiratet. Viele sind nach Jahren in der Gewalt der Extremisten auch nach der Befreiung stigmatisiert. Ihnen wird misstraut, weil die Extremisten ehemalige Entführte teilweise als Selbstmordattentäterinnen eingesetzt haben.

Bei Anschlägen und Angriffen durch Boko Haram sind im Nordosten Nigerias und den angrenzenden Gebieten seit 2009 mindestens 20.000 Menschen getötet worden. Rund 2,5 Millionen Menschen sind in der Region vor der Gewalt geflohen. Nach Uno-Angaben sind dort etwa fünf Millionen Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen.

cht/AFP/Reuters/AP

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