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Reporter bei Boko Haram: "Sie schnippen mit dem Finger - und wir sind tot"

Ein Interview von

Nigeria: Krieg gegen Boko Haram Fotos
AFP

Boko Haram terrorisiert Nigeria mit Anschlägen, Entführungen und Vergewaltigungen. Der deutsche Journalist Michael Obert hat die Extremisten getroffen. Ein Gespräch über die Macht der Milizionäre.

Zur Person
  • David Fischer
    Michael Obert, 48, berichtet als freier Journalist seit 20 Jahren aus Afrika und dem Nahen Osten. Sein erster Film "Song From the Forest" kommt am 11. September in die deutschen Kinos.
Die Terrorsekte Boko Haram verfolgt ein radikales Ziel: Sie will alles Westliche zerstören und ein islamisches Imperium errichten. Dafür mussten in Nigeria Tausende Menschen sterben: Seit 2001 soll es bei den Kämpfen mehr als 10.000 Tote gegeben haben, knapp 300.000 Menschen mussten fliehen.

Aber erst seit Boko Haram im April mehr als 200 Schulmädchen entführt hat, bekommt die Miliz weltweit Aufmerksamkeit. Mit #BringBackOurGirls begann eine globale Twitter-Kampagne, an der sich sogar Michelle Obama beteiligte. Dennoch fehlt von den meisten der Mädchen weiter jede Spur. Und auch die Miliz selbst bleibt mysteriös: Ein direkter Kontakt mit den Kämpfern ist kaum möglich.

Der deutsche Journalist Michael Obert hat ein Boko-Haram-Mitglied getroffen. Er war für die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift "Geo" auf der Suche nach den Extremisten.

SPIEGEL ONLINE: "Seien Sie bereit, grausam zu sterben", das hat Ihnen ein nigerianischer Politiker gesagt, bevor Sie Boko Haram trafen. Warum sind Sie trotzdem hingegangen?

Michael Obert: Alle sprechen über Boko Haram, aber niemand mit ihnen. Diese Sekte ist eine abgeschlossene Welt. Nicht einmal in Nigeria weiß man, wer diese Leute sind. Das wollte ich ändern.

SPIEGEL ONLINE: Wie war die Lage in den Gegenden, durch die Sie gereist sind?

Obert: In Nordnigeria herrscht ein Klima der Todesangst. Dort ist Boko Haram besonders mächtig, die Islamisten kontrollieren ganze Gebiete. Die Leute trauen sich nicht einmal, den Namen auszusprechen. Sie sagen "the boys", statt "Boko Haram" - als ob schon diese vier Silben den Tod bedeuteten. Und das können sie tatsächlich.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Obert: Einmal gingen wir mit einem Informanten über eine Straße und fragten ihn nach Boko Haram, als gerade ein Geländewagen mit abgedunkelten Scheiben vorbeifuhr. Unser Mann drehte total durch, drückte uns panisch in unser Auto und schrie: "Sie sind überall, sie brauchen nur mit dem Finger zu schnippen - und wir sind tot."

Niemand weiß genau, wie groß Boko Haram inzwischen ist. Einige Experten gehen von etwa 5000 Kämpfern aus, denen Verbindungen zu al-Schabab in Somalia und al-Qaida nachgesagt werden. Hinzu kommt ein 32-köpfiger Rat um den Anführer Abubakar Shekau, der entscheidet, wo gemordet wird. Dieser Zirkel hat wohl Verbindungen bis in höchste Regierungsämter.

SPIEGEL ONLINE: Warum schafft es die Regierung nicht, Boko Haram aufzuhalten?

Obert: Weil die Sekte quasi unsichtbar ist. Sie kann immer und überall aus dem Nichts heraus zuschlagen. Ihre Kämpfer tragen keine Uniform. Dein Chef kann bei Boko Haram sein, dein Nachbar, selbst dein Bruder. Jeder misstraut jedem, der Terror ist überall.

SPIEGEL ONLINE: Welche Auswirkung hat das?

Obert: Ich habe eine Familie kennengelernt, die ihren Sohn ausstieß, weil er nach einem Aufenthalt im Norden "irgendwie anders" war. Die Familie hatte den Verdacht, er sei zu Boko Haram übergelaufen - obwohl der Mann alles bestritt. Ein brutaler Riss der Angst geht durch die nigerianische Gesellschaft.

Die Anschläge von Boko Haram fordern immer mehr Opfer. Mit der Schulmädchen-Entführung sei man ganz oben in der Eskalationsspirale angekommen, sagt Obert. " Erst erschießen sie einen Dorfbewohner, dann zehn, dann 100 - bis man es auch in Europa und Amerika registriert."

SPIEGEL ONLINE: Wer verübt all die Morde, die der Rat in Auftrag gibt?

Obert: Viele junge Männer, die zusehen müssen, wie Nigerias Erdöl ausgebeutet wird, auch vom Westen, während sie selbst in absoluter Armut leben. Diese Männer wollen sich nicht mehr mit ein paar Glasperlen abspeisen lassen, wie sie ihren Vätern vielleicht noch genügt haben. Die sagen: "Gebt uns unseren Anteil - oder wir legen euch um."

SPIEGEL ONLINE: Abgesehen von den Entführungen verlaufen Boko-Haram-Anschläge oft nach dem gleichen Schema, während der WM griffen sie häufig Public Viewings an. Warum?

Obert: Offiziell richten sich die Anschläge gegen die westliche Lebensweise. Ich glaube aber, dass Boko Haram schlicht die westlichen Medienmechanismen verstanden hat und sie mit kaltem Kalkül für ihre perfide PR nutzt. Mit einem Anschlag auf ein Fußballstadion laufen sie eher bei SPIEGEL ONLINE und der BBC. Und je mehr Leute zuschauen, desto besser für sie. Wer würde sonst die Videobotschaften von Abubakar Shekau hören? Je mehr ihn hören, desto mehr Anhänger kann Boko Haram rekrutieren.

SPIEGEL ONLINE: Am Stadtrand von Abuja haben Sie schließlich einen Boko-Haram-Ideologen getroffen. Wie würden Sie den Mann beschreiben?

Obert: Er sah aus wie ein ganz normaler Nigerianer von nebenan. Groß, feingliedrige Hände, wache Augen, einfaches afrikanisches Gewand. Aber je länger er redete, desto mehr kam das Gesicht des Terroristen zum Vorschein. Er sagte: "Boko Haram wird den Sahel in eine Hölle für Ungläubige verwandeln."

SPIEGEL ONLINE: Wie hat er die Gewalt gerechtfertigt?

Obert: Ich habe ihn gefragt: Warum greift ihr wehrlose Dörfer an, in denen oft auch eure Glaubensbrüder leben, warum tötet ihr Alte und Kinder? Warum treibt ihr sie auf den Dorfplatz und erschießt sie? Er antwortete: kollektive Bestrafung. "Wenn ein Einziger in der Dorfgemeinschaft mit den Sicherheitskräften kollaboriert, töten wir alle - Männer, Frauen, Alte, Kinder."

SPIEGEL ONLINE: Was müsste passieren, um den Konflikt zu beenden?

Obert: Es hat in Nigeria immer wieder Rebellen gegeben, die jahrelang brutal agiert haben - und am Ende von der Regierung gekauft und integriert wurden. Aber dieses Mal könnte das schwierig werden. Boko Haram ist vernetzt mit internationalen Terrororganisationen - und schon viel zu mächtig geworden.

Korrektur: In einer früheren Version hieß es, Obert sei der erste deutsche Journalist, der mit den Extremisten sprach. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 14 Beiträge
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1. Ein großes Problem sind sicher auch
gott777 25.07.2014
... die Regierung. Würde man westliche "Freunde" um Hilfe bei der Bekämpfung bitten würde man diese sicher auch umfassend bekommen. Ansonsten denke ich über diese Gruppe genauso wie über die ISIS Irren. Das Volk am Reichtum des Landes unbedingt tieilhaben lassen, diese Mörder für die die Hölle selbst noch ein zu guter Ort wäre müssen aber allesamt ausgelöschen werden. Wir erleben hier Massaker an wehrlosen am laufenden Band die so manche abscheulichen Kriegsverbrechen von vor 70 Jahren übertreffen. Doch während wir hier noch immer diese Verbrechen aufarbeiten sind diese aktuellen, dringenden Abscheulichkeiten meist nur eine Randnotiz.
2. Erster Deutscher Journalist trifft Boko Haram
taylor74 25.07.2014
Im Oktober 2013 lief die TV-Doku "Gottes Krieger - Gottes Feinde" des deutschen Filmemachers Peter Kullmann und der Autorin Magdalena Maier auf ORF, danach auf 3Sat und im Juni 2014 Phoenix. https://www.youtube.com/watch?v=PmQLQ-ALdgQ Kullmann und Maier drehten nicht nur mehrfach in der "Heimstätte" Boko Harams, der Stadt Maiduguri, sondern trafen sich auch mit ranghohen Boko Haram Mitgliedern mit denen sie auch ein mehrstündiges TV-Interview führten. Sehr aufschlussreich, was Denken und Ziele von Boko Haram betrifft.
3. ein mutiger Mann, dieser Obert
echtschnell 25.07.2014
das erinnert an die Roten Khmer. Noch mag das Terrorregime der B.H. wachsen, aber je mehr Macht es gewinnt und sich zu institutionalisieren beginnt, desto angreifbarer wird es. Vgl. die vietnamesische Invasion in Kambodja.
4. Boko Haram ist ohne Zweifel
charlybird 25.07.2014
eine kriminelle Organisation von Terroristen, die den Islam als Schutzumschlag ihres grausamen Tatenkataloges benutzt. Man sollte sie nicht unterschätzen, da sie sie ihren Anhang religiös indoktriniert und in gewisser Weise als ideologische Alternative zu dem korrupten kapitalistischen System Nigerias steht. So einen Gegner kann man nicht ausschalten, wie z.B. einen simplen Diktator. Das wird noch ein langer Gang.
5. was macht man mit
mal so mal so 25.07.2014
Zitat von sysopAFPBoko Haram terrorisiert Nigeria mit Anschlägen, Entführungen und Vergewaltigungen. Als erster deutscher Journalist hat Michael Obert die Extremisten getroffen. Ein Gespräch über die Macht der Milizionäre. http://www.spiegel.de/politik/ausland/boko-haram-in-nigeria-reporter-michael-obert-ueber-die-terrormiliz-a-982681.html
solchen organisationen? wie können wir da dagegen wirken? oder gibts leute die die unterstützen?
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Hauptstadt: Abuja

Staats- und Regierungschef: Muhammadu Buhari

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