Terrorgruppe Boko Haram Gespalten und noch gefährlicher

Zwei Anführer bekämpfen sich, große Teile des Territoriums sind verloren: Die Terrorgruppe Boko Haram ist in der Krise - und will dies kompensieren. Ein Chef droht, "die ganze Welt zu erschüttern".

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Im äußersten Nordosten Nigerias, in der Nähe des Tschadsees, tut sich Außergewöhnliches: In den vergangenen Tagen sind mehrfach rivalisierende Fraktionen der Terrororganisation Boko Haram mit schweren Waffen aufeinander losgegangen. Bei mindestens drei Gefechten in der Provinz Borno wurden mehrere Kämpfer getötet, Dorfbewohner sind vor den Übergriffen geflüchtet.

Auslöser der Kämpfe ist ein Führungsstreit innerhalb von Boko Haram, der islamistischen Terrormiliz, die in den vergangenen sieben Jahren in Nigeria und den Nachbarstaaten mindestens 20.000 Menschen getötet hat. Tausende weitere wurden verschleppt, rund 2,6 Millionen Nigerianer aus ihrer Heimat vertrieben.

Im vergangenen Jahr hatte Boko-Haram-Anführer Abubakar Shekau dem selbsternannten Kalifen des "Islamischen Staat" (IS), Abu Bakr al-Baghdadi, die Treue geschworen und seine Terrormiliz damit formal dem IS angegliedert. Der "Islamische Staat" bezeichnete Boko Haram seither als seine "Provinz Westafrika".

Der Sohn des Gründers soll übernehmen

Anfang August nahm sich die IS-Führung im Irak und in Syrien das Recht heraus, einen neuen Statthalter in ihrer "Provinz Westafrika" einzusetzen: Abu Musab al-Barnawi. Der junge Mann, dessen Alter auf höchstens Mitte zwanzig geschätzt wird, ist der Sohn von Muhammed Yusuf, jenem islamischen Prediger, der Boko Haram nach der Jahrtausendwende gegründet hatte. Yusuf kam 2009 unter ungeklärten Umständen in Haft ums Leben, nigerianische Behörden behaupten, er sei bei einem Fluchtversuch erschossen worden. Nach Yusufs Tod übernahm Shekau die Führung von Boko Haram, mit ihm an der Spitze eskalierte die Gewalt gegen Christen - aber eben auch gegen Muslime.

Diese Terroranschläge auf Schulen, Märkte und Moscheen, bei denen Boko Haram oftmals Mädchen als Selbstmordattentäterinnen einsetzte, haben offenbar die IS-Führung dazu veranlasst, Shekau abzusetzen. In seiner ersten Rede als "Statthalter der Provinz Westafrika" versprach sein Ersatz Barnawi, Moscheen und muslimische Märkte künftig zu verschonen. Dafür werde seine Miliz "jede Kirche in die Luft sprengen, die wir erreichen können".

Die Antwort des degradierten Terrorchefs Shekau ließ nicht lange auf sich warten: Nach Monaten Funkstille, in denen mehrfach Gerüchte über seinen Tod die Runde gemacht hatten, meldete sich Shekau gleich zweimal zu Wort. Zuerst in einer Audiobotschaft, dann per Video: Darin beschuldigte er Barnawi, einen Putsch gegen ihn angezettelt zu haben. Shekau machte deutlich, dass er sich weiterhin als Anführer von Boko Haram betrachtet. Seine Unterstützer riefen in dem Clip: "Wir werden Abu Musab nicht folgen."

Auffällig ist, dass Shekau sich selbst nicht mehr als Statthalter des IS bezeichnet, sondern wieder als Imam der "Vereinigung der Sunniten für den Aufruf zum Islam und den Dschihad". So nennt sich Boko Haram selbst offiziell seit 2010. In dem Namen steckt auch der Kern der Boko-Haram-Ideologie: Shekau rechtfertigte die Anschläge auf andere Muslime damit, dass sie seinen Ruf zum Dschihad nicht befolgten und damit vom Islam abgefallen seien. Das ging offenbar selbst dem IS zu weit, oder schien zumindest nicht die richtige Botschaft, um den Zulauf zur Terrororganisation in Nigeria zu stärken.

Nigerias Präsident Buhari feiert Erfolge

Denn Boko Haram ist seit Monaten in der Defensive: Die Miliz hat große Teile der Provinz Borno verloren, die sie noch vor einem Jahr weitgehend kontrolliert hatte. Der 2015 gewählte nigerianische Präsident Muhammadu Buhari hat sein Versprechen, die Terrororganisation auszulöschen, zwar noch nicht erfüllt. Aber die Armee hat deutlich an Boden gewonnen.

Unter dem militärischen Druck beginnt Boko Haram nun auseinanderzubrechen. Mit dem Rückzug sind der Miliz nämlich auch Einnahmen aus Überfällen, Erpressungen und Schmuggel verloren gegangen. In den Camps der Terrorgruppe im Sambisa-Wald fehlt es inzwischen an vielem, allem voran an ausreichend Nahrung. Dadurch wächst die Unzufriedenheit mit Shekau, und der vom IS eingesetzte Barnawi kann mehr und mehr Anhänger um sich scharen.

Mittelfristig dürfte die Spaltung der Terrormiliz der nigerianischen Regierung helfen, denn beide Fraktionen verschwenden Kämpfer und Ressourcen im Bruderkampf. Kurzfristig aber droht eine Eskalation, denn beide Parteien dürften ein großes Interesse daran haben, mit spektakulären Terroranschlägen auf sich aufmerksam zu machen. Shekau hat bereits angekündigt, er werde "Nigeria und die ganze Welt" erschüttern.


Zusammengefasst: In der nigerianischen Terrormiliz Boko Haram tobt ein Richtungsstreit. Nachdem sich die Terrororganisation offiziell dem "Islamischen Staat" (IS) anschloss, hat der IS einen neuen Anführer eingesetzt. Der bisherige Boko-Haram-Chef will seinen Posten aber nicht räumen. Nun gehen die rivalisierenden Fraktionen aufeinander los.

insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
Airkraft 12.09.2016
1. Halt auch nur ein Geschäft,...
Halt auch nur ein Geschäft, wie viele andere auch. Ein entsprechender ideologischer Überbau wir dann passend dazu konstruiert :-(
olli08 12.09.2016
2. Letztendlich ...
... sind die meisten Islamisten nur Männer mit unterentwickeltem Selbstbewusstsein, zudem zumeist sexuell frustriert, die nicht in der Lage sind, ihr Leben ohne Befehl von oben in den Griff zu kriegen. Die übrigen Islamisten sind diejenigen, welche die erstgenannten für ihre kriminellen Ziele ausnutzen. Miteinander, gegeneinander, was macht das noch für einen Unterschied?
Nick Selter 12.09.2016
3.
Zitat von AirkraftHalt auch nur ein Geschäft, wie viele andere auch. Ein entsprechender ideologischer Überbau wir dann passend dazu konstruiert :-(
Wenn man sich die Terrororganisationen weltweit ansieht, scheint sich ein bestimmter ideologischer Überbau aber irgendwie besser zu eignen als andere. Ich habe jetzt z.B. von noch keiner Terrororganisation gehört die den Zoroastrismus weltweit durchsetzen will.
weem 12.09.2016
4. Pfeifen im Walde
Grundsätzlich ist es sehr zu begrüßen, dass sich beide Seiten untereinander bekämpfen. Hier kann man nur hoffen, dass dieser Disput noch sehr lange währen wird. Inwieweit man die Drohung, sie werden die ganze Welt erschüttern, ernst nehmen kann, sei mal dahingestellt. Persönlich bezweifle ich, dass die Gruppierung die Logistik, Technik und finanziellen Mittel besitzt, einen Anschlag in der Größenordnung durchzuführen. Mich erinnert das mehr an den ehemaligen Irakischen (Verteidigung ?) Minister, mit seiner berühmten Rede, es sei alles unter Kontrolle und im Hintergrund fuhren die amerikanischen Panzer durch das Bild..
dabdudab 12.09.2016
5. an outsider-realist
Mir fallen da spontan ein: Die Malediven, Aserbaidschan, Senegal,
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