Boko Haram Die Kriminellsten unter den Dschihadisten

In der Terrorgruppe Boko Haram tummeln sich Banditen und Räuber. Die Religion ist für sie nur ein Feigenblatt. In der Dschihad-Szene sind die Kämpfer schlecht angesehen - manche ihrer Taten gelten gar als unislamisch.

Von "Zenith"-Autor Yan St-Pierre

Boko-Haram-Kämpfer in Nigeria: "Ein Albtraum für nigerianische Sicherheitsbehörden"
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Boko-Haram-Kämpfer in Nigeria: "Ein Albtraum für nigerianische Sicherheitsbehörden"


Zur Person
Yan St-Pierre ist Geschäftsführer und Mitinhaber des Berliner Unternehmens Modern Security Consulting Group (Mosecon). Der promovierte Politikwissenschaftler beschäftigt sich seit Mitte der neunziger Jahre mit Terrorismus und politischer Gewalt.
Boko Haram besitzt in der terroristischen Szene ein schlechtes Image. Die Gruppe gilt anderen Dschihadisten vor allem als Schlägertrupp. Die Massenentführung von Schülerinnen aus Chibok im April hat ihr Ansehen noch verschlechtert. Qaida-Anhänger verurteilten die Tat sogar als unislamisch und unmenschlich.

Vor allem im Westen fragen sich bis heute viele, welche Ziele Boko Haram eigentlich verfolgt und wie die Gruppe funktioniert. Offiziell wurde sie im Jahr 2002 von Mohammed Yusuf gegründet - ihre Wurzeln liegen in einer muslimischen Jugendorganisation aus dem Nordosten Nigerias. Yusuf übernahm Mitte der Neunzigerjahre die Führung und unterstützte die Radikalisierung der Gruppe. Er benannte sie um in "Boko Haram" - also etwa "Westliche Bildung ist verboten". Yusuf lehnte westliches Wissen ab. Er bestritt, dass die Erde rund ist und Regen ein Naturereignis.

Boko Haram ist unberechenbar

Politiker setzten Boko Haram als Schlägertrupp für Wahlkampagnen, Einschüchterungsversuche oder Erpressungen ein. Dies verschaffte Yusuf Geld und Macht. Die wachsenden Ressourcen begünstigten die Entwicklung eines paramilitärischen Flügels. Daher griff die nigerianische Regierung im Jahr 2009 Boko Haram an, zerschlug Teile des bewaffneten Flügels und nahm Mohammed Yusuf fest. Drei Monate später starb er im Gefängnis.

Auf Yusuf folgte Abubakar Shekau als neuer Anführer. Er führt seitdem einen "Heiligen Krieg" gegen Ungläubige, die Regierung und alles Westliche.

Dschihad ist - wie Terrorismus - politisch. Bei Boko Haram ist jedoch die politische Motivation kaum zu erkennen. 2011 attackierten die Kämpfer zwar den Uno-Sitz in Abuja*, der Hauptstadt Nigerias, aber die meisten ihrer Angriffe sind brutale Plünderungen von Dörfern und Kleinstädten. Es sind spontane, opportunistische Angriffe mit dem Ziel, weitere Ressourcen - inklusive Frauen und Geld - zu erbeuten. Ansaru, eine ehemalige Fraktion Boko Harams, trennte sich 2012 genau aus diesem Grund von der Gruppe: Sie war der Ansicht, dass Boko Haram keine politische oder internationale Richtung verfolgt.

Seit dem Tod Mohammed Yusufs ist Boko Haram eine richtungslose Organisation. Jeder kann sich als Mitglied oder Kämpfer bewerben; Banditen, Kleinkriminelle, verzweifelte Opportunisten, gewaltbereite und machthungrige Leute können den Namen Boko Haram für ihre Interessen benutzen. Der Kern um den neuen Anführer Shekau betrachtet das als Vorteil: Die Fähigkeit, Terror zu verbreiten, ist gestiegen und damit auch die Unberechenbarkeit.

Boko Haram kann jeder sein, überall gleichzeitig - ein Albtraum für die nigerianischen Sicherheitsbehörden. Die Milizionäre erobern Territorium, errichten Basen, setzen selbstgebastelte Bomben, Autobomben und Selbstmordattentäter ein, die teilweise noch Kinder sind. Hinzu kommen zeitlich koordinierte Anschläge - landesweit, nicht nur in einer Stadt - sowie regelmäßige taktische Angriffe in südlich gelegenen Städten wie Lagos, Abuja oder Jos. Boko Haram entwickelt langsam eine Richtung, eine Struktur und mutmaßlich eine starke, organisierte Führung. Dschihadismus ist das aber noch nicht.

Religiöse Rhetorik als Feigenblatt

Als Shekau im August in einem Video das Kalifat "Boko Haram" im Nordosten Nigerias ausrief*, stieß die Ankündigung denn auch nicht auf viel Echo. Selbst radikale Islamisten reagierten gespalten.

Zum einen erschienen solche Erklärungen angesichts der gerade erst erfolgten Proklamation eines "Kalifats" durch den "Islamischen Staat" in Syrien und im Irak lächerlich. Der zweite Grund dafür ist noch simpler: Boko Haram fehlt die religiöse und politische Glaubwürdigkeit.

Der Fokus der Gruppe richtet sich nicht auf Religion oder Politik, sondern auf Finanzen. In den vergangenen Monaten hat Boko Haram seine Rolle im Drogenhandel stark ausgeweitet. Die Gruppe kontrolliert mittlerweile die meisten Schmuggelrouten Nord- und Ostnigerias und ist zum Ansprechpartner für Handel und Logistik bis zum Sudan geworden. Aktuelle Informationen weisen auf eine Zusammenarbeit mit der libanesischen Hisbollah und ostafrikanischen Gruppen hin; auch dabei handelt es sich aber offenbar um reine Geschäftspartnerschaften. Im Fokus stehen Macht und Geld; die Verwendung religiöser Rhetorik ist nur ein Feigenblatt für kriminelle Aktivitäten.

Strategien im Kampf gegen organisierte Kriminalität können auch im Fall von Boko Haram effektiv sein. Da die Hauptmotivation eher Macht als Glaube ist, sollte die nigerianische Regierung im Norden des Landes eine Wiederaufbaupolitik beginnen, in Kombination mit einer militärischen Kampagne, die auf die Schmuggelrouten zielt. In einem Land mit weit verbreiteter Korruption, stark voneinander getrennten Regionen und kaum überwachten Grenzen ist ein erfolgreicher Kampf gegen Boko Haram extrem schwierig. Jedoch nicht deshalb, weil die Kämpfer sich selbst als Krieger Allahs bezeichnen.

Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe des Magazins "zenith".

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