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Abkommen über Waffenruhe: Boko Haram zwingt Nigeria in die Knie

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AFP/ Boko Haram

Seit einem halben Jahr hat die Terrorgruppe Boko Haram in Nigeria mehr als 200 Mädchen in ihrer Gewalt. Nun sollen die Schülerinnen freikommen - das sieht das Waffenstillstandsabkommen vor. Der Staat hat sich erpressbar gemacht.

Fast auf den Tag genau ein halbes Jahr ist vergangen, seitdem die islamistische Terrorgruppe Boko Haram mehr als 230 Mädchen aus einer Schule im Nordosten Nigerias entführt hat. In der Nacht vom 14. auf den 15. April drangen die Extremisten in die Oberschule in Chibok ein und verschleppten die etwa 15 bis 18 Jahre alten Schülerinnen.

Der Name Boko Haram bedeutet übersetzt so viel wie "westliche Bildung ist Sünde". Die Islamisten haben in den vergangenen Jahren schon mehrfach Schulen überfallen, Kinder entführt und Lehrer vor den Augen ihrer Schüler getötet. Ginge es nach den Extremisten, sollten in Nigeria nur der Koran sowie islamische Geschichte und Rechtsprechung gelehrt werden, Mädchen sollten am besten gar keine Schulen besuchen.

Die Entführung der Schülerinnen aus Chibok erregte weltweites Aufsehen. Nie zuvor hatte Boko Haram so viele Mädchen auf einmal entführt und öffentlich vorgeführt. Auf einem Video, das kurz nach der Verschleppung veröffentlicht wurde, zeigten die Islamisten etwa 130 Mädchen. Sie wirkten darin verängstigt, trugen Schleier und rezitierten Koranverse. Boko-Haram-Anführer Abubakar Shekau kündigte an, die Mädchen auf dem Markt verkaufen zu wollen - schließlich seien sie Sklaven.

Präsidentenberater ist "vorsichtig optimistisch"

Im Internet forderten Zehntausende Menschen aus aller Welt die sofortige Freilassung der Schülerinnen. Unter dem Hashtag #BringBackOurGirls veröffentlichten Prominente Fotos, auf denen sie sich solidarisch mit den Entführten zeigten. Die bekannteste unter ihnen war die First Lady der Vereinigten Staaten, Michelle Obama.

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Boko Haram: Terror in Nigeria
Doch die internationale Aufmerksamkeit richtete sich bald auf andere Konflikte, das Schicksal der Mädchen geriet in Vergessenheit - bis vor wenigen Tagen vier Mädchen auftauchten, die zur Gruppe der Entführten gehört haben sollen. Sie berichteten, dass sie in einem Lager im Nachbarland Kamerun festgehalten worden seien. Die Boko-Haram-Terroristen hätten sie dort täglich vergewaltigt. Dann sei ihnen die Flucht gelungen, erst nach einem dreiwöchigen Fußmarsch seien sie in ihre Heimat zurückgelangt.

Nun scheint auch für die anderen entführten Schülerinnen die Freiheit greifbar. Am Freitag verkündete Nigerias Armee, dass sie einen Waffenstillstand mit Boko Haram vereinbart habe. In dem Abkommen habe die Terrorgruppe die Freilassung der Mädchen versprochen. "Boko Haram hat versichert, dass alle Mädchen am Leben sind und dass es ihnen gut geht", sagte Regierungssprecher Mike Omeri.

Er bestätigte, dass es in den vergangenen Wochen Geheimgespräche zwischen Regierung und Extremisten gegeben habe. Nach Angaben eines Regierungsbeamten sollen die Verhandlungen im Tschad stattgefunden haben. Boko Haram hat die Einigung bislang nicht bestätigt.

Die Einzelheiten der Vereinbarung sind derzeit noch unbekannt: Der nigerianische Staat hat bislang keine Angaben zu möglichen Zugeständnissen an die Islamisten gemacht. Unklar ist auch, wann und wo die Mädchen freigelassen werden sollen. Nach Angaben von Präsidentenberater Hassan Tukur sollen diese Details bei einem weiteren Treffen in der kommenden Woche in Ndjamena, der Hauptstadt des Tschad, besprochen werden. "Ich bin vorsichtig optimistisch", sagte Tukur der BBC über die Erfolgsaussichten dieses Termins.

Boko Haram wird immer mächtiger

Boko Haram hatte die Freilassung von Kämpfern aus nigerianischer Haft gefordert. Darunter ranghohe Mitglieder der Gruppe wie Kabiru Sokoto, der für Anschläge auf Kirchen an den Weihnachtsfeiertagen 2011 verantwortlich gewesen sein soll. Damals starben 44 Menschen.

Nigerias Regierung hatte diese Bedingungen kategorisch zurückgewiesen. Schließlich war die Festnahme von Anführern wie Sokoto einer der wenigen Erfolge im Kampf gegen Boko Haram. Doch eine andere Wahl hatte das Militär nicht: Ein gewaltsamer Befreiungsversuch hätte für viele Schülerinnen den sicheren Tod bedeutet.

Seit mehr als fünf Jahren kämpft der Staat gegen die Terrorgruppe, die seither immer mächtiger geworden ist. Nach Angaben von Präsident Goodluck Jonathan haben die Extremisten inzwischen mehr als 13.000 Menschen in Nigeria getötet.

Auch die Nachbarländer werden von den militanten Islamisten zunehmend bedroht: Teile Kameruns werden inzwischen von Boko Haram kontrolliert. Erst am Freitag, wenige Minuten nachdem Nigerias Armee die Feuerpause ausgerufen hatte, meldete Kameruns Verteidigungsministerium, dass bei Gefechten im Land acht Soldaten und mehr als hundert Terroristen getötet worden seien.

Die nun getroffene Vereinbarung dürfte sich als weiterer Erfolg für die Extremisten erweisen: Sie haben bewiesen, dass der nigerianische Staat erpressbar ist. Damit haben sie einen gefährlichen Präzedenzfall geschaffen. Die vereinbarte Waffenruhe kann schnell gebrochen werden. Die erfolgreiche Erpressung wird länger nachwirken.

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insgesamt 16 Beiträge
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1. verhandeln oder militärisch siegen
phalter 17.10.2014
welche Alternative gibt es zu Verhandlungen (und folglich Vereinbarungen, die automatisch die Terroristen anerkennen)?. Wer so nicht "Nachgeben" will, muss den Konflikt militärisch gewinnen. Daran glaubt wohl niemand. Dafür sterben die 200 Mädchen nicht für die Staatsräson. Hoffentlich.
2.
DMenakker 17.10.2014
Als erstes einmal, egal was man von solchen Deals hält, schön für die Mädchen. Denen gönne ich alles gute. Wenn die Regierung es jetzt richtig macht, nutzt sie den ausgerufenen "Waffenstillstand" um einen endgültigen Schlag gegen die Verbrecher vorzubereiten. Bei den ganzen afrikanischen Extremisten geht es nicht um Sieg oder Niederlage oder Teilautonomien, es muss um die Vollständige Ausrottung gehen. Gerne mit Hilfe der gesamten Freien Welt. Als es gegen Hitler ging, hat man ganze Städte in Schutt und Asche gelegt. Ich denke hier, egal ob Boko Haram oder ISIS sind mindestens gleichartige Angriffe angesagt. Es geht darum, die schlimmsten Verbrecher gegen die Menschlichkeit zu bekämpfen. Da sind nahezu alle Mittel erlaubt. Und nein, es geht nicht gegen den Islam. Es geht gegen einen extrem kleinen, vollständig pervertierten Teil des Islams. Wer sich davon angegriffen fühlt, sollte sich gut verstecken.
3. Das Übel aufschieben und vergrössern...
killi 17.10.2014
Aha, also anstelle einer gewaltsamen Befreiung mit hohen Opfern unter den Entführten und der Zerschlagung einer grösseren Einheit dieser Terrorgruppe, gibt man lieber klein bei, lässt Boko Haram dadurch noch mächtiger werden und wartet auf die nächste Grossentführung, bei der dann noch höhere Forderungen kommen. Manchmal muss man Kolateralschäden nunmal einkalkulieren! Das man immer schreibt, dass es den Entführten, den inhaftierten etc. "gut gehe", finde ich ziemlich unpassend. Wie kann es Menschen, die gegen ihren Willen festgehalten werden, gut gehen? Vorallem im Zusammenhang mit dieser Massenentführung, kann man kaum von einer solchen Tatsache sprechen, wird alleine in diesem Artikel schon erwähnt, dass die Mädchen täglich vergewaltigt werden...
4. Verhandlungen sind nichts neues...
auf_dem_Holzweg? 17.10.2014
macht doch unsere Regierung auch immer Zugeständnisse bei Entführungen. Nur halt nicht öffentlich, aber bezahlt wird trotzdem. Vorrangig sollte hier das Leben der Mädchen sein, was nach der Übergabe gemacht wird muss halt dann entschieden werden. In einem Land wie Nigeria kann man nicht mit "westlichen Maßstäben" entscheiden.
5. Habe zuletzt bei der Konkurrenz gelesen...
gerberth1 17.10.2014
... wie das nigerianische Militär die Leute in der Gegend behandelt, in der Boko Haram groß geworden ist. Nach dem, was da beschrieben war, wundert man sich nicht über die Entstehung so einer Bewegung. Das entschuldigt solche Taten natürlich nicht, aber wundern kann es einen auch nicht wirklich. Vor allem, wenn man bedenkt, was für einfache Leute das sind. Die schreiben nicht ihrem Abgeordneten, wenn sie mit den Verhältnissen unzufrieden sind. Kurz gesagt: Ausrotten wird man die Bewegung wohl kaum, höchstens durch gute Politik und Investitionen. Und das ist wohl zuletzt zu erwarten.
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