Bolton-Rücktritt Bye-bye, Betonköpfe

John Bolton als US-Botschafter bei der Uno - das war ein Treppenwitz. Endlich ist es vorbei. Die Neokonservativen in den USA sind am Ende. Man wüsste zu gerne, wie Bolton, Wolfowitz und Rumsfeld heute darüber denken, was sie im Nahen Osten angerichtet haben.


Erinnern Sie sich noch an Paul Wolfowitz? Das ist dieser kluge kleine Mann mit der sanften, leicht monotonen Stimme, der daran glaubte, dass die Iraker die US-Soldaten als ihre Befreier begrüßen würden. Er war die Nummer zwei im Pentagon, Stellvertreter des damaligen Verteidigungsministers Donald Rumsfeld, und ist heute Chef der Weltbank.

Wolfowitz ist das Schulbuchbeispiel für das Nebeneinander von Klugheit und Dummheit, oder um es netter auszudrücken: für die Koexistenz von Intellektualität und Naivität in einem Menschen.

Er war der Idealist, der sich darüber empörte, dass Amerika Diktaturen in Südkorea oder auf den Philippinen hinnahm, und er half dabei, daraus Demokratien zu machen. Ihn empörte gleichermaßen die Doppelmoral der amerikanischen Weltmacht im Nahen Osten: das Hinnehmen von Tyrannen oder Autokraten, wenn sie denn auf Öl saßen. Ihm schwebte eine Grand Strategy vor, und Irak sollte der Anfang sein. Demokratie auf Gottes Erdboden, überall: So sollte es sein, so will es die Geschichte.

Das ist ein schöner Traum, und dass er ihn geträumt hat, kann man ihm nicht vorwerfen. Man muß ihm aber vorwerfen, mit welcher Leichtfertigkeit Paul Wolfowitz Figuren wie Achmed Chalabi auf den Leim ging, wie begierig er dessen Behauptungen zu seinen eigenen machte und wie wenig Argwohn er, ein Intellektueller, seinen eigenen Prämissen schenkte.

Neue Ideen ausgerechnet zwei Tage vor dem Rücktritt

Wolfowitz ging als erster von denjenigen, die man halb zurecht, halb zu unrecht Neocons nannte. Er war wirklich ein Neocon, tief durchdrungen von der Aversion gegenüber lauer Liberalität, die sich mit dem Status quo abfindet, tief durchdrungen auch vom amerikanischen Idealismus, der gerne vieles falsch macht, aber am Ende doch das Richtige tut. So ähnlich hat Churchill seine Erfahrungen mit Amerika in ein Bonmot gefasst.

Donald Rumsfeld ist kein Neocon, kein Idealist wie Wolfowitz. Er ist ein amerikanischer Nationalist, der Krieg gegen Saddam führen wollte, weil das gut für Amerika war, wie er meinte. Er wollte den Krieg gewinnen, mit wenigen Truppen und wenig Aufwand. Von Nation Building hielt er anders als die Neocons ziemlich wenig.

Die Neocons, die den Nahen Osten aufrollen wollten, hätten eigentlich mit einer großen Invasionsarmee die Sache regeln müssen. Die Nationalisten à la Rumsfeld oder Cheney wollten Vergeltung für den 11. September und hielten Saddam für gefährlicher als diese komischen Taliban in Afghanistan.

Zu den Treppenwitzen des Abenteuers gehört, dass Rumsfeld zwei Tage vor seinem Rücktritt Änderungen für den Irak einfielen. Zwei Tage vor dem Rücktritt. Als hätte er keine Zeit gehabt, vorher.

Bolton, Typ Betonkopf, Typ America First - als Uno-Diplomat

John Bolton gehörte zu den dienstbaren Geistern, zu den Hausknechten, die sich immer um starke Figuren wie Rumsfeld scharen. Douglas Feith war auch so einer. Erinnert sich noch einer an ihn? Er durfte Geheimdienstleute kujonieren, die sich erfrechten, anderer Meinung über die Massenvernichtungswaffen zu sein, als es das Pentagon und das Büro von Vizepräsident Cheney wollten. Bolton landete als Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika bei den Vereinten Nationen. Noch ein Treppenwitz: Bolton, Typ Betonkopf, Typ America First, bei der Uno. Als Diplomat. Er ist jetzt zurückgetreten. Endlich.

Man wüsste natürlich gerne, wie Wolfowitz, Rumsfeld und Bolton heute darüber denken, was sie im Irak angerichtet haben, im Irak und im Gefolge im ganzen Nahen Osten. Ärgern sie sich die Krätze über sich selber? Ergehen sich sich in What-Ifs: Was wäre gewesen, wenn wir's anders gemacht hätten? Trinken sie sich einen an, wenn sie länger darüber nachdenken, was da passiert ist? Treibt sie die Diskrepanz zwischen Idee und Durchführung in den Wahnsinn?

Die Neocons und Irak, das ist der Stoff, aus dem Antiamerikanismus entstanden ist, als könne es gar nicht anders sein. Die Idee aber, die dem Neokonservativismus zugrunde liegt, nämlich dass der Status quo nicht alles sein kann, jedenfalls nicht dann, wenn die Verhältnisse so trostlos und so ungerecht sind wie im Nahen Osten, lag damals und liegt immer noch ziemlich auf der Hand.

Welche Ironie der Geschichte, dass man diese Idee heute gegen beide verteidigen muß: gegen die Neocons und deren Verächter.



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