Bomben auf Gaza "Es wurde höchste Zeit, dass Israel zurückschlägt"

Die israelische Bevölkerung steht in überwältigender Mehrheit hinter den Angriffen auf Gaza. Doch mit dem Hurra-Patriotismus könnte es schnell vorbei sein: Spätestens dann, wenn es doch noch zu einer verlustreichen Invasion am Boden kommt.

Aus Jerusalem berichtet Ulrike Putz


Jerusalem - "Mit den Arabern kann man keinen Frieden machen", sagt Yael und beißt in ihr Thunfisch-Sandwich, "Gewalt ist die einzige Sprache, die sie verstehen." Die Neunzehnjährige trägt die Kleidung der religiösen Jerusalemer Frauen: knöchellanger Rock, lange Ärmel, ein Kopftuch. Doch etwas ist anders.

Über ihren schwarzen Rollkragenpulli hat sie ein Sweatshirt gezogen. Es ist olivgrün, in gelb sind die Worte "Israeli Defence Force" und das Wappen der israelischen Armee draufgedruckt. "Ich will unsere Soldaten ehren", sagt Yael, die gerade Mittagspause hat. "Als Religiöse leiste ich keinen Wehrdienst, aber ich stehe voll hinter unseren Jungs."

Seit vier Tagen führt Israel Krieg, wieder einmal. Im Stadtzentrum von Jerusalem ist davon nichts zu spüren. Touristen und Einheimische schieben sich im Pulk durch die Fußgängerzone in der Ben-Jehuda-Straße. Die Geschäfte laufen so gut, dass Yael, die religiöse Mode verkauft, sich heute nur eine kurze Mittagpause gönnen kann. In dem Sandwich-Laden in dem sie sie verbringt, schwirrt das hebräische Wort für Krieg, "Milchama", hin und her.

"Endlich unternimmt die Regierung was", sagt der Wirt. "Die Araber haben uns ohne Unterlass bombardiert, es wurde höchste Zeit, dass Israel zurück schlägt."

"Ein paar Zivilisten sind umgekommen - na und?"

"Die europäischen Medien berichten falsch", beschwert sich Benjamin Phillip, auch er auf der Suche nach einem schnellen Imbiss. "Wieso wird die israelische Luftwaffe nicht gelobt, weil sie so viele Terroristen tötet? Nur, weil auch ein paar Zivilisten umgekommen sind?" Phillip kümmert sich ehrenamtlich um Terror-Opfer und begreift sich als Experte in Sachen Hamas. "Diese Leute glauben, dass sie in den Himmel kommen, wenn sie im Heiligen Krieg sterben. Wir tun ihnen also eigentlich einen Gefallen, wenn wir sie töten."

Der Krieg ist gerecht, läuft gut, kostet nicht viel

Quer durch alle Parteien, unabhängig von Herkunft und Grad an Religiösität herrscht unter den jüdischen Israelis die Meinung, dass der jetzige Waffengang ein probates Mittel ist, den Raketen-Terror der Hamas zu stoppen. Befeuert wird die Zustimmung durch den anhaltenden Erfolg, den Israels Presse täglich vermeldet. Der Krieg ist gerecht, läuft gut, und er kostet nicht viel, das ist der Tenor dessen, was man auf den Straßen Jerusalems heute hört.

Nahost-Konflikt
Die Gebiete
Im Grunde dreht sich der Konflikt um das Existenzrecht Israels und die Forderung nach einem eigenen Palästinenserstaat . Es gibt inzwischen palästinensische Autonomiegebiete - den Gaza-Streifen und das Westjordanland . Die Grüne Linie trennt die Gebiete von Israel. Um die israelischen Siedlungen in den umstrittenen Gebieten gibt es immer wieder Streit.
Die Gegner
Dem Staat Israel stehen einzelne Gruppierungen und Institutionen gegenüber: im Gaza-Streifen und Westjordanland die Palästinensische Autonomiebehörde | Hamas | Kassam-Brigaden | Volkswiderstandskomitee (PRC) | PLO | Fatah | Al-Aksa-Brigaden | Islamischer Dschihad | im Libanon die Hisbollah
Geschichte

Nun ist Einigkeit nichts, was in Israel zur Tagesordnung gehören würde. Die Bevölkerung ist zersplittert in Dutzende ethnische, politische und gesellschaftliche Gruppen. Vehement vertritt eine jede ihre eigene Agenda. Hinzu kommt eine streitlustige Presse, die jeden Disput mit Wonne anstachelt. Die Geschlossenheit, mit der Israels jüdische Bevölkerung nun hinter dem Gaza-Krieg steht, hat also Seltenheitswert.

"Der Konsens war so groß, dass er letztlich Politik gemacht hat", sagt Yossi Kuperwasser, ehemaliger General des Militär-Geheimdiensts und heute Sicherheitsberater der Regierung. "Es war der Druck aus der Bevölkerung, der Jerusalem nach langem Zögern dazu gebracht hat, grünes Licht für die Operation zu geben." Die Menschen hätten es einfach satt gehabt, dass ein Teil der Israelis im Raketenhagel hätte leben müssen, ohne dass das Militär einschreitet. "Die Leute hatten den Eindruck, dass sie im Stich gelassen werden. Dieses Gefühl ist heute weg, die Israelis stehen zusammen und hinter ihrer Regierung."

"Wer nicht für uns ist, ist gegen uns"

Die Friedensbewegung steht der Kriegsbegeisterung machtlos gegenüber. 1982 brachte sie 300.000 Menschen auf die Straße, um gegen ein von israelischen Truppen orchestriertes Massaker an palästinensischen Flüchtlingen im Libanon zu protestieren – das war damals jeder zehnte Bürger Israels. "Die Zeiten haben sich sehr geändert", sagt Sergio Yahni vom Alternativen Informationszentrum in Jerusalem. Gerade mal 2000 Demonstranten folgten am Samstag seinem Aufruf, gegen die Bombardements zu protestieren.

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Ein kleiner Erfolg, doch zu einem Preis, wie Yahni sagt. "Ich habe über ein Dutzend Drohanrufe erhalten, wurde beschimpft und erniedrigt." Überrascht haben ihn die Feindseligkeit nicht: "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns: Das Gefühl herrscht derzeit vor."

Die Frage ist, wie lange. Denn dass die Mehrheit für den Krieg ist, liegt auch daran, dass die Mehrheit ihn nur aus dem Fernsehen kennt. "Wenn wirklich eine Bodeninvasion starten sollte, wird die Zustimmungsrate sofort sinken", sagt Sicherheitsberater Kuperwasser. Von dem Moment an, in dem die ersten israelischen Soldaten fallen, werde sich die Begeisterung legen. "Die Überheblichkeit wird sich legen, wenn die schmerzhafte Realität sichtbar wird", sagt auch Demo-Organisator Yahni. Noch sei der Krieg für die meisten Israelis wie ein Fußball-Spiel. "Vorerst reicht es, für den eigenen Verein zu jubeln."

Der Hass wird nur vertieft

Dass ein am eigenen Leibe erlebter Krieg zu einer anderen Sicht der Dinge führen kann, zeigt eine Meldung, die es nur auf die hinteren Seiten der israelischen Tageszeitung "Yedioth Ahronoth" brachte. 500 Bewohner des Städtchens Sderot haben eine Petition unterschrieben, in der die Armee aufgefordert wird, ihre Operationen im Gaza-Streifen einzustellen und den Waffenstillstand zu erneuern, berichtet die Zeitung.

Sderot ist nah am Gaza-Streifen gelegen und der Ort, der am häufigsten von den Raketen palästinensischer Militanter getroffen wird. Längst ist er zum Symbol für den Raketen-Terror der Hamas geworden – und zum Sitz diverser Aktivisten-Gruppen, die ein hartes Vorgehen gegen die Raketenkommandos fordern.

Dagegen wehrt sich Arik Yalin, der die Bürgerbewegung ins Leben gerufen hat. "Wir haben die schrecklichen Härten des Lebens unter Raketen-Feuer acht Jahre lang erlebt, es hat uns mental und physische schwer verletzt", sagte Yalin der "Yedioth". Es sei ihnen wichtig, ihrer Stimme Gehör zu verschaffen, der Stimme "einer ganzen Anzahl Einwohner daran glauben, dass der andauernde Konflikt auf friedlichem Wege zu lösen sei.

Denn eine militärische Operation, so Yalin, werde nur den Hass auf beiden Seiten vertiefen.

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