Bombenangriff in Afghanistan Kabul prangert Tötung von 76 Zivilisten an

Bei einem Bombenangriff westlicher Truppen in Westafghanistan sind nach Angaben des Innenministeriums in Kabul 76 Zivilisten ums Leben gekommen - vor allem Frauen und Kinder. Es sei ein "Unfall" gewesen. Die US-geführte Koalition meldet dagegen nur die Tötung von 30 Taliban-Kämpfern.


Kabul - Nach Einschätzung des Ministeriums handelte es sich um einen "nicht beabsichtigten Unfall". Eine Untersuchung sei eingeleitet worden. Dem Ministerium zufolge wurden zehn Experten in die Region entsandt.

Alle Opfer des Angriffs von Freitag seien Zivilisten, die getöteten Kinder alle unter 15 Jahre alt, hieß es in einer Mitteilung des afghanischen Innenministeriums. Neben 19 Frauen und 50 Kindern seien auch sieben Männer unter den Getöteten. Zudem gebe es mehrere Verletzte, einige befänden sich in einem kritischen Zustand.

Die Koalitionstruppen bestätigten den Vorfall nicht. Sie gaben lediglich an, bei einem Einsatz in der genannten Gegend 30 Taliban-Kämpfer getötet zu haben, darunter einen Kommandeur.

Der Sprecher des Weißen Hauses, Gordon Johndroe, warnte derweil vor voreiligen Schlüssen. "Ich würde sagen, die USA und die Nato haben große Anstrengungen unternommen, um Zivilisten zu schützen. Und ich würde immer auch vorsichtig sein bei ersten Berichten aus Afghanistan", sagte er in Crawford im US-Bundesstaat Texas.

Dem Kampf der Koalitionstruppen gegen die Taliban fallen in Afghanistan immer wieder Zivilisten zum Opfer. Mitte August töteten die Koalitionstruppen nach eigenen Angaben acht Zivilisten bei einem Einsatz in der zentralafghanischen Provinz Urusgan. Im Juli wurden bei zwei Luftangriffen der internationalen Truppen insgesamt 64 Zivilisten getötet, die meisten von ihnen Frauen und Kinder, die Gäste einer Hochzeitsgesellschaft waren.

Auch die Gewalt gegen die Isaf-Schutztruppe reißt in dem Land nicht ab: Bei einem Bombenanschlag in der südlichen Unruheprovinz Kandahar starben drei kanadische Soldaten. Isaf-Angaben zufolge ereignete sich der Vorfall bereits am Mittwoch. Kanada hat etwa 2500 Soldaten in Afghanistan stationiert.

Nördlich von Kabul wurden am Freitag zudem drei italienische Isaf-Soldaten durch eine Bombe verletzt. Der Sprengsatz sei explodiert, als ein italienischer Trupp Begleitschutz leistete.

Seit Jahresbeginn sind in Afghanistan mehr als 180 ausländische Soldaten ums Leben gekommen. Erst am Mittwoch waren in der Provinz Ghasni drei polnische Isaf-Soldaten bei einer Minenexplosion getötet worden. Zu Wochenbeginn starben zehn Franzosen bei Kämpfen außerhalb von Kabul. Insgesamt wurden bei Kämpfen und Anschlägen bislang mehr als 3000 Menschen getötet, darunter etwa 1000 Zivilisten.

hen/AFP/dpa



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