Bombenangriffe in Istanbul PKK weist Schuld an Terroranschlag von sich

Tätersuche in Istanbul: Nach dem brutalen Doppelanschlag mit 17 Toten ist für türkische Medien und Behörden klar: Hinter dem Anschlag steckt die PKK. Doch die Kurdenorganisation weist jede Verantwortung zurück - auch deutsche Sicherheitskreise warnen vor voreiligen Schlüssen.

Von Ferda Ataman und Yassin Musharbash


Berlin - In Istanbul läuft die Suche nach den Drahtziehern des perfiden Doppelanschlags vom Sonntagabend. Doch belastbare Hinweise darauf, wer für das Massaker mit 17 Toten verantwortlich ist, gibt es bislang noch nicht. Alle Seiten sind auf Mutmaßungen, Spekulationen und Indizien angewiesen.

Türkischer Polizist am Tatort: Suche nach den Tätern läuft
DPA

Türkischer Polizist am Tatort: Suche nach den Tätern läuft

Der Mainstream der türkischen Presse hat die militante und verbotene Kurdische Arbeiterpartei PKK als Täter identifiziert: "Für die Anschläge ist die PKK verantwortlich", lautet eine Meldung im Online-Portal der Zeitschrift "Objektif". "Das zivile PKK-Massaker von Güngören", titelt die "Hürriyet" und spricht von einem "Kriegsschauplatz" der PKK. Der Anschlag sei nach einer "bekannten Methode der Organisation" abgelaufen, so die "Hürriyet".

Auch türkische Behördenvertreter deuteten am Sonntagabend an, dass sie die PKK für verantwortlich halten.

Ein Bekennerschreiben oder ein Bekenneranruf ist aber bisher nirgendwo eingegangen.

Die PKK selbst weist jede Schuld von sich. "Dies ist ein dunkles Ereignis ... Dieses Ereignis hat keinerlei Verbindung zum Kampf der Kurden für Freiheit", sagte der Leiter der politischen Sektion der PKK, Zübeyir Aydar. "Sie können keinerlei Verbindung mit der PKK herstellen", zitierte die mit der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei verbundene Nachrichtenagentur Firat den früheren Abgeordneten an diesem Montag.

Sicherheitskreise Vorgehen spricht gegen PKK-Verbindung

Auch deutsche Sicherheitskreise zweifeln an der PKK-Theorie. Wie bei jedem Terroranschlag gibt es drei Kriterien, die Rückschlüsse auf die Täter erlauben: Vorgehensweise, Zielauswahl und Tatort. Keines der drei Merkmale, hieß es am Montagvormittag aus Berlin, deute auf die PKK.

Die Täter hatten sich einer besonders perfiden Taktik bedient: Sie zündeten zunächst einen kleineren Sprengsatz - und erst, als sich Passanten begannen, um die Opfer zu kümmern, ließen sie nur rund 40 Meter vom ersten Explosionsort eine zweite, kräftigere Bombe hochgehen. Nur so erklärt sich die hohe Zahl der Toten - zur Stunde mindestens 17. Deutlich mehr als hundert Menschen wurden verletzt.

Eine solche Vorgehensweise kennt man - zumindest bisher - nicht von der PKK, so deutsche Sicherheitskreise. Man kennt sie dagegen von anderen islamistischen Terrorgruppen, so etwa im Irak und in Afghanistan.

Ähnliches gilt für den Tatort: Die PKK oder ihr nahe stehende militante Gruppen haben zwar durchaus in türkischen Städten Bomben gelegt - Istanbul haben sie bisher weitgehend gemieden. Anders mutmaßlich islamistisch inspirierte Gruppen: Im Herbst 2003 griffen Terroristen das britische Konsulat und eine britische Bank in Istanbul an und töteten mehr als 50 Personen. Erst vor einer Woche griffen drei Bewaffnete das US-Konsulat an. Alle wurden erschossen - man glaubt, dass es von al-Qaida inspirierte Attentäter waren.

Waren es militante Islamisten?

Ebenfalls schwer zu deuten, ist die Auswahl des Ziels: ein unbedeutendes Wohnviertel mitten in Istanbul. Die Tageszeitung "Milliyet" meint allerdings, einen möglichen Grund für diese Wahl gefunden zu haben. Ministerpräsident Tayyip Recep Erdogan habe für 20 Uhr am Sonntagabend einen Besuch bei einem Pferderennen auf seinem Terminkalender gehabt - im Stadtteil Zeytinburnu, nicht weit vom Anschlagsort entfernt. Kurzfristig habe er seinen Besuch dort "aus Sicherheitsgründen" abgesagt, so das Blatt. Sein Sprecher hat erklärt, die Absage habe mit dem Vorfall nichts zu tun.

Ein Sicherheitsbeamter in Berlin sagte: Angesichts dieser Unklarheiten warne man vor reflexhaften Vorverurteilungen.

Denn zugleich deuten nicht alle Umstände des Anschlags auf al-Qaida oder verwandte Organisationen hin. So richtete sich der Anschlag ausschließlich gegen Zivilisten. Zumindest in der Türkei haben militante Islamisten aber bisher fast ausschließlich westliche Ziele ins Visier genommen.

Auf den Web-Seiten, die al-Qaida und mit ihr kooperierende Terrorgruppen gewöhnlich nutzen, fand sich bis zum Montagmittag kein Bekennerschreiben zu der Greueltat.

Türkische Medien betonten am Montag, die PKK habe am Sonntag mit blutigen Anschlägen in türkischen Metropolen gedroht. Zuvor hatten türkische Sicherheitskräfte PKK-Milizen im Irak angegriffen und etliche Kämpfer getötet. Die Sicherheitsbehörden in Ankara und Istanbul hätten zudem Kenntnisse, die den Verdacht auf einen PKK-Anschlag erhärten. Türkische Medien zitieren den Istanbuler Gouverneur Muammar Güler in diesem Sinne.

Drei Festnahmen

In der Türkei herrschte ungebrochene Empörung über die grausame Taktik des Doppelanschlags. "Wir Türken haben eine schlechte Angewohnheit", schreibt ein Leser im Forum des Leitmediums "Hürriyet": "Während andere Völker bei einer Explosion das Weite suchen, rennen unsere Leute auf die Katastrophe zu, um zu helfen - wie bitter."

Türkische Sicherheitsbehörden nahmen noch in der Nacht im Zusammenhang mit dem Terroranschlag drei Teenager fest. Laut "Milliyet" hatte die Polizei unmittelbar nach den Explosionen einen Hinweis bekommen, dass sich die drei Jugendliche in einem Kohlekeller aufhielten - und zwar in einem Mehrfamilienhaus unweit des Anschlagsorts. Die Verdächtigen im Alter von 16 bis 17 Jahren sollen versucht haben, zu fliehen. Laut der Nachrichtenagentur Anka sagten sie aus, dass sie sich wegen der Bomben in den Keller geflüchtet hätten. Bis zum Mittag gab es noch keine weiteren Meldungen darüber, ob der Verdacht gegen die Jugendlichen sich erhärtet oder abgeschwächt hat.

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