Bombenterror in Istanbul Türkische Behörden vermuten PKK hinter Attentat

Blutbad in Istanbul: Attentäter haben auf einer belebten Straße kurz hintereinander zwei Bomben gezündet - 16 Menschen starben, mindestens 150 wurden verletzt. Die türkischen Sicherheitsbehörden verdächtigen einem Fernsehbericht zufolge kurdische Terroristen.


Istanbul - Die Terroristen gingen besonders heimtückisch vor: Zunächst zündeten sie gegen 21.45 Uhr im Stadtteil Güngören auf der europäischen Seite der Stadt in einem Abfallkorb einen kleinen Sprengsatz. Als Helfer und Schaulustige zum Explosionsort auf der belebten Straße liefen, folgte etwa zehn bis zwölf Minuten später die zweite, weitaus größere Detonation. Auch diese Bombe soll ersten Erkenntnissen zufolge in einem Mülleimer deponiert gewesen sein. Die Explosion war noch in zwei Kilometern Entfernung zu hören, die Wucht war verheerend. Viele Opfer starben noch am Anschlagsort, wurden durch die Sprengkraft regelrecht zerfetzt.

Auf Fernsehbildern waren zahlreiche Verletzte auf der Straße zu sehen. Blutende wurden in Krankenwagen getragen. Der Tatort war nach den Detonationen voll mit Glasscherben, Kleidungsstücken, Schaufensterpuppen und Trümmerteilen. In dem Viertel Güngoren lebten "ganz normale Menschen", die ihrer Arbeit nachgingen, und es sei schwer vorstellbar, wer hier einen Bombenanschlag verüben könnte, sagte ein Korrespondent des Senders CNN.

Es ist der folgenschwerste Terroranschlag in Istanbul seit fünf Jahren: Die Zahl der Toten gab der Gouverneur der Stadt, Muammer Güler, mit 13 Menschen an. Etwa 70 Menschen seien verletzt worden, sagte er. Später wurden die Zahlen nochmals nach oben korrigiert: 16 Tote und 150 Verletzte sind zu beklagen. 15 von ihnen schwebten noch in Lebensgefahr, teilte das Amt des Gouverneurs mit. "Es gibt keinen Zweifel, dass es sich um einen Terroranschlag handelt", erklärte Güler.

Staatspräsident Abdullah Gül und Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan verurteilten den Anschlag auf das Schärfste. "Mit dem Töten unschuldiger Menschen und mit Terrorismus können keine Ziele erreicht werden", erklärte Gül. "Diese Anschläge zeigen, wie unmenschlich und armselig die Urheber sind."

PKK im Verdacht

Die Sicherheitsbehörden vermuten die verbotene kurdische PKK hinter dem Anschlag, berichtete der türkische Nachrichtensender NTV. Bis Mitternacht hatte sich noch niemand zu der Tat bekannt, genauso wenig irgendeine islamistische Terrorgruppe auf den von ihnen üblicherweise verwendeten Internet-Seiten.

In Istanbul wurden bereits mehrere Attentate der PKK zugeschrieben, die seit 1984 für die Unabhängigkeit des Kurdengebietes kämpft. In dem Konflikt kamen bislang mehr als 37.000 Menschen ums Leben.

Die türkische Regierung geht gegen die kurdischen Rebellen auch im Nachbarland Irak vor. Erst in der Nacht zum Sonntag griff die türkische Luftwaffe Stellungen von PKK-Rebellen im Nordirak an. Zuvor hatte die türkische Armee schon in der Nacht zum Donnerstag PKK-Stellungen im Irak beschossen. Am 8. Juli hatte ein Kommando der PKK drei Bergsteiger aus Bayern am Berg Ararat in der Osttürkei verschleppt. Am 20. Juli waren die drei Männer dann unversehrt wieder freigelassen worden.

Anfang Juli war in Istanbul das US-Konsulat Ziel eines Anschlags gewesen. Die Angreifer waren mit einem Auto vor das stark gesicherte Gebäude im europäischen Teil der Stadt gefahren und hatten das Feuer eröffnet.

Polizei wertet Überwachungsvideos aus

Nach dem jüngsten Anschlag wertet die Polizei in Istanbul nun die Aufnahmen von Überwachungskameras aus, hofft so, eine Spur der Attentäter zu finden. Unklar ist noch, welche Art von Sprengstoff verwendet wurde: Plastiksprengstoff schlossen die Fahnder türkischen Medienberichten zufolge allerdings bereits aus.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier zeigte sich erschüttert über den blutigen Terroranschlag. "Ich verurteile diesen blinden Akt des Terrors aufs Schärfste", sagte er am Montag in einer ersten Reaktion am Rande seines Afghanistan-Besuchs in Masar-i-Scharif. "Deutschland ist in dieser schwierigen Lage an der Seite der Türkei und seiner Menschen. Die Rechnung der Urheber dieses feigen Anschlags darf nicht aufgehen."

phw/yas/jul/tno/AP/Reuters/dpa/AFP



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