Bombentest: Atommacht Nordkorea legt sich mit Amerika an

Von Andreas Lorenz

REUTERS

Nordkoreas neuer Machthaber Kim Jong Un hat sich entschieden: Mit dem neuerlichen Atomtest zeigt er, dass er seine Drohpolitik gegenüber den USA fortsetzen will. China kritisiert das zwar, bleibt aber Verbündeter. Südkorea rechnet mit dem nächsten Test schon in Kürze.

Pjöngjang/Peking - Für rund eine Minute zitterte die Erde - und die chinesischen Nachbarn in der Provinz Jilin, auf der anderen Seite der Grenze wussten: Nordkorea hat wieder eine Atombombe gezündet. Sie detonierte einen Kilometer unter der Erdoberfläche auf dem nordkoreanischen Testgelände Punggye Ri. Die Explosion sei "sicher gewesen und perfekt verlaufen", meldete die staatliche Nachrichtenagentur KCNA. Sie diene dem "Schutz unserer nationalen Sicherheit und Souveränität".

Es war der dritte Atomtest Nordkoreas nach 2006 und 2009, aber der erste unter dem neuen Herrscher Kim Jong Un. Der Sprengsatz war stärker als die früheren: Seine Energie soll rund zehn Kilotonnen TNT betragen haben, behauptet Pjöngjang. Allerdings gehen die Schätzungen weit auseinander: Während Südkoreas Verteidigungsministerium von sechs bis sieben Kilotonnen sprach, kam die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover (BGR) aufgrund seismischer Daten auf eine Sprengkraft von 40 Kilotonnen. Andere Berechnungen liegen zwischen beiden Extremen. Zum Vergleich: Die Bombe, die die Amerikaner im August 1945 über der japanischen Stadt Nagasaki abwarfen und die rund 80.000 Menschen in den Tod riss, hatte rund 20 Kilotonnen.

Damit scheint es Nordkorea zu gelingen, eine Bombe zu bauen, die so klein ist, dass sie auf eine Mittel- oder Langstreckenrakete montiert werden kann. Das heißt: Die Welt, und vor allem Asien, ist instabiler geworden, denn eine Aufrüstungsspirale könnte in Gang gesetzt werden. Fachleute halten es für sehr wahrscheinlich, dass die USA, Japan und Südkorea in nächster Zukunft ihre Raketenabwehr verstärken werden.

Peking bestellt den Botschafter ein

Während US-Präsident Barack Obama den Test als "schwere Provokation" verurteilte, hat Nordkoreas Nachbar und engster Verbündeter China milder reagiert. Man "missbillige die Entscheidung stark", hieß es in Peking. Der nordkoreanische Botschafter wurde einbestellt, um die deutliche Unzufriedenheit über den Atomtest auszudrücken.

Nach dem Start einer Interkontinentalrakete im Dezember hatte sich die chinesische Regierung sogar Uno-Sanktionen gegen Kim angeschlossen - nachdem diese allerdings auf ihr Drängen stark abgeschwächt worden waren.

Damit zeigt sich, dass der neue Parteichef Xi Jinping kaum anders reagiert als sein Vorgänger Hu Jintao, der zwar die Nordkoreaner nach ihren Raketen- und Atomtests kritisierte, aber gleichzeitig versuchte, internationale Sanktionen zu mildern und zu "weisen und maßvollen" Reaktionen aufrief, "um die Situation nicht weiter eskalieren zu lassen".

Nordkorea ist für China ein Lieferant wichtiger Rohstoffe. Und das abgeschottete Land dient Pekings Militärs als strategische Pufferzone zwischen China und den übrigen ostasiatischen Staaten sowie den USA.

"China steckt im Dilemma", schrieb kurz vor dem Test die englischsprachige, nationalistisch geprägte "Global Times", eine Zeitung der KP. "Wir sind vom Ziel einer nuklearfreien koreanischen Halbinsel weiter entfernt, und es gibt keinen Weg für uns, nach einer diplomatischen Balance zwischen Nordkorea auf der einen Seite und Südkorea, Japan und den USA auf der anderen zu suchen."

Nach einem Atomtest werde Peking "nicht zögern", die wirtschaftliche Hilfe für Nordkorea herunterzufahren, sagte die "Global Times" damals voraus. Aber wenn die USA, Japan und Südkorea sich für "extreme Uno-Sanktionen gegen Nordkorea" verwenden würden, werde China sie entschlossen stoppen und zwingen, die Resolutionsentwürfe zu ändern.

"Lass sie doch über China grollen. Wir haben keine Verpflichtung, ihre Gefühle zu besänftigen", schrieb die "Global Times" über eine mögliche Reaktion des Auslands. China hoffe auf eine stabile koreanische Halbinsel, "aber es ist nicht das Ende der Welt, wenn es dort Ärger gibt".

Die Welt rätselt: Uran oder Plutonium?

Unklar ist noch, ob es sich um eine Plutoniumbombe handelte oder eine aus angereichertem Uran. Um dies herauszufinden, müssen Amerikaner, Südkoreaner oder Japaner erst die radioaktiven Strahlen in der Umgebung messen.

Diese Information ist für die Welt wichtig: Fachleute gehen davon aus, dass Kim nicht auf sehr großen Plutoniumvorräten sitzt. War es eine Uranbombe, müssen die Nordkoreaner es geschafft haben, heimlich mit Hilfe von zahlreichen Zentrifugen angereichertes Uran herzustellen. Technisch möglich wäre auch eine Detonation aus beiden Materialien.

Siegfried Hecker, der US-Fachmann, fürchtet noch eine weitere schlimme Folge: Nordkorea werde womöglich seine Kenntnisse in der Atombombentechnologie verkaufen - etwa an die Iraner, die mit dem Wissen der Asiaten keinen Sprengsatz testen müssten. Hecker: "Wenn Pjöngjang seine Testerfahrungen an Teheran weitergibt, genauso wie es mit der Raketentechnologie geschah, dann würde die atomare Bedrohung, die von Iran ausgeht, erheblich wachsen."

Pjöngjang kündigte inzwischen mögliche weitere Maßnahmen an. Der jüngste Atomtest sei eine "erste Antwort" auf Drohungen aus den USA. Das Land werde aber mit nicht näher beschriebenen "zweiten und dritten Maßnahmen größerer Intensität" fortfahren, sollten die Vereinigten Staaten ihre Feindseligkeit beibehalten, hieß es.

Jedenfalls scheint klar, dass Nordkoreas neuer Machthaber Kim Jong Un weiterhin auf die Politik der Stärke und Abschreckung setzt und sich, wie Hecker sagt, "für "Bomben und nicht für Strom" entscheidet. Verhandlungen mit Nordkorea dürften für Obama und die neue südkoreanische Regierung nun noch schwieriger werden, die Lieferung von Nahrungsmitteln und Energie in weite Ferne rücken.

Ohnehin fürchtet Südkorea, dass der Nachbar schon bald den nächsten Test folgen lassen könnte. Das geht aus Informationen des staatlichen Geheimdiensts hervor. Dies gilt demnach besonders für den Fall, wenn Nordkorea durch den Uno-Sicherheitsrat hart bestraft wird.

Die Folge: Nordkoreas ist eine ernstzunehmende Atommacht - mit einer Bevölkerung, die dazu verurteilt ist, arm zu bleiben.

mit Material von AP

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1. Sollte es nicht heißen...
Simoneke 12.02.2013
Zitat von sysopNordkoreas neuer Machthaber Kim Jong Un hat sich entschieden: Mit dem neuerlichen Atomtest zeigt er, dass er seine Politik der Provokation fortsetzen will. China kritisiert das zwar, bleibt aber Verbündeter. Südkorea rechnet mit dem nächsten Test schon in Kürze. Bombentest: Atommacht Nordkorea droht Amerika - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/bombentest-atommacht-nordkorea-droht-amerika-a-882891.html)
"Atommacht USA legt sich mit Nordkorea an"? Denn was gibt den Vereinigten Staaten die Legitimation um über militärische Handlungen auf Hoheitsgebiet eines anderen souveränen Landes zu urteilen?
2. Endlich Stimmung!
BiffBoffo 12.02.2013
Große Kinder und ihr Spielzeug. Hachja, wie früher im Sandkasten. Der kleine Kim muss halt in den Sandkasten Pinkeln. Da wird Papa Obama ganz schön wütend. Ganz klar, da muss was getan werden. Wenn die USA nicht so verdammt heuchlicherisch wären dann könnte ich das ja noch nachvollziehen. Aber so ?
3. endlich aufräumen..
pipesmoker 12.02.2013
Wieso wird den armen Menschen da nichrt endlich geholfen? Befreit die doch von diesem Idioten und generell von den Betonköpfen damit endlich die Demokratie einziehen kann. Keiner hat es verdient so zu leben, das ist unmenschlich, aber genauso wie in Syrien schaut die Welt nur zu....in Mali ist Hilfe doch auch möglich. Sanktionen werden nichts bringen, haben all die Jahre nichts gebracht, im Gegenteil das trifft nur die Armen die sowieso nichts zu essen haben. Der Machthaber lässt es sich doch gut gehen mit ausländischen Leckereien, kennen wir doch schon von seinem Vater.
4. Da hilft nur eins...
krsone 12.02.2013
...wir brauchen auch endlich welche!!!
5. Nordkorea
mk84 12.02.2013
Surreal, durchgeknallt und ein Großteil der Bevölkerung leidet unter der machthabenden "Elite". Seltsam, erinnert mich auch an akzeptierte Atommächte westlicher Prägung und deren Freunde.
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Globale Atomwaffen-Arsenale
Land
Bestand (aktiv / gesamt)
USA 2150 (2150) / 7700 (7700)
Russland 1800 (1740) / 8500 (8500)
Frankreich 290 (290) / 300 (300)
China k.A. / 250 (240)
Großbritannien 160 (160) / 225 (225)
Israel k.A. / 80 (80)
Pakistan k.A. / 100-120 (90-110)
Indien k.A. / 90-110 (80-100)
Nordkorea k.A. / unter 10 (unter 10)
In Klammern: Zahlen des Vorjahres
Quelle: FAS; Stand: 18. Oktober 2013

Fläche: 122.762 km²

Bevölkerung: 24,346 Mio.

Hauptstadt: Pjöngjang

Staatsoberhaupt:
Kim Il Sung (obwohl bereits 1994 verstorben);
Protokollarisches Staatsoberhaupt: Kim Yong Nam;
"Oberster Führer": Kim Jong Un

Regierungschef: Pak Pong Ju

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