Bonner Konferenz: Was Afghanistan wirklich braucht 

Eine Analyse von Olaf Ihlau

In einem diplomatischen Kraftakt organisiert Deutschland eine Afghanistan-Konferenz in Bonn. Sie soll Kabul den Beistand der internationalen Gemeinschaft zusichern, auch nach dem Truppenabzug 2014. Ein hehres Vorhaben - doch ohne Bestandsgarantie und mit vielen ungedeckten Schecks.

Delegierte der afghanischen Loya Jirga: Fortdauernde Unterstützung der Weltgemeinschaft Zur Großansicht
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Delegierte der afghanischen Loya Jirga: Fortdauernde Unterstützung der Weltgemeinschaft

Ein wenig Symbolik darf schon sein: Vor zehn Jahren, nach Vertreibung des Taliban-Regimes und dessen Sponsors Osama Bin Laden aus Kabul durch die westliche Militärintervention, suchte eine von Deutschland auf den Bonner Petersberg einberufene Konferenz afghanischer Delegationen nach einem Übergangspräsidenten. Als Favorit der Amerikaner wurde der Paschtunen-Fürst Hamid Karzai nominiert, der frierend und hungernd in einer Berghütte bei Kandahar hockte und aus dem kriegsgeschundenen Herzland Asiens über Satellitentelefon seine Zustimmung gab.

Jetzt geht es in Bonn wiederum um die Zukunft Afghanistans. Diesmal mit Hamid Karzai als amtierendem Staatschef und Konferenzleiter, dessen Delegation im Gästehaus der Bundesregierung auf dem Petersberg residiert. Drunten am Rhein, im alten Bundestag, sollen sich einhundert Delegationen auf ein Dokument verständigen, das dem Land in "glaubwürdiger Selbstverpflichtung" die Unterstützung der Weltgemeinschaft wenigstens für eine weitere Dekade zusagt, wenn die letzten ausländischen Kampfverbände 2014 vom Hindukusch abziehen. Dazu gehören sollen weitere Hilfen beim zivilen Aufbau des Landes, Ausbildung und Finanzierung der Sicherheitsorgane mit etwa 350.000 Soldaten und Polizisten, Investitionen für eine langfristige ökonomische Perspektive.

Konsens der internationalen Gemeinschaft

So schön, so hoffnungsvoll. Es war ein mühseliger, indes verdienstvoller Job, den die deutsche Außenpolitik mit dem Zustandebringen dieser Großkonferenz auf sich nahm. Als Afghanistan-Beauftragter der Bundesregierung erwies sich dabei der ebenso kantige wie kompetente Botschafter Michael Steiner als geschickter Impresario.

Weitestgehender Konsens besteht in der internationalen Gemeinschaft nunmehr zu zwei Punkten:

  • Der Krieg gegen die Taliban ist militärisch nicht zu gewinnen, alle fremden Truppen wollen schnellstmöglich dort raus. Die afghanische Herausforderung wurde vom Westen grob unterschätzt. Allein für das kriegsmüde Amerika bedeutete dieses Abenteuer seit Ende 2001 nahezu zweitausend Gefallene, zehntausende Verwundete und derzeit Kosten von 110 Milliarden Dollar pro Jahr.
  • Übereinstimmung herrscht offenbar auch in einem weiteren Punkt: Afghanistan muss innerlich soweit stabilisiert werden, dass es nach 2014 nicht wieder in Bürgerkrieg und Chaos versinkt wie nach dem Abmarsch der sowjetischen Okkupanten im Februar 1989. Moskau strich bald danach seinem Satrapen Nadschibullah die Hilfsgelder für die Sicherheitsorgane, darauf folgte der Zusammenbruch. Die Schlacht mit den Mudschahidin kostete allein in Kabul Zehntausende das Leben. "Wenn Afghanistan den Bach runtergeht", fürchtet einer der federführenden Konferenzteilnehmer, "dann droht eine explosive Lage für die gesamte Region, vor allem wenn die Krise auf den fragilen Atomwaffenstaat Pakistan übergreift".

Doch zu einem Aufruhr in dieser muslimischen Nation mit ihrem hohen extremistischen Potential kann es jederzeit kommen. Die starke antiwestliche Stimmung dort treibt dem Siedepunkt zu, zumal nach dem jüngsten Nato-Hubschrauberangriff mit 25 getöteten pakistanischen Soldaten. Aus Protest sagte Islamabad

jetzt seine Teilnahme an dem Bonner Treffen ab. Eine irritierende Entscheidung. Pakistan gilt in den diplomatischen Planspielen für Afghanistans Zukunft als höchst unsicherer Kantonist. Bislang ist Islamabad nicht bereit, einen entscheidenden Schritt zum innerafghanischen Aussöhnungsprozess zu wagen und auf die Karte der Unterstützung der Aufständischen zu verzichten. Ein Gutteil der Taliban, die Untergrundkämpfer des Netzwerks Haqqani wie auch der afghanische Warlord Hekmatjar, hängen nach wie vor an der Leine des pakistanischen Militärgeheimdienstes ISI.

Warum es keinen Frieden ohne Pakistan geben kann

Ohne Mitwirken des Nachbarn Pakistan kann es aber keinen Frieden am Hindukusch geben. Pakistan ist eine schwer einzuschätzende Größe, die alle anspruchsvollen Absichtserklärungen der Bonner Konferenz zunichte machen könnte, darunter die Hoffnung auf einen innerafghanischen Dialog. Der wird im übrigen nur dann zu Fortschritten führen, wenn sich alle rivalisierenden Volksgruppen und relevanten gesellschaftlichen Kräfte - gerade auch die Frauen - darin angemessen vertreten fühlen.

Die bisherige personelle Komposition - etwa der Sicherheitskräfte - ist da ein weiterer Unsicherheitsfaktor. Polizei und Armee werden dominiert von den ethnischen Minderheiten der Tadschiken und Usbeken, die im Bürgerkrieg die Nordallianz formten. Und die ist bei der Mehrzahl der Paschtunen, die sich als Afghanistans Staatsvolk verstehen und das Hauptreservoir der Taliban bilden, als feindliche Truppe bis heute verhasst.

Die größte Unwägbarkeit jedoch, so der Eindruck von Konferenzbeteiligten, brachten die Amerikaner in das Große Spiel am Hindukusch. Niemand weiß, welche Ziele sie wirklich langfristig dort anstreben. In Washington fehlt die ordnende Hand von oben. Präsident Obama und Außenministerin Hillary Clinton suchen offenbar die Verstrickung in Afghanistan anständig zu Ende zu bringen. Das Versprechen, nach 2014 die afghanischen Sicherheitskräfte auszubilden, islamistische Terroristen in der Region sowie die Drogenmafia zu bekämpfen, könnten ein paar tausend US-Soldaten aus Versorgungscamps erfüllen. So lautet die offizielle Linie.

Doch in Washington gibt es auch Strategen einflussreicher Denkschulen und andere Spieler im Verteidigungsministerium, die mit Blick auf Iran, Pakistan und China sowie auf die Bodenschätze Mittelasiens eine langfristige Präsenz in der Region für erforderlich halten. Dazu würden wenigstens drei große Militärbasen gebraucht: Masar-i-Scharif im Norden, Bagram bei Kabul und im Süden Kandahar. Von dort ließen sich dann weiterhin die sehr effektiven Drohnen-Einsätze gegen Untergrundkämpfer im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet steuern. Das alles soll laufen und versilbert werden unter dem Rubrum "strategische Partnerschaft".

Den Afghanen muss gestattet sein, ihr Schicksal selbst zu bestimmen

Dass sich der Überlebenskünstler Karzai, der mehrere Mordanschläge überstand, auf solch einen Deal einlässt, steht noch dahin. Die Aufständischen lehnen Friedensverhandlungen, gar die Bildung einer Regierung der Nationalen Einheit ab, solange Amerikaner im Lande stationiert sind.

Wenn die Bonner Konferenz mehr sein will als eine Camouflage-Veranstaltung zur moralischen Rechtfertigung des baldigen Abzugs vom Hindukusch, dann muss die internationale Gemeinschaft Abschied nehmen von dem bislang zur Schau gestellten Überlegenheitsgehabe und dem Anspruch, westliche Wertevorstellungen implantieren zu wollen in einer Gesellschaft mit immer noch tief verwurzelten patriarchalischen Stammesstrukturen. Zu den notwendigen neuen Einsichten sollte auch gehören, dass Kabuls Regenten nicht daran gehindert werden, politische Arrangements mit den Aufständischen zu treffen. Stützpunktforderungen der Amerikaner würden diesen Prozess torpedieren.

Zu den Konstanten der afghanischen Politik zählen von jeher ständig wechselnde Allianzen. Den Afghanen muss letztlich gestattet sein, ihr Schicksal selbst zu bestimmen. Dies in einem Regierungssystem, das ihre eigenen kulturellen Traditionen widerspiegelt. Nicht unsere.

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insgesamt 20 Beiträge
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1. Chinas neue Mauer
moliebste 30.11.2011
Warum so umständlich, Herr Uhlau, wenn´s auch einfach geht: Pakistan ist zukünftig die dominierende Macht in Afghanistan und zeigt dies auch der hilflosen "Bonner Konferenz". Und hinter Pakistan steht der Riese China. In Afghanistan findet die Westverschiebung einer neuen Chinesischen Großen Mauer statt.
2. Frechheit ohne gleichen
glad07 30.11.2011
Zitat von sysopIn einem diplomatischen Kraftakt organisiert Deutschland eine Afghanistan-Konferenz in Bonn. Sie soll Kabul den Beistand der internationalen Gemeinschaft zusichern, auch nach dem Truppenabzug 2014. Ein hehres Vorhaben - doch ohne Bestandsgarantie und mit vielen ungedeckten Schecks. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,800543,00.html
Wenn ich sowas lese: "Afghanistan muss innerlich soweit stabilisiert werden, dass es nach 2014 nicht wieder in Bürgerkrieg und Chaos versackt wie nach dem Abmarsch der sowjetischen Okkupanten im Februar 1989. Moskau strich bald danach seinem Satrapen Nadschibullah die Hilfsgelder für die Sicherheitsorgane, darauf folgte der Zusammenbruch." Sowjetische Okkupanten! Seinem Satrapen? Was bitte unterscheidet heutige Nato von den Sowjets? Die Nato sind doch genauso in das Land eingefallen, wobei damals die Sowjets von den bestimmten Gruppierungen (damals waren es Feinde, heute sind es die besten Freunde der Nato und USA) ins Land gerufen worden. Ist Karzai etwa ein legitim gewählter Regierungschef von Afghanistan?!?! Jeder weiß doch dass die Wahlen gefälscht wurden, darüber hat man sogar hier im Westen geschrieben!!! Heuchler... Wann machen die Menschen endlich ihre Augen auf und sehen dass gerade Amerika und nicht z.b. die Sowjets die größten Terroristen und Menschenfeinde sind, die sich zugegeben sehr gekonnt als Freunde verkaufen?
3. Besetzung Afghanistans
pitsignal 30.11.2011
Alle Versprechungen bis zu einem bestimmten Zeitraum Afghanistan wieder zu verlassen, sind heuchlerische Versprechungen. Größe können die westlichen Nationen nur zeigen, wenn sie so schnell wie möglich zugeben, dass es ein großer Fehler war, sich in die inneren Angelegenheiten Afghanistans eingemischt zu haben und sofort abziehen. Wenn die westlichen Länder nur 10% der Kriegskosten für die Unterstützung Afghanistans verwenden würden, wäre allen Seiten geholfen. Diese Unterstützung könnte nach freien Wahlen in Afghanistan beginnen. Im Übrigen waren mind. 90% der deutschen Bevölkerung von Anfang an gegen diese Einmischung, aber das Volk wird ja leider nicht gefragt, was mit ihren Steuergeldern geschehen soll.
4. Frieden,
sitiwati 30.11.2011
das Einzige war AFG braucht, ist Frieden!
5. Befreiung vom gefährlichsten Feind....
ZiehblankButzemann 30.11.2011
...nämlich der gemeinen Sandmücke. Deutsche Soldaten können ein Lied davon singen, wie nervend diese Blutsauger sein können. Komischerweise stechen blos die Weibchen zu, und saugen was das Zeug hält den Lebenssaft aus unseren Blutbahnen, angeblich um ihre Jungen zu versorgen. Wir sind auch mit Rotbäckchen aus der Apotheke großgeworden, ohne anderer Leute Blut zu stibitzen. Viel harmloser dagegen ist der Taliban. Der wird ja ganz zutraulich wenn man ihm den Bart krault, aber bei der Sandmücke suchste den vergeblich. Jetzt weiss ich auch endlich warum sich der Präsident Karsai immer mit so vielen Stoffresten zuhängt. Es ist die pure Panik vor der Sandmücke.
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Fläche: 652.225 km²

Bevölkerung: 31,412 Mio.

Hauptstadt: Kabul

Staats- und Regierungschef: Hamid Karzai

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