Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Boom der US-Frühwähler: Angst vor dem Florida-Fluch

Aus Fort Lauderdale berichtet

In 31 US-Staaten haben die Wahlen schon begonnen: Hunderttausende nutzen das "Early Voting", um drohendem Chaos am Wahltag zu entkommen. Doch vor allem in Florida gab es schon wieder Pannen und Probleme mit den neuen Wahlmaschinen - ein böses Omen für den 4. November.

Fort Lauderdale - Gia Tutalo-Mote will sicher sein, dass ihre Stimme dieses Mal nicht verloren geht. Deshalb hat sich die TV-Produzentin extra zu Fuß zur Zentralbücherei von Fort Lauderdale aufgemacht, "auf dem Weg vom Sportstudio zur Arbeit", um ihr Wahlrecht schon jetzt in Anspruch zu nehmen, zwei Wochen vor der US-Präsidentschaftswahl. Das würde ja nur ein paar Minuten dauern.

Doch dann kommt ihr Floridas Wahlchaos in die Quere - und der Enthusiasmus der Wähler.

Denn Abertausende haben die gleiche Idee. Die Warteschlange zieht sich quer durchs Bibliotheksfoyer, bis hinaus auf die Andrews Avenue. Nach einer Stunde hat Tutalo-Mote nicht mal die Hälfte der Strecke zurückgelegt. "Egal", seufzt sie. "Dies ist mir zu wichtig."

Wählen? Jetzt schon? In der Tat: Diese Woche hat in 31 US-Bundesstaaten - darunter auch im berüchtigten Pannenstaat Florida - das "early voting" begonnen, die vorzeitige Stimmabgabe im Rennen ums Weiße Haus. Sprich: Hier haben Wähler ihre Wahl getroffen, während die Kandidaten noch rastlos durchs Land tingeln.

Die Frühwahl ist eine zunehmend populäre Option. Bis zu einem Drittel aller US-Wähler - rund 15 Prozent mehr als in 2004 - dürften diesmal davon Gebrauch machen, um die Wirren, den Stress und die Fallstricke des eigentlichen Wahltages (Wetter, Krankheit, Technik) zu vermeiden. Theoretisch jedenfalls.

Praktisch aber sieht das anders an. Vor allem in Florida, wo in den ersten zwei Tagen bereits 150.766 Menschen abgestimmt haben und die brandneuen Wahlmaschinen - Optical-Scan-Apparate namens intElect DS200 - erstmals bei einer Präsidentschaftswahl Einsatz finden.

Vielerorts kommt es auch jetzt schon wieder zu peinlichen Problemen: überlaufene Wahllokale, ratlose Wahlhelfer, frustrierte Wähler, kaputte Hard- und Software. Die Behörden sprechen von "Geburtswehen". Trotzdem ist es ein schlechtes Omen für den 4. November, an dem nicht zuletzt der Schlüsselstaat Florida wieder mal das Zünglein an der Waage sein könnte.

T-Shirt-Aufschrift: "Electile dysfunction"

In der Bücherei von Fort Lauderdale sind die Wahlmaschinen - ein Dutzend schwarze Container, die wie Recyclingtonnen aussehen - auf einer Empore aufgestellt. Zahlreiche Wahlbeamte bieten ihre Hilfe an. Die ist wohl auch nötig: Viele Wähler kommen mit den unvertrauten Maschinen und den Wahlkarten nicht zurecht. "Electile dysfunction" (Wahlstörung), steht auf dem T-Shirt einer Frau - in Anspielung auf die Potenzkrankheit "erectile dysfunction" (Erektionsstörung).

Und so gerät, was als Verbesserung gedacht war, zu einer allzu bekannten Tortur. "Kennt man ja", sagt Tutalo-Mote und rollt die Augen.

Dem Bezirk Broward (Fort Lauderdale) mit rund einer Million registrierten Wählern kommt dabei besondere Bedeutung zu. An den zwei Auftakttagen haben hier nach Angaben der Wahlbeauftragten Brenda Snipes - die ihre Leute monatelang trainiert hat - rund 24.000 Menschen die Frühwahloption genutzt. Dreimal so viele wie bei den Kongresswahlen 2004.

Dieser Rekord lässt einiges erahnen für den Ernstfall, bei dem Browards Behörden eine Wahlbeteiligung von 80 Prozent erwarten (2004 waren es 68,7 Prozent). Und er lässt den Demokraten Barack Obama hoffen - für den Fall, dass sich das Blatt bis November doch noch für John McCain wenden sollte.

Sechs Stunden Anstehen vor dem Wahllokal

"Frühwahlen erschweren Comebacks, wie sie McCains Kandidatur retten könnten", schreibt der Polit-Analyst Charlie Cook im "National Journal". Zumal fast alle der noch verbliebenen "Battleground"-Staaten diesmal Frühwahlen ermöglichen. Iowa, North Carolina, New Mexico und Ohio verzeichnen bereits eine enorme Wahlbeteiligung - zugunsten Obamas.

Browards Logistik ist dem Ansturm anfangs jedenfalls nicht gewachsen. Vor den 17 Frühwahllokalen stehen die Leute bis zu sechs Stunden an. Einige rücken mit Klappstühlen, Campingausrüstungen und Kühltaschen an.

Nicht nur, dass viele länger als gedacht brauchen, um die neuen Wahlkarten zu studieren - sie sind vier Seiten lang und kommen in 187 verschiedenen Ausführungen. Auch streiken manche Drucker, die den physischen Stimmnachweis produzieren sollen.

Die meisten "polling sites" mussten in den ersten Tagen bis nachts geöffnet bleiben. Im Internet begannen Gerüchte zu kursieren: Man brauche mehr als einen Ausweis zum Wählen, man werde abgewiesen, wenn man die Adresse gewechselt habe, man dürfe sich auf seinem T-Shirt nicht zu einem Kandidaten bekennen. Alles Falschmeldungen, nach Angaben der Watchdog-Gruppe Common Cause bewusst lanciert - eine "neue Generation irreführender Praktiken, die Wähler einschüchtern sollen".

Willkommen im Land des endlosen Wahltheaters: Hier an Floridas Ostküste begann auch schon das Drama um die Präsidentschaftswahl 2000. Dank verwirrender Stimmkarten und fehlerhafter Auszählung per Hand landete das Votum damals vor dem Supreme Court, der für Bush entschied. Florida hatte seinen Ruf weg.

Nach dem Debakel rüstete der Staat - in dem sich dieses Jahr fast neun Millionen Wählern registrieren ließen, mehr als je zuvor - auf Touchscreen-Computer um. Trotzdem kam es 2002, 2004 und 2006 wieder zu Unregelmäßigkeiten. Schließlich beschloss die Regierung den Einsatz von Scannermaschinen, wie sie im November 55 Prozent aller US-Wähler benutzen werden - oft zum ersten Mal.

Doch auch die offenbaren jetzt Macken. In Floridas größter Stadt Jacksonville spuckten defekte Scanner die Wahlkarten wieder aus. Darunter die symbolische erste Stimme der demokratischen Landesabgeordneten Audrey Gibson: "Das war ein Schock", sagte die.

Briefwahlkarten mit dem Namen "Barack Osama" verschickt

Auch das Millionärsidyll Palm Beach - Brennpunkt des Desasters von 2000 - kommt wieder mal nicht ungeschoren davon. Lange Schlangen und Verkehrchaos prägen hier den Beginn der Frühwahl. Zusätzliches Problem: Der Wahlbeauftragte Arthur Andersen - der im August abgewählt worden war, aber noch bis Januar amtiert - ist wegen einer schweren Krebserkrankung außer Gefecht gesetzt.

Schon die kommunalen Vorwahlen im August hatten einen schlechten Vorgeschmack geboten. Eine Richterwahl musste dreimal nachgezählt werden. Dabei "verschwanden" 3478 Wahlkarten. "Der Fluch", sagte die republikanische Lokalpolitikerin Mary McCarty der "Palm Beach Post", "geht also weiter."

Auch in anderen US-Bundesstaaten gab es diese Woche wieder Unregelmäßigkeiten. In West Virginia verschoben Wahlmaschinen Stimmen von Obama zu McCain. In New York wurden Briefwahlkarten mit dem Namen "Barack Osama" verschickt. In New Jersey mussten sich die Behörden gegen eine Studie der Princeton University verteidigen, wonach 10.000 Maschinen nicht Hacker-sicher seien.

Wahlbeobachter sehen der November-Wahl deshalb mit gemischten Gefühlen entgegen. "Ich sorge mich um die Schwachstellen", sagte selbst Rosemary Rodriguez, die Chefin der US-Wahlhilfsbehörde EAC, der "New York Times".

In Miami südlich von Fort Lauderdale will man davon nichts wissen. Hier gab es bisher keine Sorgen - obwohl an den ersten drei Frühwahltagen 42.288 Menschen aufkreuzten. "Wir haben die Maschinen dreifach getestet", sagt Christina White, die Assistentin des Wahlbeauftragten Lester Solas. "Wir sind gelassen."

White führt den Besucher durch das riesige Lagerhaus des Wahlamtes am Stadtrand, jenseits des Flughafens. Hier warten Hunderte DS200-Scanner auf ihren November-Einsatz, sorgfältig aufgereiht, von Wand zu Wand. Daneben rattern Fließbänder, die Briefwahlkarten sortieren, bündeln und zur Verschickung ab Montag vorbereiten.

Seit Anfang Oktober ist White im Dauereinsatz. "Ich habe mich längst an Zwölf-Stunden-Tage gewöhnt", sagt sie. In der Lobby ihrer Behörde herrscht unterdessen organisiertes Chaos. Draußen harren Hunderte in der Hitze. Ratsuchende stürmen die Auskunftschalter. Die vorherrschende Sprache ist Spanisch.

Viele trampeln über den gewebten Fußabtreter am Eingang, ohne ihn weiter zu beachten. "Wir liefern Exzellenz", steht darauf. "Jeden Tag."

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Wahlbeginn in den USA: Frühwähler stürmen die Wahllokale

Fotostrecke
Obama und Clinton: Der Kampf um Florida

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: