Bootsflüchtlinge aus Ägypten Überfahrt in den Tod

Zwielichtige Schmuggler, gefährliche Schiffspassagen - und die Familie wird zurückgelassen: Jedes Jahr suchen Hunderte Ägypter ihr Glück in Europa und vertrauen sich für die illegale Fahrt übers Mittelmeer Menschenschmugglern an. Für viele endet die Reise tödlich.

Von Amira El Ahl, Kairo


Kairo - Die Busse rollen gegen Mitternacht auf die Küstenstraße östlich von Alexandria zu. Im Schutze der Nacht, weit entfernt von der nächsten Siedlung, entlassen sie ihre Passagiere in die Ungewissheit. Ihr Gepäck geschultert, machen sich die Flüchtlinge auf den Weg in die Wüste. Irgendwann treffen sie auf die Männer, die über ihr weiteres Schicksal entscheiden – Schmuggler, die den meist jungen Männern versprochen haben, ihnen den Weg ins ferne Europa zu zeigen.

Ein Fischtrawler mit 648 illegalen Immigranten aus Ägypten macht in Licata auf Sizilien fest
DPA

Ein Fischtrawler mit 648 illegalen Immigranten aus Ägypten macht in Licata auf Sizilien fest

Im Fischerdorf Abu Kir an der ägyptischen Mittelmeerküste startet für viele dieser verzweifelten Männer eine lebensgefährliche Reise. Mit kleinen Ruderbooten werden die Passagiere auf das offene Meer gebracht und dort auf größere Fischkutter verfrachtet. Das Ziel der meisten heißt Italien. Doch oft endet die Reise schon viel früher, auf hoher See und für viele tödlich.

Erst diesen Monat veröffentlichte die ägyptische Regierung eine Studie, die sich mit dem Problem illegaler Immigration von Arabern nach Europa beschäftigt. Jedes Jahr begeben sich 100.000 Menschen aus den arabischen Staaten auf den gefährlichen Weg nach Europa, heißt es dort. "Illegale Immigration von Ägyptern nach Europa ist zu einem sehr schwierigen Problem geworden und ist unmöglich aufzuhalten", ist das Fazit der Studie, "was zur Folge hat, dass noch mehr Jugendliche ertrinken werden oder verschwinden." Nur ein Aufschwung in der heimischen Wirtschaft könne den Zustrom nach Europa stoppen.

Die Fälle, wo die Überfahrt der Flüchtlinge tragisch endete, sind allen in Ägypten noch in schmerzlicher Erinnerung: Im Dezember kenterte ein 15 Meter langes und hoffnungslos überladenes Boot bei schlechtem Wetter vor der türkischen Küste. Die Bilder der leblosen Körper, die in der Nähe von Izmir angespült wurden, dominierten tagelang die Titelseiten der ägyptischen Zeitungen. Von den an Bord vermuteten 90 Passagieren, unter denen 32 Ägypter gewesen sein sollen, wurden 40 tot geborgen.

Oder im Herbst 2007: Alle Zeitungen brachten die Bilder von trauernden Angehörigen, die am Kairoer Flughafen die Leichen ihrer Söhne, Männer und Brüder in Empfang nahmen. Von 184 Bootsflüchtlingen, die im November versucht hatten, die italienische Küste zu erreichen, waren nur 37 lebend angekommen. 26 Leichen konnten damals vor der Küste Italiens geborgen und an die Angehörigen in Ägypten überführt werden. Von den verbleibenden 121 Flüchtlingen fehlt jede Spur.

In Tatun bauen sie schöne Häuser. Mit Geld aus Europa

In Tatun, einem Dorf in der Oase Fajum 100 Kilometer südlich von Kairo, wissen die Menschen, was es heißt, um das Leben eines Angehörigen zu bangen. In dieser Stadt von rund 100.000 Einwohnern kennt fast jeder einen, den es nach Italien gezogen hat oder immer noch zieht. Fragt man in Fajum nach Tatun, heißt es: "Das ist doch der Ort, wo alle nach Italien wollen."

Das Dorf liegt in einer der ärmsten Regionen Ägyptens, die Arbeitslosigkeit ist hoch, vor allem unter den Jugendlichen, die ihre Tage auf der Straße verbringen und kein Vertrauen in die Zukunft haben.

Fährt man die staubige Hauptstraße entlang, die Einheimischen nennen sie Italien-Straße, die ins Zentrum von Tatun führt, fallen sofort die vielen Neubauten auf. In einer Gegend, in der die meisten Menschen als Bauern arbeiten und die traditionellen Häuser aus einfachem Stein oder Lehm sind, überraschen die pompösen mehrstöckigen Rohbauten. "All das Geld im Dorf kommt aus Europa", erzählt Hagg Gamal, Landwirtschaftsingenieur und Grundbesitzer aus Tatun. Der Bauboom ist nicht zu übersehen, überall entstehen neue Häuser, sogar ein achtstöckiges Einkaufszentrum ist hier auf dem Land geplant. "Dieser Boom tut dem Ort natürlich gut, weil er Jobs schafft", sagt Gamal.

Es sind vor allem die Jungen, die das Land verlassen wollen. Sie sind 15, 17, 20 Jahre alt, und sie lungern in Gruppen auf den sandigen Straßen des Dorfes herum. Hesham ist einer ihnen, er ist 17 und arbeitslos. "Ich bin bis nach Kairo gegangen, um Arbeit zu suchen, aber auch da habe ich nichts gefunden", sagt der Jugendliche. Er hat von der neuerlichen Katastrophe und den vielen Toten gehört, aber er will eben nach Europa, um sich da eine Zukunft aufzubauen. Das ist sein Traum, wie der so vieler in Ägypten. "Uns bleibt doch sonst nur, Haschisch zu verkaufen", sagt Hesham und zuckt mit den Schultern.



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