Boris Johnson begründet Abgang "Der Brexit-Traum stirbt"

Der scheidende britische Außenminister Johnson wählte für seine Rücktrittserklärung drastische Worte. Die Regierungspläne blieben einem "im Halse stecken".


Als früherer Journalist sollte Boris Johnson um die Macht seiner Worte wissen - stattdessen ist er für undiplomatischen Äußerungen berüchtigt. Nun hat der bisherige britische Außenminister seinen Rückzug mit einem für das einstige Empire drastischen Vergleich verknüpft.

Großbritannien drohe, als eine Art Kolonie in der Europäischen Union unterzugehen, heißt es in seinem Rücktrittsschreiben an Premierministerin Theresa May. "Wir sind wirklich auf dem Weg zu einer Kolonie." Ursprünglich habe er hinter den Regierungsplänen gestanden, nunmehr aber blieben diese "einem im Halse stecken".

Dem Land stehe nunmehr nur ein "Semi-Brexit" bevor, polterte Johnson. "Der Brexit-Traum stirbt, erstickt von unnötigen Selbstzweifeln." Ein weicher Brexit mit zu engen Partnerschaften zu den Ländern der Gemeinschaft berge diese Gefahr, teilte Johnson mit, nachdem die Regierung ihre neuen Pläne für weiterhin enge Handelsbeziehungen trotz Brexit präsentiert hatte.

Fotostrecke

20  Bilder
Boris Johnsons Karriere: Peinlichkeiten und Skandale

Unter anderem zu einer engen Verbindung zu den EU-Vorschriften für Industriegüter hatte sich das Kabinett von Premierministerin Theresa May bereit erklärt. Diese musste die Pläne am Nachmittag im Parlament verteidigen.

Brexit-Hardliner Johnson war wegen dieser Zugeständnisse Mays zuvor zurückgetreten. Nur Stunden zuvor hatte bereits Brexit-Minister David Davis seinen Abgang verkündet. Die Rücktritte haben Mays Regierung in eine tiefe Regierungskrise gestürzt.

apr/Reuters/AP/dpa

insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
rainalddassel 09.07.2018
1. Peinlich
Herr Johnson hat während der Brexit Kampagne die Menschen einfach belogen- wieviel Geld ins Gesundheitssystem kommt etc. Oder Großbritannien bekommt die Kontrolle über seine Grenzen wieder. Die waren ja nie Schengen Mitglied und erfreuen sich einer starken Einwanderung. Dem Wähler wurden die praktischen negativen Folgen des Brexit für die Wirtschaft und den Alltag nicht wirklich erklärt. Am Ende wird man EU Recht anerkennen müssen, aber nichts mehr gestalten können. Man hätte besser zusammen an Reformen arbeiten sollen.
KingTut 09.07.2018
2. Unbegreiflich ist es,
dass man diese Niedertracht in Person zum Außenminister des Vereinigten Königreichs ernannt hatte, nachdem er durch nachweislich unwahre Behauptungen mit dazu beigetragen hatte, dass das Brexit-Lager eine knappe Mehrheit errang. Zusammen mit Nigel Farage wurde den ärmsten Schichten der Bevölkerung, die gerade mal so über die Runden kommen, vorgegaukelt, sie würden vom Brexit profitieren, indem man die eingesparten EU-Beiträge ihnen zugute kommen lassen würde. Rosige Zeiten versprach Boris Johnson den Briten und sein Bruder im Geiste, Nigel Farag versprach gar, das marode Gesundheitssystem NHS durch die eingesparten EU-Beiträge zu modernisieren. Schon am Tag nach der Abstimmung hat er sein Versprechen kassiert; wir alle sind Zeitzeugen dieser unglaublichen Wählertäuschung. Und diese Typen schämen sich nicht einmal, hinterher noch frech in die Kameras zu grinsen. Solche Geisteshaltungen dürfen doch nicht die Zukunft der Menschheit bestimmen. Dann sind wir wirklich arm dran.
_Mitspieler 10.07.2018
3. Großbritannien drohe, als eine Art Kolonie in der EU unterzugehen
Nachdem GB jahrhundertelang nahezu weltweit (siehe https://www.amazon.de/All-Countries-Weve-Ever-Invaded/dp/0752479695) die Gegenposition innehatte, wäre dies doch nicht die schlechteste aller möglichen Alternativen. Rundet sie doch das Erfahrungsspektrum in einem bis dato eher unterbelichteten Segment ab.
r.macho 10.07.2018
4. GB gehört zu Europa
Es sollte ein Gewinn für die Konservativen sein, wenn die Brexit-Traumtänzer wie Johnson das Schiff verlassen. Die britische Wirtschaft ist auf Europa angewiesen. Sie kann nicht von vergangener Empire-Herrlichkeit leben. Die Konservativen sollten den Abgang der beiden Minister als Chance begreifen, neu über die Gestaltung der Beziehungen zur Europäischen Union nachzudenken. Sie würden dadurch enorme Schwierigkeiten mit Nord-Irland und Schottland vermeiden, die ja in der EU bleiben wollen.
stefan.p1 10.07.2018
5. So ist das mit der Politik
In dem einen Land versucht ein Minister einen Putsch gegen die Regierungscheffin -und löst damit eine Regierungskrise aus und einem anderen Land verläßt ein Minister wegen seiner Zweifel an der Politik seiner Regierungscheffin das Kabinett und löst damit eine Regierungskrise aus. Wie man es macht -Regierungskrise. Oder vielleicht auch nur eine Schlagzeile?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.