Brexit-Irrsinn Alles nur ein Spiel

Es ist die vielleicht größte Tragödie der britischen Politik, dass sie zum Privatduell von Boris Johnson und David Cameron verkam. Zwei Snobs, die sich eigentlich nur für sich selbst interessieren.

Politiker Johnson
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Politiker Johnson


Es gehört schon eine gewisse Portion Schwachsinn dazu, dass man am Tag, nachdem man sein Land in den Abgrund gestürzt hat, erst einmal eine Partie Cricket mit dem Earl of Spencer, dem Bruder von Prinzessin Diana, spielt. Um auf andere Gedanken zu kommen.

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Heft 27/2016
Klein-Europa: Die Rückkehr der Vergangenheit

Genau das hat Boris Johnson getan. Und es war konsequent. So wie es jetzt scheint, ist in der Welt dieses hyperaktiven Viel-Redners alles ein Spiel. Bürgermeister von London sein, mit dem Bus durch die elenden Gebiete Nordenglands fahren und die Menschen aufhetzen, Brexit herbeiführen, Premierminister Cameron stürzen, selbst Premierminister werden wollen. Alles ein Spiel, eine Partie Cricket und danach einige Drinks mit ein paar Freunden, die in Oxford waren oder aus der besseren Gesellschaft kommen.

Nun, da ein weiterer Studienfreund, der Brexit-Mitstreiter Michael Gove, Johnson die Spielsachen weggenommen hat, ist viel von Shakespeare die Rede oder von "House of Cards". Alles sehr dramatisch, nur zu hoch gegriffen, denn Johnson ist vor allem eines: Ein Clown, der sich zu Höherem berufen fühlt. Eigentlich ähnelt er eher Bertie Wooster, jenem ungeschickten Upper-Class-Faktotum, das der Schriftsteller P.G. Woodehouse im letzten Jahrhundert erfand.

Bertie setzt sein Schloß unter Wasser, stellt nonstop Unfug an und würde meist den Abend nicht erleben, gäbe es nicht seinen Kammerdiener Jeeves, der Bertie immerfort retten muss. Boris Johnson hat Großbritannien mit seinem monströsen, egomanischen Spieltrieb in die größte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg gestürzt.

Als es darum ging, Verantwortung zu übernehmen, ist er davon gelaufen.

Der wichtigste Grund für seine Flucht war, dass er den Brexit eigentlich für Quatsch hält. Es war nur ein Spiel, um sich für einen Machtwechsel bei den Tories später zu positionieren. Johnson hat nie ernsthaft damit gerechnet, das Votum für einen Austritt wirklich zu gewinnen.

Wie weit sich die britische Politik von den Problemen der Wirklichkeit unserer Zeit entfernt hat, symbolisierte dieser Zweikampf Johnson gegen Cameron. Boris gegen Dave. Da kreisten zwei um einander und sich selbst, die sich seit den Studientagen in den exklusiven Debattier- und Trinkklubs von Oxford belauern und bewundern. Flüchtlingskrise, Spekulationsblase, eine durch Thatcher entwurzelte Unterschicht, alles nur Bälle, die sich Boris und Dave zuwarfen oder mit denen sie aufeinander zielten.

Das private Duell zweier Elitisten

Es ist die vielleicht größte Tragödie der britischen Politik der letzten Jahre, dass sie zum Privatduell zweier Snobs verkam, die sich eigentlich nur für sich selbst interessieren und die elitärsten Kreise der britischen Klassengesellschaft. Ein groteskes Spektakel, das der Pressemogul Rupert Murdoch mit seinen Medien beleuchtet und mit inszeniert.

Gegen Murdoch kann niemand antreten in Großbritannien. Der Letzte, der es wagte, war der Labour-Kandidat Neil Kinnock vor 25 Jahren. Als er verlor, titelte die "Sun": "It's the Sun wot won it". Als klar war, dass Johnson den Brexit, für den vor allem auch die "Sun" verstandesbetäubend laut getrommelt hatte, nicht würde liefern können, war er erledigt. "Brexecuted" ließ Murdoch schadenfroh titeln.

Exempel statuiert.

Game over.



insgesamt 283 Beiträge
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Seite 1
Kit Kerber 02.07.2016
1.
Dieser brillant geschriebene Kommentar des SPIEGEL macht noch einmal sehr deutlich, wie gefährlich das Spiel mit Referenden ist. Was in England passiert ist, könnte sich in jedem EU-Staat wiederholen. Die Masse der Menschen ist verführbar. Die Lehre aus dem Brexit kann nur sein: Volksabstimmungen über die EU müssen europaweit verboten werden!
hassowa 02.07.2016
2. Ich sehe das vollkommen anders
und die Zukunft wird beweisen, dass die Entscheidung aus einem System auszusteigen, das mehr Probleme verursacht, als es löst, richtig war. Die Briten haben im Gegensatz zu Deutschland eine Jahrhunderte alte demokratische Tradidition. Sie sind viel sensibler als wir Deutschen, wenn es um die Marginalisierung demokratischer Rechte geht. Das ist der Grund, warum sie ausgestiegen sind. Ob das ökonomische Nachteile für sie hat, ist zunächst zweitrangig. Ökonomie ist nicht alles!
knallcharge 02.07.2016
3. jetzt beruhigt Euch langsam,
die Briten sind Euch von der Schippe gesprungen, akzeptiert das endlich!
neu-ark 02.07.2016
4. Insofern
ist die Konsequenz für das britische Volk, sich darüber klar zu werden dass man ihnen ein Bewusstsein das über ein kindliches Gemüt nicht hinaus geht, also verantwortlich und zurechnungsfähig zu voten abgesprochen werden muss, wie nahezu allen von der herrschenden Klasse manipulierten Völkern. Der Mensch ist in Summe zu gleichgültig, die Ereignisse zu schnell und vergänglich. Wie sonst erklärt sich, dass die USA nach allen Skandalen in der Gunst der deutschen wieder steigt, ganz so wie die Geburtenrate.......
dieter-klaus.delacroix 02.07.2016
5.
Was für ein Blödsinn! Schließlich gibt es seit 1993 eine UKIP, die sich den Brexit auf die Fahnen geschrieben hatte, ebenso wie große Teile der Konservativen. Das ist sicher nicht in den letzten 12 Monate entstanden, und auch nicht die Privatangelegenheit zweier Männer. Wohl aber haben die letzten 12 Monate den Brexit sehr unterstützt. Übrigens: die britische Börse liegt jetzt 1,5% über dem Vor-Brexit-Stand... :) GB wird sicher nicht untergehen, eher im Gegenteil.
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